Manchester, 31. Juli 1870
Lieber Mohr,
Inl. hast Du den preußischen Feldzugsplan1. Ich bitte Dich, sofort ein cab2 zu nehmen und ihn auf die „P[all] M[all] G[azette]“ zu bringen, damit er Montag abend erscheint. Er wird der „P. M. G.“ und mir eine enorme Reputation machen; am Dienstag können sich die Sachen schon so weit entwickelt haben, daß jeder Esel sich die Geschichte zurechtlegen kann. Ob mein Nr. II3 Samstag erschienen, weiß ich nicht, da die „P. M. G.“ hier heute nicht in den Klubs angekommen ist. Ich tue mir auf diese Geschichte etwas zugut, da es wirklich nicht leicht war, diesen Plan zu erraten. Das entscheidende Moment war die Nachricht, daß ein Vetter von Gumpert, Kompaniechef im 77. Regiment, Avantgarde des 7. Armeekorps, am 27. Juli von Aachen nach Trier abmarschierte. Da wurde mir der ganze Kram klar.
Außerdem ist es nötig, daß Du mit Greenwood abmachst, daß ich ihm die Artikel direkt schicke8, damit sie denselben Tag noch erscheinen können. Zeitverlust ist jetzt für diese Art Artikel tödlich. Ich denke, 2mal die Woche – durchschnittlich, bei dringenden Fällen öfter, bei Ruhe der Ereignisse seltner – ihm einen Artikel zu schicken. Dazwischen etwa kurze Notizen bei Gelegenheit, die er beliebig verwenden kann.
Es wird allerdings immer blamabler für uns, unter Wilhelm4 Krieg zu führen. Aber doch gut, daß er sich so greulich lächerlich macht mit seiner göttlichen Mission und seinem Stieber, ohne den nun einmal die deutsche Einheit nicht fertig wird. Die Adresse der Internationale5 war hier im Toryblatt „Courier“ Samstag abgedruckt, wäre es ein anderer Wochentag gewesen, so hätten auch die andern Blätter sie gebracht, die Samstagsannoncen waren dagegen. Die Adresse wird den Populus6 aller Klassen lehren, daß jetzt nur noch die Arbeiter eine „wirkliche Foreign policy7“ haben. Sie ist sehr gut, und die „Times“ hat sie sicher nur wegen der Russen nicht genommen.8 Die Regierungen wie die Bourgeoisie werden sich ungeheuer wundern, wenn nach dem Krieg die Arbeiter ihre unterbrochne Aktion ruhig wieder aufnehmen, als wäre gar nichts vorgefallen.
Mein Vertrauen in die militärischen Leistungen der Deutschen wächst mit jedem Tage. Das erste ernstliche Gefecht hätten wir also richtig gewonnen. Die Franzosen scheinen noch gar nicht zu wissen, was man ihnen mit dem Hinterlader für ein Ding in die Hand gegeben.
Das Spiel, das Moltke spielt, ist sehr gewagt. Nach meiner Berechnung ist er mit seiner Konzentrierung vor Dienstag oder Mittwoch nicht fertig. Von Aachen bis zur Grenze sind ca. 20 deutsche Meilen, 4–5 starke Märsche, besonders bei der Hitze. Also kann das 7. Korps kaum vor morgen vollständig an der Saar stehn, und heute ist möglicherweise schon die Hauptschlacht. Jedenfalls ist es so finely cut9, daß 24 Stunden mehr oder weniger ungeheuer viel ausmachen werden. Die eigentliche Schlacht wird wohl an der Saar zwischen Merzig und Saarbrücken stattfinden.
Es ist gut, daß die Franzosen zuerst auf deutschem Gebiet angegriffen haben. Wenn die Deutschen einer abgeschlagenen Invasion auf dem Fuß folgen, so macht das in Frankreich sicher nicht denselben Effekt, als wenn sie ohne vorherige Invasion nach Frankreich einmarschieren. Der Krieg bleibt auf französischer Seite dadurch mehr bonapartistisch.
Der schließliche Erfolg – daß die Deutschen am Ende siegen – ist mir ganz unzweifelhaft, der Plan von Moltke verrät aber die absolute Gewißheit, in der ersten Schlacht mit erdrückender Überlegenheit auftreten zu können. Wir werden wohl schon Dienstag abend wissen, ob er sich nicht verrechnet hat. Der Moltke rechnet oft ohne seinen Wilhelm.
Je mehr der deutsche Philister vor seinem gottvertrauenden und vor Gott kriechenden Wilhelm kriecht, desto frecher wird er gegen Frankreich. Das alte Geheul von Elsaß und Lothringen ist schon wieder ganz flott im Gange – die Augsburger10 voran. Die Lothringer Bauern werden es aber den Preußen schon beibringen, daß das so einfach nicht ist.
Wegen des Vertrags hast Du ganz recht. Die Leute sind nicht ganz so dumm, wie Bismarck sich einbildet. Die Sache hat nur das Gute, daß jetzt der ganze Dreck an den Tag muß, und dann, daß zwischen Bismarck und Bonaparte die Mogelei jetzt am Ende ist.
In der ganzen Neutralitätsgeschichte, Kohlen inklusive, benehmen sich die Deutschen ganz geschichtsmäßig als Kinder. Das sind Fragen, die dem Volk noch nie vorgekommen sind. Wer hat denn je nach ihnen gefragt?
Die Russen inliegend zurück. Russ bleibt Russ. Was ist das für eine Klatschmichelei, sechs Russen zanken sich untereinander, als ob die Herrschaft der Welt vom Resultat abhinge. Und die Anklagepunkte gegen Bakunin auch noch nicht drin, bloß der Jammer über die Klüngelei in der Schweiz. Jedenfalls scheinen die Unsrigen ehrlich zu sein, soweit das einem Russen möglich, ich würde aber doch vorsichtig mit ihnen sein. Inzwischen ist es ganz gut, all den Klatsch zu kennen, er gehört einmal zur Diplomatie des Proletariats.
Den „Volksstaat“ erhalte ich durch Schuld der Post ganz unregelmäßig. Die Nr. vom 23. hatte ein Kreuzband mit Poststempel vom 19. um, so manipulieren die Kerls. Viele Nrn. fehlen ganz. In den beiden letzten war Wilhelm10 nicht sehr aktiv dumm, er hatte sich hinter die Fraternisation der deutschen und französischen Arbeiter retiriert.
Schorlemmer hat 2 Brüder in der hessischen Division, einjährige Unteroffiziere.
Von Smith weiter nichts gehört. Besten Dank für die Bemühung. Wenn ich diese Woche nichts höre, so schreib’ ich etwas derb an den Smith. Was ist das für eine Idee von solch einem Aristokraten, hier selbst Erkundigungen einziehen zu wollen! Hätte er seinem banker11 das überlassen, so hätte er in 3 Tagen alle Auskunft. Der Mann muß aber sich selbst für einen businessman halten. Rindvieh!
Beste Grüße an Euch alle. Lizzie ist mit ihrem Knie in guter Besserung.
Dupont hatte sich, wohl durch den Mothet, ein Haus in der allerungesundesten Nachbarschaft, dicht an dem Stinkfluß, anhängen lassen, ich habe aber dafür gesorgt, daß er ein andres genommen hat. Sprich aber mit ihm nicht davon, es ist erledigt. Den Mothet hat er mir aber nicht wieder gebracht; Serraillier wird ihm deswegen geschrieben haben, und D[upont] scheint jetzt selbst Erleichterung zu fühlen, daß er den Kerl nicht mehr Tag und Nacht am Halse hat.
Dein F. E.
Norddeutsche Bundesarmee.
1 Gardekorps und 12 Linienkorps:
| Summa 114 Regimenter Infanterie à 3 Bataillone | = Bat. 342 |
| Jäger und Schützen-Bataillone | = „ 16 |
| Hessische Division: 4 Rgt. à 2 Bat. und 2 Bat. Jäger | = „ 10 |
| Linie-Bataillone 368 | |
[368]
Landwehr.
| 93 Rgt. à 2 Bat. und 12 lose Bat. | = Bat. 198 | |
| Hessen angeschlagen zu | „ 6 | 204 |
| Fertig organisiert Bat. 572 | ||
Ersatztruppen werden organisiert, sobald die Feldarmee und Landwehr mobil gemacht ist, und zwar ohne weiteren speziellen Befehl:
| Linie, 4te Bataillone von 114 Rgt. | „ 114 |
| Landwehr, 3te „ „ 93 „ | „ 93 |
| Bataillone 779 | |
Für diese Ersatztruppen sind die Offiziere sofort bei der Mobilmachung auszuscheiden, sie können 4–6 Wochen nach der Mobilmachungsordre fertig sein, es sind die besten Bataillone der Armee. Sowie sie organisiert sind, wird mit den 5ten Bataillonen der Linie und den 4ten der Landwehr angefangen, usw. Es sind also organisiert:
| Linie, 368 Bat. à 1000 Mann | 368000 | |
| Landwehr, 204 „ à 800 „ | 163200 | 531200 |
Vorgesehen zur Organisation:
| Linie, 114 Bat. à 1000 Mann | 114000 | |
| Landwehr, 93 „ à 800 „ | 74400 | 188400 |
| Total Infanterie 719600 | ||
| Bayern 2 Armeekorps, sage 50 Bat. + 30 Bat. Landwehr | = 80 Bat. |
| Württemberg 1 Division, sage 16 Bat. + 10 Bat. Landwehr | = 3612 „ |
| Baden 1 Division, sage 9 Bat. + 5 Bat. Landwehr | = 14 „ |
| 130 Bat. = ca. 110000 | |
Die Süddeutschen schlage ich so niedrig wie möglich an. Kavallerie und Artillerie lasse ich ganz aus dem Spiel, um nur die Stärke an Infanterie zu vergleichen, weil diese entscheidet.
Die Franzosen haben:
| Garde 33 Bat., Linie 100 Rgt. à 3 Bat. | Bat. 333 |
| Zuaven 3 Rgt. = 9 Bat. | |
| Turkos 3 Rgt. = 9 Bat. | |
| Fremde pp. 5 Bat. | „ 23 |
| Chasseurs à pied13 | „ 20 |
| Bat. 376 | |
Davon hat das Bat. 8 Komp.; wenn, wie 1859, die 24 Komp. des Bat. in 4 Bat. à 6 Komp. geteilt wird, so kann man die Komp. auf 150 Mann verstärken und das 4te Reseverbat. bilden, auf 115 Rgt.
| Bat. 115 |
| Bat. 491 |
Wenn von der Mobilgarde viel organisiert, so sind’s „ 100
Infanterie 580000 Mann = Bat. 591
Alles andre muß neu formiert werden durch von der Feldarmee zurückgehaltene oder wieder in Aktivität gerufene Offiziere. Dabei ist die Mobilgarde im Feld als solche nicht zu verwenden, wenigstens nicht vor 2–3 Monaten, da sie nur 14 Tage jährlich seit 1868 exerziert hat. Die Cadres der französischen Armee (Linie) sind andrerseits zu eng, um die zahlreichen (nicht oder nur wenig einexerzierten) Reserven zu fassen. Das ganze neue System existiert erst seit 1868. Übrigens muß ich doch über dieses neue System, das die innere Organisation der französischen Armee fast ganz unberührt gelassen, Näheres abwarten, es mag da manches im stillen gemacht sein. Jedenfalls reichen die ausgebildeten Mannschaften nur hin, die organisierten Linienbataillone auf Kriegsfuß zu setzen.