London, 17.Febr. 1870
Lieber Kugelmann,
Gestern bin ich zum erstenmal seit langer Zeit wieder an die freie Luft gekommen.
Zunächst Geschäftliches: Sei so gut und schicke Du unmittelbar 1 Exemplar „Vogt“ an Asher u. Co., Unter den Linden 11, Berlin. Es ist mir lieb, wenn Du bei Absendung des Buchs einen Postempfangsschein aushändigen läßt, ditto mir selben zuschickst. Ferner verpflichtest Du mich, wenn Du mir ungefähr herausbringen kannst, zu welcher Zeit C.Hirsch Dir schrieb von wegen des „Vogt“.
Die Broschüre, die Du mir geschickt hast, ist eines der Plädoyers, womit die privilegierten Stände der deutsch-russisch-baltischen Provinzen in diesem Augenblick an deutsche Sympathien appellieren.1 Diese Kanaillen, die sich durch ihren Diensteifer in der russischen Diplomatie, Armee und Polizei von jeher ausgezeichnet haben und die seit dem Übergang der Provinzen von Polen an Rußland ihre Nationalität mit Vergnügen für gesetzliche Legitimation ihrer Exploitation des Landvolks verschacherten, schreien jetzt auf, weil sie ihre privilegierte Stellung bedroht sehen. Das alte Ständewesen, orthodoxer Lutheranerismus und Aussaugung der Bauern, das ist es, was sie die deutsche Kultur nennen, zu deren Schutz Europa sich jetzt in Bewegung setzen soll. Daher auch das letzte Wort dieser Broschüre – Grundeigentum als Basis der Zivilisation und dazu Grundeigentum, was nach dem Geständnis des elenden Pamphletschreibers selbst größtenteils aus direkt herrschaftlichen Gütern besteht oder aus tributpflichtigen Bauerngütern.
In seinen Zitaten – soweit sie das russische Gemeineigentum betreffen – zeigt der Kerl sowohl seine Unwissenheit als den cloven foot2. Schédo-Ferroti ist einer der Burschen, die das Gemeineigentum zur Ursache des jämmerlichen Standes der russischen Bauern machen (natürlich in the interests of the landlordism3) ganz wie früher die Aufhebung der Leibeigenschaft in Westeuropa – statt des Verlusts der Leibeignen an ihrem Land – als Ursache des Pauperismus verschrien wurde. Von demselben Kaliber ist das russische Buch „Land und Freiheit“. Sein Verfasser ist ein ostseeischer Krautjunker von Lilienfeld4. Was die russische Bauerschaft elend macht, ist dasselbe, was die französische unter Ludwig XIV. etc. elend machte – Staatssteuern und der Obrok5 an die großen Grundbesitzer. Statt das Elend hervorzubringen, hat das Gemeineigentum allein es gemäßig.
Es ist ferner eine historische Lüge, dies Gemeineigentum sei mongolisch. Wie ich verschiedentlich in meinen Schriften angedeutet, ist es indischer Abkunft und findet sich daher bei allen europäischen Kulturvölkern im Beginn ihrer Entwicklung. Die spezifisch slawische (nicht mongolische) Form desselben in Rußland (die sich auch bei nichtrussischen Südslawen wiederholt) hat sogar am meisten Ähnlichkeit, mutatis mutandis6, mit der altdeutschen Modifikation des indischen Gemeineigentums.
Daß der Pole Duchinski in Paris den großrussischen Stamm für nicht slawisch, sondern mongolisch erklärt und dies mit viel Aufwand von Gelehrsamkeit zu beweisen gesucht hat, war vom Standpunkt eines Polen in der Ordnung. Dennoch ist die Sache falsch. Nicht die russische Bauernschaft, sondern nur der russische Adel ist stark mit mongolisch-tartarischen Elementen versetzt. Der Franzose Henri Martin hat seine Theorie von Duchinski genommen, und „der begeisterte Gottfried Kinkel“ hat Martin übersetzt und sich zum Polenenthusiasten aufgeworfen, um die demokratische Partei seine servile Huldigung gegen Bismarck vergessen zu machen.
Daß dagegen der russische Staat in seiner Politik Europa und Amerika gegenüber den Mongolismus vertritt, ist natürlich eine jetzt schon zum Gemeinplatz gewordne Wahrheit, also selbst Leuten wie Gottfried und den ostseeischen Krautjunkern, Spießbürgern, Pfaffen und Professoren zugänglich. Der baltisch-deutsche Wehrufskandal muß daher trotz allem ausgebeutet werden, weil er die deutsche Großmacht Preußen in eine „ökliche“ Position versetzt. Alles, was von unserer Seite Antipathie gegen jene „Vertreter der deutschen Kultur“ hervorruft, muß sie ja grade in den Augen Preußens erst recht des Schutzes wert machen!
Noch ein Beispiel von der krassen Ignoranz des Pamphletschreibers! In seinen Augen war die Abtretung des russischen Nordamerika nichts als ein diplomatischer Pfiff der russischen Regierung, die nebenbei bemerkt was very hard pressed for costs7. Aber die Hauptpointe ist die: Der amerikanische Kongreß hat neulich die Aktenstücke über jene Transaktion publiziert. Darin findet sich u. a. ein Bericht des amerikanischen Geschäftsführers, worin er ausdrücklich nach Washington schreibt: Die Erwerbung sei einstweilen ökonomisch keinen Cent wert, aber – aber England wird dadurch von einer Seite vom Meer durch die Yankees abgeschnitten und der Heimfall des ganzen britischen Nordamerika an die U[nited] St[ates] beschleunigt. Da liegt der Has im Pfeffer!
Deine Korrespondenz mit Jacoby8 habe ich der Sache nach gebilligt, nur hat mich das übertriebene Lobspenden für meine Wirksamkeit absolut schockiert. Est modus in rebus9 wenn Du denn einmal loben willst. Der alte Jacoby selbst ist sehr lobenswert. Welcher andre old radical in Europa hat diese Ehrenhaftigkeit und diesen Mut besessen, so direkt sich auf die Seite der proletarischen Bewegung zu stellen? Daß seine Übergangsmaßregeln und Detailvorschläge nicht viel taugen, ist ganz Nebensache. Unter uns gesagt – take all in all10 – ich erwarte für die soziale Bewegung mehr von Deutschland als von Frankreich!
Ich hatte einen großen Strauß mit dem Intriganten Bakunin. Doch darüber im nächsten Brief.
Meine besten Komplimente à Madame la Comtesse11 und Fränzchen.
Dein
K.M.