[London, 13.Februar 1865]
... da durch die Korrespondenz des M.H[eß] in der heute eintreffenden Nr.21 unsre Erklärung1 teilweise veraltet ist, mag die Sache dabei ihr Bewenden haben. Allerdings enthielt unsre Erklärung auch noch einen andern Punkt, Lob der antibonapartistischen Haltung des Pariser Proletariats und Wink an die deutschen Arbeiter, dies Muster nachzunehmen. Es war dies uns wichtiger als der Ausfall gegen H[eß]. Indes werden wir anderswo2 unsre Ansicht über das Verhältnis der Arbeiter zur preußischen Regierung ausführlich aussprechen.
In Ihrem Brief vom 4.Febr. heißt es, ich selbst habe den Liebknecht gewarnt, nicht über die Stränge zu hauen, damit er nicht zum Teufel gejagt werde. Ganz richtig. Ich schrieb ihm aber zugleich, man könne alles sagen, wenn man die rechte Form treffe.3 Eine selbst für den Berliner Meridian „mögliche“ Form der Polemik gegen die Regierung ist sicher sehr verschieden von Koketterie oder selbst Scheinkompromiß mit der Regierung! Ich schrieb Ihnen selbst, daß der „Soc[ial]-Demok[rat]“ selbst solchen Schein meiden müsse.
Ich sehe aus Ihrem Blatt, daß das Ministerium sich zweideutig und Zeit suchend über die Abschaffung der Koalitionsgesetze ausspricht. Dagegen berichtet ein „Times“-Telegramm, daß es Protektorisches über eine in Aussicht gestellte Unterstützung der Kooperativgesellschaften von Staats wegen fallenließ. Es sollte mich durchaus nicht wundern, wenn die „Times“ ausnahmsweise einmal korrekt telegraphierte!
Koalitionen mit den aus ihnen erwachsenden trades unions sind nicht nur als Mittel der Organisation der Arbeiterklasse zum Kampfe mit der Bourgeoisie von der äußersten Wichtigkeit – diese Wichtigkeit zeigt sich u.a. darin, daß selbst die Arbeiter der United States trotz Wahlrecht und Republik derselben nicht entbehren können –, sondern in Preußen und Deutschland überhaupt ist das Koalitionsrecht außerdem ein Durchbrechen der Polizeiwirtschaft und des Bürokratismus, zerreißt die Gesindeordnung und die Adelswirtschaft auf dem Lande4, kurz, es ist eine Maßregel zur Mündigmachung der „Untertanen“, welche die Fortschrittspartei, d. h. jede bürgerliche Oppositionspartei in Preußen, wenn nicht verrückt, hundertmal eher gestatten könnte als die preußische Regierung und nun gar die Regierung eines Bismarck! Dagegen anderseits königlich preußische Regierungsunterstützung von Kooperativgesellschaften – und jeder, der die preußischen Verhältnisse kennt, kennt auch im voraus die notwendigen Zwergdimensionen – ist als ökonomische Maßregel Null, während zugleich dadurch das Vormundschaftssystem ausgedehnt, ein Teil der Arbeiterklasse bestochen und die Bewegung entmannt wird. Wie die bürgerliche Partei in Preußen sich namentlich dadurch blamiert und ihr jetziges Misère herbeigeführt hat, daß sie ernsthaft glaubte, mit der „Neuen Ära“ sei ihr durch des Prinzregenten Gnade die Regierung in den Schoß gefallen, so wird sich die Arbeiterpartei noch viel mehr blamieren, wenn sie sich einbildet, durch die Bismarckära oder durch irgendeine andre preußische Ära werden ihr von Königs Gnaden die goldnen Äpfel in den Mund fallen. Daß die Enttäuschung über Lassalles unselige Illusion eines sozialistischen Eingreifens einer preußischen Regierung kommen wird, ist über allen Zweifel erhaben. Die Logik der Dinge wird sprechen. Aber die Ehre der Arbeiterpartei erheischt, daß sie solche Trugbilder zurückweist, selbst bevor deren Hohlheit an der Erfahrung geplatzt ist. Die Arbeiterklasse ist revolutionär oder sie ist nichts.