Manchester, 19. Januar 1870
Lieber Mohr,
Ich hoffe, Du bist jetzt mit dem infamen Karbunkel wieder besser dran nach dem Schneiden.1 Es ist doch eine scheußliche Geschichte. Bleib doch dran mit dem Arsenik, bis alle Symptome verschwunden und dann noch mindestens 3 Monat. Ich werde zu Gumpert dieser Tage gehn und ihn um seine Meinung fragen, sei aber so gut, mich vorher wissen zu lassen, wie lange Du mit dem Arsenik unterbrochen und wann Du wieder angefangen hast, damit ich ihm auf seine allererste Frage antworten kann.
Ich sollte meinen, daß es Dir nachgerade doch auch klarwerden müßte, daß selbst im Interesse Deines 2ten Bandes eine Änderung der Lebensweise Dir nötig ist. Bei der ewigen Wiederholung solcher Unterbrechungen wirst Du ja nie fertig; bei einer vermehrten Bewegung in der freien Luft, die Dir die Karbunkeln vom Leib hält, doch früher oder später.
Leider hab’ ich jetzt, wo ich die Packer im Warehouse2 nicht mehr kommandieren kann, nicht die Konvenienz zum Weinschicken wie früher. Ich muß warten wie beim Brauneberger, bis ich eine fertiggepackte Kiste vorfinde, oder hänge sonstwie vom Zufall ab. Daher ist auch das Kistchen Portwein, das ich Dir heute schicke, so schmächtig ausgefallen. Es ist eine alte Butterkiste von Renshaws, und mehr als 5 Flaschen konnte ich in den schmalen Raum nicht bringen, die dünnen Bretter hätten auch nicht mehr Gewicht ausgehalten. Indes, einige Zeit wird’s Dir doch wohl vorhalten.
Die Peter-Bonaparte-Geschichte ist eine famose Einweihung der neuen Ära in Paris. Louis3 hat décidément4 Pech. Für die Bürger eine höchst unsanfte Aufrüttelung aus der Illusion, als ob der ganze seit 18 Jahren mühsam und langsam gegründete Unterbau von Korruption und Schweinerei sofort verschwinde, sobald nur der edle Ollivier die Leitung übernehme. Konstitutionelle Regierung mit diesem Bonaparte, diesen Generalen, Präfekten, Polizisten und Dezembristen! Die Angst der Kerls, der Bourgeois nämlich, ist nirgends schlagender ausgesprochen als in Prévost-Paradols Brief in Montags-„Times“.
Das Schlimme bei der Historie ist nur, daß der Rochefort dadurch einen ganz übertriebenen Nimbus bekommt. Aber freilich, die offiziellen Republikaner sind auch gar zu lumpig.
Dem John Bright ist zu gratulieren. Der arme Teufel ist noch so unbehülflich in seiner neuen erhabnen Stellung, daß er trotz aller Diskretion den Irländern free land5 verspricht and opening of the prison doors6. Letzteres natürlich bloß, um es am folgenden Tag zu revozieren, sobald der geringste Versuch gemacht wird, ihn beim Wort zu nehmen. Was das free land betrifft, so hat das – im Brightschen Sinn, à la free trade7 – bereits der Encumbered Estates Court8 eingeführt.
Von dem Prendergast habe ich endlich ein Exemplar in einer hiesigen Bibliothek entdeckt und will hoffen, daß ich es mir werde verschaffen können. Zu meinem Glück oder auch Pech müssen nun auch die alten irischen Gesetze erscheinen, und so muß ich auch durch diese waten. Je mehr ich die Sache ergründe, desto klarer wird mir, daß Irland durch die englische Invasion um seine ganze Entwicklung geprellt und Jahrhunderte zurückgeworfen ist. Und zwar gleich vom 12. Jahrhundert an; wobei natürlich nicht zu vergessen, daß die 300-jährigen Invasionen und Plünderungen der Dänen das Land bereits ansehnlich zurückgebracht hatten; aber die hatten ja schon seit über 100 Jahren aufgehört.
In den letzten Jahren ist auch etwas mehr Kritik in die irischen Untersuchungen gekommen, besonders die antiquarischen Sachen von Petrie; der Mann hat mich genötigt, auch etwas Keltisch-Irisch zu lesen (natürlich mit Übersetzung daneben), die Sache scheint doch so schwer nicht zu sein, aber tiefer lass’ ich mich auf den Kram nicht ein, ich hab’ schon philologischen Blödsinn genug am Bein. Wie die Behandlung der alten Gesetze ist, werde ich dieser Tage sehen, wenn ich das Buch bekomme.
Zu Deinen russischen Fortschritten gratuliere ich. Du wirst Borkheim entzücken, es ist auch schon gut, das meinige ist beinah all wieder verschwitzt, und wenn Du Deins wieder verschwitzt hast, kann ich dann wieder anfangen.
Beste Grüße an Deine Frau und die Mädchen. Der Lafargue hat es ja fürchterlich mit der Eile.9
Dein F. E.