Manchester, 5.Sept. 69
Lieber Mohr,
Gestern mittag von Ostende hier wieder eingetroffen. Ich kam in London 6¼ Uhr morgens an, fand 7½ Uhr einen Zug hieher und fuhr durch, da ich die ganze Nacht fast gar nicht geschlafen hatte und zu nichts anderm gut war. Auch dachte ich, Du seist mit Jenny fort1, und hörte erst hier das Gegenteil. Diese Verzögerung Deiner Abreise kommt mir etwas befremdlich vor, ich kann nicht denken, daß der Baseler Kongreß allein schuld daran ist, und da muß ich mich fragen, ob es sich vielleicht nicht um Geld handelt. Als Du die £ 75 verlangtest, schickte ich Dir 100, in der Vorstellung, Du könntest den Rest für die Reise verwenden, da ich dies aber nicht ausdrücklich sagte, hat sich vielleicht andre Verwendung dafür gefunden, und wenn dies so ist, so telegraphiere mir morgen früh (vor 10 Uhr wo möglich), wieviel Du brauchst. Wir werden nämlich morgen abend wohl nach Dublin abfahren und ich gegen 11–12 Uhr in die Stadt gehn, um die Geldgeschäfte zu besorgen, und da kann ich das noch mit abmachen.
Ich war einige Tage in Engelskirchen. Die Leute in Deutschland werden immer dummer. Die Arbeiterbewegung rückt ihnen zwar bedrohlich näher, und sie kokettieren alle mit ihr und haben nostrums2 aller Art, aber ihr Verstand ist darum nicht schärfer geworden, im Gegenteil. Mein Herr Bruder3 z. B. wollte die soziale Frage dadurch lösen, daß er „die Arbeit amortisiert“, grade wie er die Fabrikanlagen, Gebäude, Maschinerie usw. amortisiert, und zwar, indem er z. B. auf jedes Pfund Garn einen Groschen auf den Preis schlägt und damit die alt, krank und invalid gewordenen Arbeiter abfindet! Der bonhomme4 war ganz erstaunt, als ich ihm auseinandersetzte, wie bodenlos naiv und absurd diese Geschichte sei, und versprach schließlich, Dein Buch5 zu lesen. Über preußische Knappschaftsklassen gab er mir einen Artikel in Engels statistischer Zeitschrift, wonach die schreiendsten Infamien der sächsischen Statuten dort nicht vorkommen, sonst aber alles ebenso.
Der größte Mann in Deutschland ist unbedingt der Strousberg. Der Kerl wird nächstens deutscher Kaiser. Überall, wohin man kommt, spricht alles nur von Strousberg. Der Kerl ist übrigens gar so übel nicht. Mein Bruder, der Verhandlungen mit ihm hatte, hat ihn mir sehr lebendig geschildert. Er hat viel Humor und einzelne geniale Züge und ist jedenfalls dem Railwayking6 Hudson unendlich überlegen. Er kauft jetzt alle möglichen industriellen Etablissements auf und reduziert überall sofort die Arbeitszeit auf 10 Stunden, ohne den Lohn herabzusetzen. Dabei hat er das klare Bewußtsein, daß er als ein ganz armer Schlucker endigen wird. Sein Hauptprinzip ist: nur Aktionäre zu prellen, mit Lieferanten und andern Industriellen aber kulaut sein. In Köln sah ich sein Porträt ausgehängt, gar nicht übel, jovial. Seine Vergangenheit ist ganz dunkel, nach einigen ist er studierter Jurist, nach andern hat er in London einen Puff gehalten.
Wilhelmchen ist jetzt so tief gesunken, daß er nicht einmal mehr sagen darf, Lassalle habe Dich, und zwar falsch, abgeschrieben. Damit sind der ganzen Biographie die Hoden abgeschnitten, und wozu er sie dann noch abdruckt, kann nur er wissen.
Auch das elende „Felleisen“, nicht einmal den „Vorboten“, hat er zum Organ der Knoten in der Schweiz ernennen lassen! Es ist eine schöne Gesellschaft. Vgl. die Debatte über sozialdemokratische, demokratisch-soziale oder sozialdemokratische + demokratischsoziale Arbeiterpartei im Eisenacher Kongreß. Und Rittinghausen ihr Prophet!
Vom „18.Brum[aire]“ erwähnt Wilh[elm] noch immer nichts. Er würde da auch manches „auslassen“ müssen, was ihn und andre „verletzen könnte“!
Mit besten Grüßen von uns allen an Euch alle.
Dein
F. E.
Inliegend Bild zur Beförderung an den Zoologen Vogt. Liebknecht kann es durch seinen Freund Goegg vermitteln. Es ist vorn demokratisch und hinten sozialistisch, also ganz orthodox und demokratisch-sozialistisch.