Manchester, 8.Mai 70
Lieber Mohr,
Mit der Komplottposse scheint mir Herr Pietri das Ziel stark überschossen zu haben. Diese alten Narrenpossen glauben sich endlich die Polizisten einander selbst nicht mehr. Es ist gar zu schön. Dieser lausige Bonaparte hat für jede Krankheit ein stehendes Mittel; bei einem Plebiszit muß dem populus eine Dosis Attentate eingegeben werden, wie ein Quacksalber jede große Kur mit einem starken Laxiermittel anfängt. Ich bin begierig auf das Resultat der Kur, ich kenne bis jetzt bloß die Pariser Abstimmung, die zu gut war, als daß alle Beamtenfälschung imstande war, sie ganz zu verfälschen.
In „Daily News“ und „Observer“ war gradezu angezeigt, daß die englische Polizei der französischen das Nötige besorgt und telegraphiert habe. Mit dem Fenian scare1 hat die englische Polizei den Mantel ganz fallenlassen und ist gemeiner als irgendeine. NB. Nimm zu den Kuverts doch dünneres Papier, diese dicken Kuverts will ich öffnen und schließen, ohne daß eine Spur bleibt.
Die Heldentaten der englischen Polizei betreffend die Internationale und Fl[ourens] solltet Ihr doch veröffentlichen in Frankreich und Deutschland.2
10 000 copies = £ 40 ist verdammt billig, ich hätte geglaubt, der „Standard“ verkaufte sich teurer. Dieser Bestechungsmodus ist hier aber schon lange üblich.
Flerowski scheint nicht konfisziert zu sein, wenigstens sind Exemplare in Leipzig. Mein Esel von Buchhändler hatte nicht den russischen Text, sondern eine nicht existierende englische Übersetzung verlangt. Daher die Nichtankunft.
Der „Колоколъ“ wird also unter Bakunin noch schöner, wie er unter Herzen war.
Mit Monsieur Wilhelm3 ist es nicht mehr zum Aushalten. Du wirst gesehn haben, wie „durch Abwesenheit des Setzers“ (der also der eigentliche Redakteur ist) der „Bauernkrieg“ in einem Durcheinander gedruckt wird, das Grandperret nicht besser machen könnte, und dabei untersteht sich das Vieh, mir Randglossen ohne jede Angabe des Verfassers drunterzusetzen, die reiner Blödsinn sind, und die jedermann mir zuschreiben muß. Ich habe es mir schon einmal verbeten und er tat pikiert, jetzt kommt der Blödsinn aber so dick, daß es nicht länger geht. Der Mensch glossiert ad vocem4 Hegel: dem größern Publikum bekannt als Entdecker (!) und Verherrlicher (!!) der königlich preußischen Staatsidee (!!!). Ich habe ihm hierauf nun gehörig gedient und ihm eine, unter den Umständen möglichst milde Erklärung zum Abdruck zugeschickt. Dieses Vieh, das jahrelang auf dem lächerlichen Gegensatz von Recht und Macht hilflos herumgeritten wie ein Infanterist, den man auf ein kollriges Pferd gesetzt und in der Reitbahn eingeschlossen hat – dieser Ignorant hat die Unverschämtheit, einen Kerl wie Hegel mit dem Wort: „Preuß“ abfertigen zu wollen und dabei dem Publikum weiszumachen, ich hätte das gesagt. Ich bin das Ding jetzt satt. Wenn Wil[helm] meine Erklärung nicht druckt, so wende ich mich an seine Vorgesetzten, den „Ausschuß“, und wenn die auch Manöver machen, so verbiete ich den Weiterdruck. Lieber gar nicht gedruckt, als von Wilh[elm] dadurch zum Esel proklamiert.
Borkheim incl. zurück. Der Mann ist allerdings sehr gnädig, den Lever spaßhaft finden zu wollen. Der „Boquillon“ ist sehr hübsch5, die andern Sachen hab’ ich noch nicht gelesen.
Über Schapper kann ich Dir nichts sagen, was Du nicht selbst weißt oder viel besser von Pfänder erfährst.6
Die „Kölnische Zeitung“ läßt sich aufbinden, der Boden des Atlantischen Ozeans sei mit Protoplasma, „einem sich bewegenden und sich selbst ernährenden Schleim“, bedeckt.
Owen hat in London Clay7 den Schädel eines, den neuseeländischen flügellosen großen Vögeln ähnlichen, Riesenvogels gefunden.
Das Beste an dem altirischen Gesetz ist das Familienrecht. Das muß eine liederliche Zeit gewesen sein. Vielweiberei existiert wenigstens geduldet, und dabei sind die Konkubinen in 6–7 Klassen geteilt, darunter eine, die imris „whom he (the man) has with the consent of her husband“.8 Höchst naiv ist auch die Bestimmung wegen Vermögensdisposition. Haben beide gleich viel, Mann und (erste oder Haupt-) Frau, so disponieren sie gemeinsam. Hat der Mann alles und die Frau nichts, so disponiert der Mann. Hat die Frau alles und der Mann nichts, so „nimmt die Frau die Stelle des Mannes und der Mann die der Frau ein“. Doch immer zivilisierter als die modernen englischen Gesetze.
Auch die Rechtsverhältnisse von hommes entretenus9 sind geregelt.
Beste Grüße.
Dein
F.E.
Sei mir still von grauen Haaren. Mir kommen sie im Bart dick genug, aber die entsprechende dignitas10 will noch nicht kommen.