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Marx an Engels
in Manchester

[London] 4. Oktober 1867

Dear Fred,

Nach meiner Rückkehr von Manchester war ich fast bis jetzt bis zum Fieberhaften schnupfenkrank. Ich habe mir den cold1 erwischt bei dem Eisenbahnmalheur.

Da ich Dir in diesem Brief vielerlei, on public und private affairs2, zu schreiben, so, um es nicht zu vergessen, beginne ich mit dem Buch3. Du hättest allerdings lang in Tabelle C suchen können, um die Abnahme im Bau der Grünfrucht (p. 695) zu finden. Herr Wigand hat C gedruckt statt B (p. 690), wo zu lesen steht, unter Rubrik „Grünfrucht", daß von 1861–65 107 984 Acres außer Bebauung geworfen wurden. Du wirst überhaupt dem Druckfehlerverzeichnis p. 784 ansehn, daß Herr Wigand, um es auf die letzte Seite zu hängen, willkürlich von p. 292 an dasselbe verkürzt hat. Der Abschnitt über Irland ist allerdings sehr flüchtig geschrieben, könnte aber bei zweiter Auflage, mit wenigen formellen Änderungen, in Ordnung gebracht werden. Die Hauptsache sind die facts, die in England selbst nicht bekannt sind.

Von Meißner habe ich nichts gehört. Dem Borkheim sagte Schabelitz (Basel), er habe auf 5 Exemplare, die er für bar bestellt, 5 Kommissionsexemplare verlangt, M[eißner] aber geantwortet, er habe nicht genug, um ihm so viele zukommen zu lassen für Kommission. Doch mag dies auch nur diplomatisches Manöver von Meißner sein. Aus den einliegenden Zeilen Liebknechts (der, by the by4, uns Ehre gemacht hat durch sein erstes Auftreten in dem Reichstag, vide5 „Zukunft", Nr. 229 vom 1. Oktober) sehe ich, daß M[eißner] nicht alles exakt ausführt. Es war abgemacht, daß er 1 Exemplar an Liebk[necht] und 1 Redaktionsexemplar an Dr. Weiß („Zukunft") schicke.

Professor Beesly ist nun heimgekehrt, und ich werde dieser Tage von ihm hören. Quant à Siebel6, so möchte ich auch wissen, ob er die Exemplare, 1 für sich, 1 für Rittershaus, erhalten? und was letzterer dafür geleistet hat?

Ad vocem7 Vogt: In dem einliegenden Brief des Kugelmann wirst Du einiges über den V[ogt] finden. Nachdem Kugelmann abgereist und die Bande ebenfalls den Borkheim alle geworden glaubte, fand eine letzte Versammlung der Deutschen statt, in der plötzlich Borkheim erschien und folgendem Auftritt beiwohnte. Herr Goegg händigte dem Vizepräsidenten Büchner einen Wisch ein, worin er die bonapartistischen Gerüchte etc. über Vogt für falsch erklärt und dem Manne, den er seit 20 Jahren kenne, ein testimonium virtutis8 ausstellt. Er verlangt, daß Büchner diesen Zettel unterzeichne, d. h. als ihm mitgeteilt, bescheinige. B[üchner] tat das natürlich. Darauf springt little Beust auf, erklärt zu Papier, Goegg spreche nur eine in der Schweiz keineswegs geteilte Privatansicht aus usw. usw. Verlangt ditto Bescheinigung seines Protests von Büchner, die dieser gibt. So wurde das Manöver Vogts vereitelt. Wie tief der Kerl heruntergekommen!

Ander Incident des Friedenskongresses! Ludwig Simon kommt zu Goegg: „Warum habt Ihr meinen Namen nicht mehr an die Spitze der Rednerliste gerückt! Warum dem Borkheim vor mir das Wort gegeben?" Goegg: „Die Kerls – die Proletarier – hatten 4 unter den deutschen Vizepräsidenten. Um unsren Grün hereinzubringen und den Borkheim auf seinen Platz verzichten zu machen, mußten wir ihm die Konzession etc. machen!" Kaum war das Wort dem Geck entfahren, als er sich umguckt und zu seinem Schrecken den Eccarius hinter sich schmunzeln sieht.

Ad vocem Stumpf: Es ist möglich, daß der Stumpf mich versteht, aber ich verstehe den Stumpf nicht. Vielleicht bist Du glücklicher und kannst ihm „die wissenschaftliche Reihe der Verelendung markieren" und ditto „die richtige Schlußfolgerung" zu „Beweisen", die er in seiner Tasche hält und nicht mitteilt. Einliegend sein Brief.

Ad vocem Dronke: Borkheim hat einen Mann gesprochen zu Paris, der ganz genau mit D[ronke]s Verhältnissen bekannt, und ihn als „voleur"9 bezeichnete. Die Kupfergesellschaft hatte dem D[ronke] Notiz für Entlassung seit einem Jahr gegeben. Sie hat sich assoziiert mit einer Firma in Glasgow und braucht daher nicht weiter englische Agentur. D[ronke], dicitur10, hat große „Unterschläge" in dem letzten Jahr begangen und sich einem „peinlichen" Verfahren ausgesetzt. Ich hoffe, die Sache wird vertuscht.

Ad vocem Collet: Um die einliegenden Curiosa zu erklären, folgendes: das kleine Mädchen von C[ollet] (das Du kennst) und ihr noch jüngerer Bruder waren vor einigen Tagen bei uns. Der Junge boxte sich mit Lafargue, der ihn zuletzt auf dem Boden in demütigender Stellung hielt. Darauf der Junge: „Remember how you got on at Waterloo!"11 Daher diese komische Korrespondenz, in dem das Mädchen den Bub dem Alten denunzierte.

Collet hat sich zurückgezogen von der „Dipl[omatic] Review", obgleich sein Name noch für diesmal auf dem Blatt figuriert. Ich habe den Redaktionswechsel gleich gemerkt, indem man mir nur 1 copy zugeschickt hat. Du erhältst sie, sobald ich damit fertig. Es ist eine ganze dumme Nummer. Garibaldi wird als „gemeiner Bandit, Atheist, fool12 etc." gekennzeichnet, dagegen M. Dupanloup, der évêque13 von Orléans, als der große Mann der Zeit. Wird David14 schließlich nicht noch Katholik werden? Die Russen haben natürlich den Friedenskongreß zu Genf fabriziert und daher auch ihren „well worn out agent Bakounine"15 hingeschickt. Es scheint mir, daß die „Dipl[omatic] Rev[iew]" aus dem letzten Loch pfeift.

Ad vocem International Association. Die Präsidentenwürde ist auf meinen Vorschlag abgeschafft worden, nachdem bereits Odger zur Wiederwahl vorgeschlagen war. – Fox, der großen Haß gegen Eccarius seit dessen Rückkehr bei jeder Gelegenheit exhibiert16, gab Notiz für nächste Sitzung (Dienstag), daß er die „Times"-Artikel des E[ccarius] , zur Zensur des Council17, zur Sprache bringen werde: Ich, zur großen Verwunderung des Fox, gab darauf ditto Notiz, ich würde den F[ox] nächsten Dienstag interpellieren über einen „secret letter"18, den er an Becker19 geschrieben mit der Aufforderung „to do all in his power to remove the seat of the Central Council from London"20. Der Fox, der aus caprices und crotchets21 zusammengesetzt ist, bildet sich ein, er müsse eine „Oppositionspartei" im Council gegen die, wie er sagt, „deutsche Diktatur" stiften. Er wird sich wundern über seine Erfolge in dieser line!

Ad vocem Borkheim: D'abord diese facts.22 B[orkheim] sprach (oder las vielmehr von seinem Manuskript) über 20 Minuten, während nur 10 reglementarisch waren. Natürlich, was Garibaldi und Edgar Quinet, glaubte auch er sich herausnehmen zu können. Zweitens: Er stieg auf die Rednertribüne in größter Aufregung und, wie Eccarius sagt, „ließ sich selbst nicht zu Wort kommen". Niemand verstand ihn. Man hörte nur die paar Stichworte über Schulze-Del[itzsch], wo Vogt aufsprang und beide Fäuste ballte, und über die Kosaken. Das war ein wahres Glück. Man hielt seine Rede für bedeutend, weil man sie nicht verstand. Er spielt daher, sowohl in „Times" als der französischen Presse, eine Art Rolle. Aber nun kömmt der drawback23. Dieser Narr will seine Rede deutsch, englisch, russisch und in dem französischen Original drucken lassen. Letzteres liegt mir nun vor. Er sandte es mir, damit Lafargue es durchsehe. Mit Ausnahme der paar Stichworte, die ich ihm soufflierte, nicht nur geschmackloser Kladderadatsch, sondern oft reiner Blödsinn. Und nun gar das Französisch! Z. B.: „Sans stultification il serait impossible de discuter, s'il faudrait d'abord faire enlever la femelle Isabelle, faire sauter le mâle Bismarck ou faire s'évanouir l'agile hermaphrodite Beust. Il y a de grands orateurs, de profonds penseurs français, membres de cette union, mais fussent-ils tous des Mirabeaus achevés et des Descartes consommés, les têtes allemandes seraient trop carrées pour le trouver rond, qu'il fût d'abord et avant tout le gouvernement français, l'abolition duquel introniserait l'ère de la paix internationale." Assez!24

Wie wenig er ahnte, welcher Art „sein Französisch", geht aus folgender Randglosse hervor, die er auf das mir eingesandte Manuskript schrieb: „Bitte lassen Sie doch das schnell von Herrn Lafargue durchsehn, etwaiges (!) schlechtes Französisch korrigieren am Rande!" Ich war, of course, obliged25 ihm mitzuteilen, daß Lafargue ihn sehn müsse, da er die „Wegstreichungen" ([Lafargue] will von vornherein the first half26 ganz wegstreichen) und „Änderungen" ohne ihn nicht vornehmen könne. Er kömmt deswegen heut abend zu mir. Lafargue zeigte mir außerdem fast in jedem Satz französischen commis voyageur slang27. Z. B. „Parlons rondement!"28

Private Affairs: Ich habe mit Borkheim gesprochen, ob es nicht möglich, mir in London einen loan29 aufzutreiben von wenigstens 100 £. Er sagt ja, er wolle 1 Bürge sein, wenn Du der andre. Überhaupt müsse er aber vorher von Dir selbst über die Sache hören. Der status ist einfach dieser: Ich kann weder Band II fertigmachen, noch die Zeit zur Intrige für die englische Ausgabe finden, noch überhaupt in England bleiben, wenn ich nicht Ruhe für some weeks at least30 unter den Manichäern31 schaffen kann. Gelingt die englische Transaktion und wird in Deutschland, was mir leicht scheint, so gearbeitet, daß 2. Auflage bald nötig, so ist die Krise überwunden.

Dies verdammte Jahr um so schlimmer, weil Lafargue bis jetzt bei mir, Laura im Frühling heiraten soll usw.

Salut.

Dein
K.M.