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Jenny Marx (Tochter) an Ludwig und Gertrud Kugelmann
in Hannover

[London] 8.Mai 1870

Vielen, vielen Dank, mein lieber Herr und meine liebe Frau Kugelmann, für die schönen Geschenke, die Sie mir geschickt haben. Ich weiß nicht, was mich mehr entzückt, die Gravüren oder die Lieder – meine Augen und Ohren sind gleichermaßen beschäftigt. Mohr hat sich sehr über die Manschettenknöpfe gefreut, und die Blumen sind tatsächlich sehr kunstvoll gearbeitet. Er ist auch entzückt von der Leibniz-Tapete und hat ihr schon einen Platz in seinem Arbeitszimmer gegeben, wo wir sie an der Wand über dem Kaminsims aufgehängt haben.1 Leider hat das blaue Tapetenpapier die schöne Gravüre beschädigt, die Cäsars Tod darstellt, es hat blau abgefärbt. Überhaupt sind die Gravüren durch die Art, wie sie verpackt waren, beschädigt worden. – Kaulbachs Geschichte ist teilweise eingerissen. Wir hoffen jedoch, daß der Glaser, der das Bild einrahmen wird, es wieder ausbessern kann. Die Kiste ist erst gestern nachmittag (Sonnabend) angekommen – sie muß also sehr lange unterwegs gewesen sein.

Nicht zuletzt muß ich Ihnen auch noch danken für Ihre liebenswürdigen Briefe und guten Wünsche zu meinem Geburtstag. Es hat mir sehr leid getan zu hören, daß Sie, lieber „Doktor“, sich wieder schlecht fühlen, und ich hoffe, bald bessere Nachrichten zu erhalten. Mohr geht es auch gar nicht gut, er ist schwer erkältet. Alle anderen Bewohner von Modena Villas, einschließlich vier Katzen und eines Hundes, sind wohlauf, aber in großer Erregung seit letztem Sonntag, als die Nachricht aus Paris kam, es sei eine Verschwörung gegen Bonapartes Leben aufgedeckt worden. Sie wissen sicherlich aus den deutschen Blättern, daß die blödsinnige französische Regierung zuerst die Internationale in diese Affäre zu verwickeln suchte, und daß eine große Anzahl ihrer Mitglieder der Pariser und Lyoner Sektionen arretiert worden sind. Die Lakaienseelen der englischen und französischen Presse haben natürlich diese Gelegenheit sofort benutzt, um mit wütenden Angriffen über die Internationale herzufallen und ihre Regierungen aufzufordern, diese verhaßte Assoziation als die Wurzel allen Übels zu verbieten. Nichtsdestotrotz war die französische Regierung jedoch gezwungen, zu erklären, daß die Internationale nichts mit der Verschwörung zu tun hat und daß das Verbrechen, um dessentwillen man ihre Mitglieder verfolgt, ausschließlich darin besteht, einer „unerlaubten Gesellschaft“ anzugehören. Mohr hat eine Erklärung2 geschrieben, die vom Generalrat einstimmig angenommen wurde, in der er jede Mitschuld der Internationale in der Angelegenheit zurückweist.

Nach Verlautbarungen der französischen Regierung ist Herr Gustave Flourens tief in das Komplott verwickelt, und da dieser Herr in England weilt, hat die französische Regierung insgeheim die englische Regierung ersucht, ihn auszuliefern; doch Herr Gladstone, der sehr wohl weiß, daß ihn dies seinen Posten als Premierminister kosten würde, wenn er das täte (wie es Palmerston im Falle von Simon Bernard geschah3), erklärt, das Ministerium könne in der Angelegenheit nichts tun ohne weitere Schuldbeweise gegen Herrn Flourens. Aber in Wirklichkeit hat die französische Regierung keine Beweise gegen Herrn Flourens in den Händen. Denn angenommen, es sei bewiesen, daß er Geld nach Paris geschickt hätte, um das Volk für den Fall eines Aufstands mit Bomben zu bewaffnen, so besagt das noch nicht, daß er irgend etwas mit der beabsichtigten Ermordung des Kaisers zu tun hat. Am letzten Sonntag (meinem Geburtstag), als uns die Nachricht von dem aufgedeckten „Komplott“ erreichte, weilte Herr Flourens in unserem Hause. Sie können sich vorstellen, daß mein Geburtstag alles andere als ruhig oder fröhlich war. Wir wußten damals noch nicht, daß Herr Flourens nicht sofort verhaftet werden konnte. Er ist der Sohn des berühmten Naturforschers gleichen Namens und hat selbst ein Buch über Ethnographie geschrieben sowie Vorlesungen im Collège de France gehalten. In ihm verkörpern sich auf ganz ungewöhnliche Weise der savant und der homme d’action4.

Das Positive der Verschwörung ist, daß sie den Dezember-Mann5 gezwungen hat, seine liberale Maske abzuwerfen und sich in seiner wahren Gestalt zu zeigen. In Paris herrscht ein System des „weißen Terrors“. Gestern wurden alle Zeitungen der Opposition beschlagnahmt, die Bevölkerung ist bis an den Rand der Verzweiflung getrieben. Niemand weiß, was heute geschehen wird.

Ich schreibe weiter für die „Marseillaise“, mehrere meiner Briefe sind im „Irishman“, der Nationalzeitung Irlands, zitiert worden. Im Augenblick warte ich auf Nachrichten aus Irland über die Behandlung der politischen Gefangenen. Wenn ich nicht bald eine Antwort bekomme, werde ich anfangen zu glauben, daß der Brief, den ich an die Frauen der Gefangenen geschrieben habe, von der britischen Regierung abgefangen worden ist, Unglücklicherweise habe ich ihn mit meinem richtigen Namen unterschrieben!

Es ist Postzeit!

Küssen Sie das liebe Fränzchen für mich, mein gutes Trautchen, und mit vielem herzlichen Dank für Ihre Liebenswürdigkeit verbleibe ich

Ihre Sie verehrende
Jenny

Mama und Tussy senden die besten Grüße – ich vergaß, Ihnen mitzuteilen, daß Dr. Gans uns dreimal besucht hat. Er hat uns Karten für mehrere Opern geschickt.

Aus dem Englischen.