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Marx an Engels
in Manchester

[London] 7. Juli 1866

Dear Fred,

D’abord1 meinen herzlichsten Dank für die kalifornische Zufuhr. Es war mir jedoch nicht möglich, den Landlord2, der wieder zwei Quartale zu fordern hat, zu zahlen. Ich mußte vor allem Abschlagszahlungen den Kerls machen, die täglich und stündlich quälen.

Was zunächst meinen Gesundheitszustand betrifft, so habe ich während der letzten zwei Wochen wieder ordentlich geschanzt und hoffe Ende August mit dem ersten Band3, den ich selbständig erscheinen lasse, fertig zu werden, wenn ich diesen Gesundheitsgrad behalte. Ich bin allerdings gezwungen, Gumperts Lebermedizin täglich fortzunehmen, da ich sonst sofort brachläge. Frage: Ist das (jetzt seit vielen Wochen beseitigte) Arsenik damit verträglich? Ich frage das, weil seit 4 Tagen wieder ein Karbunkelanfang über dem rechten Brustknochen sich zeigt. Mehr als aller Medizin verdanke ich dem Bordeaux. Ich arbeite übrigens nur bei Tag, da der sporadische Versuch der Nachtarbeit (ein- oder zweimal) gleich sehr ungünstige Folge hatte.

Ehe ich zu Allgemeinem gehe, übersetze mir in Deutsch „put stretches upon the mule“ und sage mir, was „picks“ bei der Weberei zu Deutsch heißt. Was heißt „flyer“ bei der Mule?

Die Londoner Arbeiterdemonstrationen, fabelhaft, verglichen mit dem, was wir seit 1849 in England gesehn, sind rein das Werk der „International“. Mr. Lucraft f. i.4, der Hauptmann auf dem Trafalgar Square, is one of our council5. Hier zeigt sich der Unterschied, wenn man hinter den Kulissen wirkt und öffentlich verschwindet, von der Demokratenmanier, öffentlich sich wichtig zu machen und nichts zu tun.

Der „Commonwealth“ wird bald verrecken. Fox geht nächste Woche davon ab. Apropos. Stumpf schreibt mir aus Mainz, daß die Nachfrage unter den Arbeitern nach Deinem Buche „Lage etc.6 täglich wächst und daß Du durchaus die zweite Ausgabe machen mußt, schon vom Parteistandpunkt aus. Er meint zugleich, nach seinen persönlichen Erfahrungen, daß gleich nach dem Krieg „die Arbeiterfrage“ in Deutschland merkwürdig in den Vordergrund treten wird.

Freiligrath hat einen kleinen lyrisch-wehmütigen Schiß über den Bruderkrieg erlassen, den seine Tochter Kate im heutigen „Athenæum“ verenglischt hat.

Nächst einer großen Niederlage der Preußen, die vielleicht (aber die Berliner!) zu einer Revolution geführt hätte, konnte nichts Besseres passieren als ihr immenser Sieg. Thiers hatte die Politik Bonapartes, Preußen „machen“ zu helfen, mit solchem Erfolg (denn nächst den Engländern haßt der Franzos eigentlich nur die Preußen) denunziert, daß Boustrapa die französisch oktroyierte Konstitution ändern und die Debatte über die Adresse par ordre du „Moniteur7abschaffen“ mußte. (Ich lege Dir die Rede J. Favres über Mexiko und Glais-Bizoins schlechte Witze bei, damit Du siehst, welches die Situation B[onaparte]s vor dem Ausbruch des Kriegs war.) Herr Bonaparte rechnete darauf, daß Sieg und Niederlage zwischen Preußen und Östreichern hin- und herschwanken würde, so daß er schließlich als Jupiter Scapin zwischen die Abgematteten dreintreten könne. Der Erfolg der Preußen setzt sein Regime wirklicher Lebensgefahr in Frankreich aus (es ist seine zweite große Verrechnung seit dem Amerikanischen Bürgerkrieg), wenn es ihm nicht gelingt, die Friedensbedingungen zu diktieren. Andrerseits macht es derselbe Erfolg (wir sind nicht mehr Anno 15) der Preußendynastie unmöglich, kaum möglich, andre Bedingungen anzunehmen als solche, die Östreich zurückweisen muß, gar nicht zu sprechen von der Unmöglichkeit für den Schönen Wilhelm8, alias Alexander den Großen, deutsches Land an Frankreich abzutreten. Die Entscheidung der Preußen wird vom „Neffen“ in Petersburg9 abhängen. Es ist unmöglich zu sagen, was der tun wird, da man dazu das Material der russischen Staatskanzlei besitzen müßte. Aber ich für meinen Teil begreife nicht, wie die Russen, überdem durch die östreichische Abweisung ihrer Hülfe verletzt, Östreich erlauben können, wieder zum Atem zu kommen, und diesen günstigen Augenblick für ihre Donau-Türkenmanöver zu missen. Herr Viktor Emanuel ist auch in einer schönen Sauce. Venedig gehört jetzt dem Bonaparte. Nimmt er es von ihm als Geschenk, so ist seine Dynastie fertig.

Andrerseits, was kann er gegen Frankreich und wo kann er Östreich jetzt angreifen?

Was sagst Du aber zu unserm Föxchen, der atemlos vorgestern in unser Haus stürzte mit dem Ausruf: „Bonaparte hat Deutschland gerettet!“ Dies ist die Ansicht von Beesly, Harrison etc. und der ganzen Comteistclique. Schreib mir bald, da der mündliche Zusammenhang in dieser eventful period10 durch Tinte und Papier ersetzt werden muß.

Meine besten Grüße an Mrs. Lizzy.
Jennychen will wissen, wie es Deinen „Afrikanern“ geht?
Salut.

Dein
K.M.

Bonaparte will natürlich jetzt keinen Krieg, bevor er die needle gun11 oder ein Äquivalent eingeführt. Ein Yankee12 hat hier dem Kriegsministerium ein Gewehr angeboten, das, wie mir ein preußischer refugee13 Offizier (Wilke) versichert, durch absolute Einfachheit der Konstruktion, Mangel an Erhitzung, weniger Reinigungsbedürfnis und Wohlfeilheit das Zündnadelgewehr ebensosehr zurückläßt, wie dieses „Old Bess“. Unsre Theorie von der Bestimmung der Arbeitsorganisation durch das Produktionsmittel, bewährt sie sich irgendwo glänzender als in der Menschenabschlachtungsindustrie? Es wäre wahrhaftig der Mühe wert, daß Du etwas hierüber schriebst (mir fehlt Kenntnis dazu), was ich mit Deinem Namen in mein Buch als Appendix eintragen könnte. Überleg Dir das. Soll es geschehn, so muß es aber pour le premier volume14 geschehn, wo ich dies Thema ex professo15 behandle. Du begreifst, welche große Freude es mir machen würde, wenn Du auch in meinem Hauptwerk (bisher habe ich nur Kleinigkeiten gemacht) als Kollaborateur direkt, nicht nur durch Zitat, erschienst! Ich studiere jetzt nebenbei Comte, weil die Engländer und Franzosen so viel Lärm von dem Kerl machen. Was sie daran besticht, ist das Enzyklopädische, la synthèse. Aber das ist jammervoll gegen Hegel (obgleich Comte als Mathematiker und Physiker von Profession ihm überlegen, d. h. überlegen im Detail, Hegel ist selbst hier unendlich größer im Ganzen). Und dieser Scheißpositivismus erschien 1832!