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Marx an Engels
in Manchester

London, 19.Okt. 1867

Dear Fred,

Was den Borkheim angeht, so hatte ich ihm gesagt: Was Engels schreibt, ist geschrieben und ist nichts dran „abzudingen". Er (heute ist er nach Bordeaux abgereist) ließ sich soweit von mir bestimmen, daß er mir 40 £ einzahlte und versprach, wenn Du nicht könntest etc., ohne weitere Weitläufigkeit to find the rest1 bis Nov. 10. Aber als Kaufmann und Jud mußte er doch noch einen Versuch machen!

Übrigens hat B[orkheim] große Genugtuung erlebt. Schab[e]litz hat eine höchst renommistische Anzeige von B[ork]k[heim]s „Perle" im „Buchhändlerbörsenblatt" gemacht, worin B[orkheim] namentlich als Peter der Eremit gegen Rußland figuriert. Well! Die „Moskauer Zeitung"2 hat dies als Kuriosum abgedruckt (übersetzt), und er erlebte so das Vergnügen, sich und seinen Namen russisch gedruckt zu sehn! Er hat mir die Nummer gezeigt und verdolmetscht.

Lafargue hatte viel zu tun, das Französische B[orkheim]s wenigstens tolrabel3 ins Französische zu übersetzen.4 Ich mußte ihm natürlich beistehn, namentlich für die Zitate aus Kant, Fichte, Hegel, die B[orkheim] selbst im Deutschen wohl nicht ganz verstand. Aber die Leute stehn in seiner Bibliothek.

Ich bin froh, daß die Sache soweit settled5 ist. In den letzten Wochen war es mir positiv unmöglich, mehr als vielleicht 2 Stunden zu schreiben. Außer dem Andrang from without6 der Hauskatzentjammer, der mir immer auf die Leber schlägt. Ich wurde wieder schlaflos und hatte das Vergnügen, in der Nähe des membrum7 2 Karbunkelchen aufblühn zu sehn. Glücklicherweise sind sie verblüht. Meine Krankheit kommt immer aus dem Kopf. Da ich grade vom membrum spreche, empfehle ich Dir für Moore folgende Verse aus dem französischen Satiriker des 16. Jh., Mathurin Régnier. Trotz meiner Belesenheit auf diesem Gebiet, glaube ich nicht, daß die chaude pisse jemals so poetisch beschrieben worden ist:

„Mon cas, qui se lève et se hausse,
Bave d'une estrange façon;
Belle, vous fournistes la sausse,
Lors que je fournis le poisson.

Las! si ce membre eut l'arrogance
De fouiller trop les lieux sacrez,
Qu'on luy pardonne son offence,
Car il pleure assez ses péchez."

Übel ist auch nicht von demiselben:

Fluxion D'Amour.

„L'amour est une affection
Qui, par les yeux, dans le cœur entre,
Et, par la formé de fluxion,
S'écoule par le bas du ventre."

Endlich:

Lisette tuée par Régnier.

„Lisette, à qui l'on faisait tort,
Vint à Régnier tout éplorée,
Je te pry, donne moi la mort
Que j'ay tant de fois desirée!
Luy, ne la refusant en rien,
Tire son..., vous m'entendez bien,
Et dedans le ventre la frappe.
Elle, voulant finir ses jours
Luy dit: Mon cœur pousse toujours,
De crainte que je n'en rechappe.
Régnier, las de la secourir,
Craignant une seconde plainte,
Lui dit: Hastez-vous de mourir,
Car mon poignard n'a plus de pointe."

Einliegend 2 Freiligrath-Ausschnitte.
Anliegend 2 „Courrier français" und 1 „Liberté". Diese Journale brauchst Du nicht zurückzuschicken. Aber aufheben! Den Blödsinn des „Courrier" über die Art Militaire8 habe ich nicht gelesen, aber Proudhon über die generatio aequivoca9! Ich glaube, l'un vaut l'autre10.

H.Meyer war vorgestern hier auf Durchreise nach Amerika. Vielleicht hat er Dich noch gesehen.

Schicke Deine Rezepte11 für die deutschen Zeitungen her. Ich lasse sie kopieren und finde die passendsten placements12. Sie sind sogar, teilweise wenigstens, für double emploi13, da Meyer auch für jenseits dergleichen verlangte und vernutzen wird. Sobald dies in Deutschland besorgt – und es ist das Wichtigste, denn von dort hängt großenteils die Sache hier ab –, mußt Du eine Kritik für die „Fortnightly Review" schreiben. Beesly bringt sie hinein. Dies notwendiger Vorläufer to catch a publisher in London14. Das Blatt ist im geheimen (so geheim, daß kein Mensch es merkt) comitistisch, aber will alle Standpunkte zu Wort kommen lassen. Interessiert sich Herr Lewes (der Goethemann und leider auch halber Comtist) für das Buch durch die Kritik (Lewes ist im geheimen auch Coproprietor15 der „Review"), so ist das Finden des Buchhändlers leicht. Und jedenfalls, selbst ohne das, ist der Buchhändler dann leichter aufzutun. In der letzten Nummer ist ein wahrhaft elender Artikel von Thornton, worin der Malthusianism (an den die eigentlichen mongers16 nicht glauben) in der hausbackenst trivialsten Form reproduziert.

Was unsrer Partei fehlt, ist Geld, wie die beiden einliegenden Briefe von Eccarius und Becker wieder schmerzlich zeigen. Ohne diesen Mangel sind wir, trotz der großen und unersetzbaren Verluste, immer, heute wie 1848, les plus forts17.

Gruß an Mrs. Lizzy.

Dein
K.M.