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Engels an Marx
in Ramsgate

Manchester, 10. August 1870

Lieber Mohr,

Heute ist der 10. August. Sollten die Pariser ihn ganz vergessen haben? Nach der „Pall Mall G[azette]" heut abend scheint es nicht. Das bas empire scheint sich in einen Furz aufzulösen. Badinguet dankt ab von der Armee und muß sie Bazaine!! geben, der jetzt sein bester Mann, von den noch Ungeschlagenen, ist. Das heißt doch in der Tat, er dankt überhaupt ab. Es scheint, als solle den Leuten die Revolution sehr leicht gemacht werden; alles geht ganz von selbst aus dem Leim, wie auch nicht anders zu erwarten. Die nächsten paar Tage werden dies sicher entscheiden.

Ich glaube, die Orleanisten sind – ohne die Armee – nicht stark genug, eine Restauration sofort riskieren zu können. Da sie jetzt die einzig noch mögliche Dynastie, so werden sie vielleicht selbst wieder ein republikanisches Interregnum vorziehn. In diesem Fall würde die Ex-Marseillaise wohl ans Ruder kommen?

Ich glaube, einer Republik gegenüber verstehn sich die Preußen zu einem im ganzen ehrenhaften Frieden. Es kann ihnen nicht konvenieren, 1793 und 1794 wieder heraufzubeschwören. Die ganze Thronrede des Wilhelm1 zielte darauf hin, daß auf eine Revolution spekuliert wurde und man die Sache nicht aufs Äußerste treiben wollte. Dagegen ist allerdings seitdem die nationale Wut in Deutschland groß und der Schrei nach Elsaß und Lothringen allgemein. Auch ist auf Wilh[elm] nicht zu rechnen. Aber ich glaube doch vorderhand noch, daß man sich mit weniger begnügen wird. Etwas Land wird Frankreich wohl lassen müssen. Und daß der élan von 1793 sich reproduziere, und zwar wirksam, dazu gehören auch die Feinde von 1793, und, wie Du mit Recht sagst, auch etwas andre Franzosen, als die soeben aus dem bas empire kommen.

Ich vermute übrigens, daß die Preußen schon mit den Orléans Verhandlungen gehabt haben.

Daß Bismarck in Wien gewesen, scheint mir ein dortiges Börsengerede. Wien ist stark darin.

Was Du wegen der Russen sagst, auch ganz meine Meinung. Und lange wird's nicht dauern, bis es dahin kommt. Ich bin überzeugt, Bismarck wird sich für diesen Fall die Franzosen im voraus menagieren.

Über die Strategie des Badinguet gestern (leader2) und heute abend in der „P[all] M[all] G[azette]". Seitdem noch neue Dummheiten entdeckt. Das 7. Korps Félix Douay ist erst am 1. Aug. von Belfort ganz gemütlich nach Altkirch marschiert und wird also jetzt, da die Linie Straßburg-Nancy bei Zabern von den Deutschen besetzt ist oder sein wird, über Vesoul und Chaumont nach Metz oder Châlons befördert werden müssen. Solch eine Sauerei ist noch nicht dagewesen. Ausgezeichnet, daß grade die Deutschen diesen ganzen Schwindel mit einem Schlage auflösen!

Welche Vorstellungen man sich in der französischen Armee vom Gegner gemacht, geht am besten aus den seit Sonntag im „Temps" veröffentlichten Briefen vom Kapitän Jeannerod hervor. Der Biedermann wurde in Saarbrücken gefangen und sah das 8. Korps (unsere Rheinländer). Das Erstaunen des Kerls ist zum Totlachen. Gleich der erste Anblick des preußischen Lagers imponiert ihm enorm. „Une belle et bonne armée, une nation fortement organisée pour la guerre"3, zeigt sich ihm in allem, bis zum preußischen Unteroffizier, dessen „valeur morale, malheureusement digne ist d'être enviée par nous"4. Und das war noch einer der Gescheutesten, der selbst gut Deutsch kann! Auch gibt er zu, daß die Preußen weit besser schießen als die Franzosen.

Die Deutschen haben jetzt 11/4 Millionen Soldaten unter den Waffen, so daß selbst 100 000 – 200 000 Italiener (= der Hälfte Franzosen) wenig Unterschied machen. Östreich riskiert eine Revolution in Wien, wenn es sich rührt. Rußland wird wohl safe5 sein, bis der Friede geschlossen oder eine revolutionäre Regierung in Paris ist, auf die bei Mogeleyen kein Verlaß ist. Man wird sich allerseits hüten, den in Wut gesetzten deutschen Michel noch mehr zu reizen. Du siehst aber, wie recht ich hatte, in dieser preußischen Militärorganisation eine ganz enorme Kraft zu sehn, die bei einem Nationalkrieg, wie jetzt, vollständig unbesiegbar ist.

Es heißt jetzt offiziell: Die I., II., III. deutsche Armee.

Ich will nochmals in den Schiller nach den letzten Telegrammen sehn.

Beste Grüße an Euch alle.

Dein F. E.

Wegen dem Haus noch immer nichts gehört.6 Unter den Umständen wäre es vielleicht doch besser, sich nicht auf 31/2 Jahr zu binden; ich warte noch ein paar Tage, bis ich dem Kerl7 schreibe.