238
Engels an Marx
in London

Manchester, 9. Dez. 69

Lieber Mohr,

In den Berichten im „N[ational] Ref[ormer]“1 ist Dir allerdings auch einiger Unsinn in den Mund gelegt worden.(448) Ohne das geht’s nun einmal nicht. Die „Bee-Hive“ ignoriert, wie ich sehe, die ganze Debatte. Das nennt man Publizität, ganz wie die alte „Didaskalia für Geist, Gemüth und Publizität“.

Das mit dem „Irishman“ hatte ich halb erwartet. Irland ist noch immer die sacra insula2, deren Aspirationen ja nicht mit den profanen Klassenkämpfen der übrigen sündigen Welt dürfen zusammengeworfen werden. Dies ist teilweise sicher bei den Leuten aufrichtige Verrücktheit, teilweise aber auch ebenso sicher, bei den Wortführern, berechnet, um ihre Herrschaft über den Bauer aufrechtzuhalten. Dazu kommt, daß eine Bauernnation ihre literarischen Vertreter immer aus den Bourgeois der Städte und ihren Ideologen nehmen muß, und da ist Dublin ziemlich für Irland, was Kopenhagen für Dänemark (ich meine das katholische Dublin). Diesen Herren ist aber die ganze Arbeiterbewegung reine Ketzerei, und der irische Bauer darf ja nicht wissen, daß die sozialistischen Arbeiter seine einzigen Bundesgenossen in Europa sind.

Auch sonst ist der „Irish[man]“ sehr lausig diese Woche. Wenn er bei der ersten Drohung mit Suspension der Habeascorpusakte so sich zurückziehn wollte, so war das Waffengerassel von vorher erst recht nicht an der Stelle. Und nun gar die Angst, es möchten auch sonst noch politische Gefangene gewählt werden! Einerseits werden die Irländer, und ganz richtig, gewarnt, sich in keine Ungesetzlichkeiten verlocken zu lassen; andrerseits sollen sie abgehalten werden, das einzige Gesetzliche zu tun, das am Platz ist und revolutionären Charakter hat, und das allein die hergebrachte Praxis, stellenjagende Advokaten zu wählen, mit Erfolg durchbrechen und den englischen Liberalen imponieren kann. Hier liegt offenbar bei Pigott Angst vor, er möchte überholt werden.

Du erinnerst Dich übrigens, wie O’Connell auch immer die Irländer gegen die Chartisten hetzte, obwohl oder wohl weil diese auch die Repeal auf ihre Fahne geschrieben.

Die Anfrage an Applegarth ist kostbar. Man sieht, wie diese Lauselords und M. P.s3 sich einbilden, die ganze Arbeiterbewegung schon in der Tasche zu haben, weil Odger und Potter mit ihnen liebäugeln und die „Bee-Hive“ verkauft ist. Die Herren werden sich noch wundern. Inzwischen ist es gut, daß eine neue Wahl nicht sobald – dem Anschein nach – bevorsteht, die Herren müssen sich erst blamieren. Applegarth und Bracke incl. zurück.

Aus inl. Anfrage aus Solingen ersiehst Du, was ich alles leisten soll. Was ist da zu machen? Wenn ich den Leuten 50–100 Taler schicke, so nützt ihnen das nichts, und mehr kann ich nicht dran wagen, da es doch auf die Dauer sicher weggeworfnes Geld ist. Was ist Deine Meinung?

Die braven Herren vom tiers parti glauben, sie säßen schon in den Ministerstühlen, und haben sich schon ganz wunderbar blamiert. Sie stimmen ja ganz flott für die Rechtfertigung der Präfekten des Herrn de Forcade Laroquette. Auf diese Weise sehe ich nicht ein, wozu überhaupt ein Ministerwechsel nötig, wenn alles all right ist, was die jetzigen Minister getan. Andrerseits glaubt Louis4 sicher, er habe die Bürger jetzt mit dem roten Gespenst wieder so erschreckt, daß er mit Phrasen davonkommt. Die Sache verwickelt sich ganz hübsch.

Was die Preußen für Lauskerls sind. Kaum bläst von Paris ein scheinbar konstitutioneller Wind, so machen sie sofort kleine Konzessionen. Eulenburg übernimmt die Stellvertretungskosten der Abgeordneten, die Beamte sind, auf Staatskosten usw. Dafür prellt Camphausen die Kammer um jährlich 82/3 Millionen, die bisher zur Schuldentilgung gesetzmäßig verwandt werden mußten, wogegen er jetzt das Amortissement abschafft, außer wenn Regierung und Kammern beschließen, daß amortisiert werden soll. Die dummen Liberalen haben dies früher selbst verlangt und müssen jetzt dafür stimmen.

China, mit seiner allmählichen Marktexpansion, scheint den Cotton trade5 wenigstens für einige Zeit wieder retten zu wollen. Die Berichte von dort sind bedeutend besser, trotzdem viel hinkonsigniert worden, und seitdem ist hier wieder ein Umschwung und es wird wieder flott drauflosgearbeitet. Natürlich wird das die Baumwollpreise wieder hinauftreiben, und der ganze Profit geht in die Tasche des Importeurs. Aber sie arbeiten hier wenigstens ohne Verlust.

Mit Gottfried6 bin ich jetzt ganz im reinen. Er hat mir gestern den letzten Rest meines Geldes ausbezahlt, und wir werden uns jetzt wohl so ziemlich gegenseitig mit dem Hintern ansehen.
Beste Grüße.

Dein
F. E.

Was der Bracke für eine Angst davor hat, über Leute, die er doch genau kennen sollte, ein Urteil abzugeben. Scheint auch mehr Gutmütigkeit als Resolution zu haben.