London, 13. Jan. 1869
Dear Fred,
Thanks für die „Zukünfte“. (Thesmar und Georgios Jung!)
Ich verschob’s von Tag zu Tag, Dir zu schreiben, von wegen eines Stockschnupfens, der Aug, Ohr, Nase und den ganzen Kopf, seit about 2 weeks1, in förmlichem Belagerungszustand hält. Da jedoch unter diesem verdammten Nebelwetter noch keine Aussicht auf unmittelbare Erlösung vom Übel, will ich nicht länger warten. Ist’s bei Euch in Manchester auch so schön? Kein Wunder, daß hier suicides2 jetzt in voller Blüte. Nur der Irländer, selbst in den Seven Dials3, sagt, that „he would rather commit suicide on any one than himself“3.
Hat sich der Jüngling Th. von Gimborn aus Emmerich, Fabrikant in nuce4, bei Dir vorgestellt? Es ist mir nicht ganz klar, was er will. Erst sagte er mir, er wolle als Techniker für gewisse Zeit, say5 halbes Jahr, oder auch als gemeiner Arbeiter in eine Fabrik eintreten, um die Organisation usw. der englischen Fabrikarbeit zu studieren. Jetzt handelt es sich nur noch um 14tägigen Aufenthalt in einer Agrikulturmaschinerie liefernden Fabrik. Will Gimborn, after all6, nur hinter englische Fabrikgeheimnisse kommen? Dies wird ihm nicht so leicht gelingen.
Nun kurzer Bericht über die „internationalen Vorfälle“.
a) „Alliance Internationale de la Démocratie Socialiste“: Am 22. Dezember 1868 einstimmiger Beschluß des Generalrats7, dahin lautend: 1. Tous les articles du Réglément de l’Alliance etc. statuant sur les relations avec l’Association Internationale des Travailleurs, sont déclarés nuls et de nul effet; 2. l’Alliance etc. n’est pas admise comme branche de l’Association Internationale des Travailleurs.8 Die Motivierung des (von mir redigierten) Urteils hält sich ganz in juristischer Form, zeigt den Widerspruch des Reglements der beabsichtigten Alliance mit unsern Statuten etc. nach. Ein letztes considérant9, woraus der alte Becker10 speziell seine Eselei ersehn müßte, ist dies, daß der Brüßler Kongreß11 bereits die Frage präjudiziert11 habe mit Bezug auf die Ligue de la Paix et de la Liberté11. Dieser gegenüber, die anerkannt sein wollte von der Internationalen Assoziation, erklärte der Kongreß: Da die Ligue behaupte, dieselben Prinzipien zu haben und denselben Zweck zu verfolgen wie die Internationale Assoziation, habe sie keine „raison d’être“12, und, bemerkt dies considérant13 schließlich, „plusieurs membres du groupe initiateur de Genève“14 haben selbst in diesem Sinn zu Brüssel gestimmt.
Unterdessen haben wir Briefe von Brüssel, Rouen, Lyon etc. erhalten, worin man sich unbedingt für die Entscheidung des Generalrats erklärt. Nicht eine Stimme hat sich für le groupe initiateur de Genève erhoben. Daß diese Gruppe nicht ganz ehrlich verfuhr, schon daraus klar, daß sie uns erst von ihrer Stiftung und ihrem Treiben unterrichtete, nachdem sie vorher die Brüßler etc. zu gewinnen gesucht. Ich betrachte die Sache als erledigt, obgleich wir noch keine Antwort von Genf auf unser „Urteil“ haben. Der Versuch ist jedenfalls gescheitert.
b) Ad vocem15 Bakunin:
Zum Verständnis seines einfolgenden Briefs mußt Du folgendes wissen: D’abord16 kreuzte sich dieser Brief mit unsrer „Message“17, betreffend die „Alliance“. B[akunin] gibt sich also noch dem angenehmen Wahn hin, daß man ihn ruhig gewähren lassen werde. Ferner: Der Russe Serno war in seiner früheren Korrespondenz mit Borkheim entschieden gegen Bakunin. In meiner Antwort an Serno wünschte ich diesen Jüngling als Berichterstatter über Bak[unin] zu benutzen. Da ich aber keinem Russen traue, tat ich das in der Form: „Was macht mein alter Freund (ich weiß nicht, ob noch so) B[akunin] etc. etc.“ Russe Serno hat nichts Eiligeres zu tun, als dem B[akunin] diesen Brief mitzuteilen, und B[akunin] benutzt dies zu einem sentimentalen Entrée!
c) Ad vocem old Becker:
Dieser hat sich sehr verrannt. D’abord schickt er uns, d. d. Genf, 21. Dez., einen Brief von 4 Seiten über die Basler Geschichte18, aber ohne ein einziges fait précis19. Wir sollen jedoch sofort handeln. Gleichzeitig schreibt er an Leßner, wir (der Generalrat) hätten uns schon in der Genfer Affäre „kompromittiert“, dies dürfe nicht wieder vorfallen. Oder, sagt er wörtlich (in dem Brief an Leßner), „existiert der Generalrat, wie Gott, nur im Glauben der Dummen?“ In Genf spreche man nur mit Achselzucken von uns etc.
Darauf erhielt B[ecker] Antwort von Jung, worin der ihm schreibt, seine 4 Seiten lange Epistel enthalte nichts. Wie er glauben könne, daß auf solches vacuum Geld in London zu erhalten sei?
Becker hatte in seinem Brief vom 21. Dez. einen weiteren elaborate report20 angezeigt. Statt dessen erhalten wir den „Vorboten“. Du hast selbst gesehn, daß der „Vorbote“ in der Tat nur über den „beendigten“ lockout der ribbon weavers21 berichtet, aber durchaus nicht klarmacht, wie nun der weitere Konflikt sich entwickelt hat. Kurz, wir wissen to this very moment22 nichts weiter, als was im „Vorboten“ steht. Nicht nur kann daraufhin kein Schritt bei den Trades Unions geschehn. Es ist auch unmöglich, irgend etwas im Namen des Generalrats über diese Affäre zu publizieren. Wir können uns doch nicht der Antwort der Basler Wucherer aussetzen, daß wir ohne alle Sachkenntnis in die Welt schreien?
Summa Summarum, gestern vor 8 Tagen beschloß der Generalrat, sowohl dem Becker als Perret (dem französischen Korrespondenten für Genf) Rüffel zu erteilen, daß sie bis jetzt uns das nötige Material über die Basler Affäre nicht mitgeteilt. Und dabei hat es einstweilen sein Bewenden. Ich bedaure den old Becker. Aber er muß doch merken, daß wir die Zügel in der Hand halten, obgleich wir so lange als möglich uns aller direkten Intervention enthalten.
d) Strikes in Rouen, Vienne etc. (Cottonspinning23):
Sind about 6–7 weeks old24. Das Interessante an der Sache ist, daß vor einiger Zeit die master-manufacturers (und spinners)25 zu Amiens einen general congress hielten unter Vorsitz des Maire26 von Amiens. Hier beschlossen, auf Vorschlag eines gewissen faiseur27 namens Vidal, der längere Zeit in England gehaust – den Engländern in England Konkurrenz zu machen etc. Nämlich durch Errichtung von dépôts für französisches Garn etc. in England, sowohl für Verkauf dort als an die mit England direkt handelnden überseeischen Kaufleute. Und zwar sollte dies bewerkstelligt werden durch weitere Reduktion der wages28, nachdem man bereits zugegeben, daß nur durch die niederen wages (relativ zu den englischen) in Frankreich selbst (die existierenden Zölle vorausgesetzt) der englischen Konkurrenz widerstanden werde. In der Tat begann man nach diesem Amiens-Kongreß mit Lohnherabsetzung in Rouen, Vienne etc. Hence29 die strikes. Wir haben die Leute durch Dupont natürlich über den schlechten Stand der hiesigen Geschäfte unterrichten lassen (speziell auch des cotton trade30), daher über die Schwierigkeit, in dieser Zeit Geld beizutreiben. Meanwhile31, wie Du aus einliegendem Brief (Vienne) siehst, ist der strike zu Vienne zu Ende gekommen. Denen von Rouen, wo der Konflikt fortdauert, haben wir vorderhand Anweisung auf 20 £ auf die Pariser Bronzearbeiter geschickt, die uns dies Geld noch von ihrem lockout her schulden. Übrigens verfahren diese französischen Arbeiter viel rationeller als die Schweizer und sind zugleich viel bescheidener in ihren Forderungen.
In der Hoffnung, daß Dein Kopf nicht so schnupferig niederträchtlich heruntergesimpelt ist wie meiner
Dein
K. Moro