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Engels an Marx
in London

Manchester, 6. Aug. 1866

Lieber Mohr,

Der Humor Deines letzten Briefs läßt mich schließen, daß Deine Leber sich sehr gebessert hat, obwohl Du davon nicht sprichst. Was die Frankfurter angeht, so hättest Du erst das Zetermordio unter den Hiesigen anhören müssen, deren sind ja Legion hier, die von ihren Brüdern etc. die erschrecklichsten Briefe bekamen. Der preußische Leutnant hat sich natürlich bei dieser Gelegenheit mit bekannter Grazie benommen, doch war von vornherein zu erwarten, daß die Herren more frightened than hurt1 werden würden. Im übrigen Süddeutschland, wo die Frankfurter auch nicht besonders beliebt sind und wo man ihnen vorwirft, sie hätten auf beiden Achseln getragen, hat man sich darüber gefreut, daß grade sie so gezwiebelt wurden. Solche Briefe hab’ ich selbst gesehn.

Also Bismarck hat doch gesiegt, und Wilhelmchen2 hat eine Versöhnungsphrase an seine Erlauchten, Edlen und Getreuen erlassen, dabei aber gleichzeitig beteuert, wenn man ihm wieder Geld verweigre, werde es leider „unvermeidlich“ sein, wieder unbewilligtes Geld auszugeben. Wie man damit selbst bei dieser Kammer den Konflikt lösen kann, ist mir noch nicht klar. Dazu ein deutsches or rather3 norddeutsches Parlament, über dessen etwaige Stellung oder Befugnisse wenigstens Herr Eulenburg sich entschieden geweigert hat, die geringste Auskunft zu geben – das sind schon ganz hübsche Aussichten auf baldigen Krawall. Bismarck selbst wird gewiß Streit zu vermeiden suchen, so dumm ist er nicht, aber das alte hohenzollernsche Vieh gerät sicher hinein, und dann wird er sich wundern über seine intelligenten Bajonette.

Daß es bald wieder ans Haun geht, ist klar genug. Ich glaube, es wird mit den Franzosen losgehn. Bonap[arte] ist gescheut genug, dies vermeiden zu wollen, solange es irgend geht, aber die Masse der Franzosen, namentlich der Bourgeois mit ihrer Mißgunst gegen jede Stärkung Deutschlands, ist doch zu borniert und fanatisch, daß ihr die expansion de la France qui ne peut avoir lieu que du côté de l’Allemagne4 jetzt verschlossen ist, und ein Krieg gegen Preußen ist auch beim Bauer und dummeren Arbeiter populär; da ist nicht zu sagen, wie bald es zum Klappen kommt.

Wehner, der eben von Hannover zurückkommt, erzählt mir, die preußischen Offiziere haben sich dort schon ebenfalls gründlich verhaßt gemacht, desgleichen die Bürokraten und Polizisten.

Ich werde dies Jahr auch wohl nicht lange in Deutschland bleiben. Im Norden der Duft der Sieger, im Süden das Gebrüll der für den Kurfürsten von Hessen5 begeischterten Republikaner, wo soll man da hin? Ich werde suchen, auf Umwegen in den Harz zu kommen, da gibt es glücklicherweise keine Garnisonen.

Die „Kölnische Zeitung“ zetert jetzt mit geiferndem Maul für Ausschluß von Süddeutschland. Es ist dies die von Bismarck ausgeteilte Parole, um dem Bonap[arte] seinen Rückzug zu erleichtern, und die „Kölnische“ poltert mit einem so wahnsinnigen Eifer in dieser Richtung, daß man den ganzen Kram sofort durchschaut. Gemeiner wie dies Blatt hat sich noch keins benommen. Aus der heftigsten Friedensschreierei sprang sie um, als sie sah, daß Bismarck sich nicht irremachen ließ mit der Phrase: Östreich will den Krieg! Jetzt draufgehaun! und ist seitdem zwar nicht dem Geschick, aber dem guten Willen nach Bismarcks beste Freundin gewesen. Es ist sein Hundeblatt.

Wenn die neue, von einem Amerikaner der hiesigen Regierung vorgelegte Hinterladungsflinte die Snider-Enfield ist, so ist sie nicht viel wert. Es muß aber wohl eine andre sein, von der Du sprachst.6 Übrigens ist wenig daran gelegen, über den schon mit dem Zündnadelgewehr erreichten Grad hinaus rascher zu schießen, da sich der Unterschied in der Praxis fast auf Null reduziert, dagegen wird große Präzision und Scharfschießen jetzt immer wichtiger. Ich lese mal wieder die Griesheimsche Taktik durch – wie veraltet da jetzt schon fast alles ist!

Beste Grüße an die ladies.

Dein
F. E.