Manchester, 16. Mai 1866
Lieber Mohr,
Die Geschichte mit Freiligr[ath] ist sehr amüsant und sehr erfreulich. Das hat er davon, daß er sich an die respektabeln Leute der Emigration hängt und sich von der „Partei“ lossagt. Was den Blind angeht, so wird ihm mit Bezug auf sein: manus haec inimica tyrannis1 zuzurufen sein, daß Kinder nicht mit Schießgewehr spielen sollen. Übrigens ist aus der Geschichte ganz klar, daß Bismarck ein Panzerhemd trägt. Die Schüsse müssen ihn alle getroffen haben, die 3 letzten werden als volle Treffer zugegeben, und da der Revolver so konstruiert war, daß er nicht ganz dichtschließend aufgesetzt werden konnte, so ist keine andre Möglichkeit da. Man macht diese Dinger jetzt sehr fein und doch stark. Sein Freund Bonaparte wird ihm schon eins verschafft und empfohlen haben.
Monsieur Bismarck hat sich offenbar in den Kleinstaaten arg getäuscht, hinc2 die Drohung mit der Reichsverfassung und mit Bennigsen. Auch finanzielle Mißerfolge müssen vorgefallen sein. Kann man sich aber etwas Possierlicheres denken, als daß derselbe Wilhelm, der Anno 1849 als Obergeneral die Reichsverfassung zu Grabe trug, sie jetzt wiedererwecken will oder vielmehr muß. Bismarck als Restaurator der „deutschen Grundrechte“, das ist zu komisch. In der Landwehr und den eingezognen Reserven sieht’s auch nicht zum besten aus, in Görlitz war bedeutender Krawall unter ihnen, die Linie mußte ausrücken und sich zurückziehn, weil die Kerle sich derartiges Einschreiten nicht wollten gefallen lassen. Wenn diese Leute noch 3–4 Wochen untätig unterm Gewehr stehn, sind sie zu allem kapabel. Und da weder Preußen noch Italien fertig ist zum Angriff, müssen sie wohl noch bis Ende Mai wenigstens dastehn.
Soviel ist sicher, Monsieur Bismarck hat sich in eine Sauce hineingeritten, mit der weder er noch das ganze bisherige Regime fertig wird. Wenn es friedlich abgemacht wird, so hat er die disponiblen fonds vermöbelt und wird sich schon deshalb nicht mehr helfen können, und wenn es Krieg gibt, so muß er Acheronta movere3, die ihn sicher verschlingen. Selbst ein direkter Sieg der Kammerbürger hat unter diesen Umständen einen revolutionären Charakter und muß weiterführen.
Trotz alledem kann ich mir noch immer nicht denken, daß in der Mitte des 19. Jahrhunderts Nord- und Süddeutschland aufeinander losschlagen werden, bloß weil Bismarck es im Interesse der Russen und des Bonaparte so haben will. Wenn es aber zum Klappen kommt, so kann es den Preußen schlecht gehn. Die Östreicher scheinen diesmal alle Kräfte bis aufs Äußerste anstrengen zu wollen, und wenn auch die Renommagen von 900 000 Mann Unsinn sind, so wäre es immer möglich, daß sie in Sachsen mit bedeutender Überzahl aufträten. Preußen kann über das rheinische und westfälische Korps gar nicht, über das sächsische nur teilweise gegen Östreich verfügen. Bleiben die übrigen sechs Armeekorps, die schwerlich 240 000 Mann stark vor den Feind rücken werden. Wenn die Östreicher, wie es heißt, in Italien sich zunächst defensiv halten, so brauchen sie dort nur 150 000 Mann, und können ganz gut 300–350 000 Mann gegen Preußen schicken – es sei denn, daß die Russen sie nötigen, Galizien stark zu besetzen. Die entscheidende Schlacht könnte dann von 180 000 Preußen gegen 240–280 000 Östreicher geschlagen werden und würde fast unfehlbar Jena sein und direkt nach Berlin führen. Es ist aber schwer, hierüber Hypothesen zu machen, da bei den Österreichern die Truppen immer viel stärker auf dem Papier sind und auch stark gelogen wird grade jetzt.
Leider ist Monsieur Charles4 mit dem Hauptbuch zurück, worin meine Rechnung ist, so daß ich augenblicklich gar nicht einmal ordentlich nachsehen kann, wie ich stehe, und da in 6 Wochen das Bilanzjahr um ist und ich dann ein bestimmtes Kapital im Geschäft haben muß, so muß ich mich danach richten. Sobald ich kann, werde ich mein Soll und Haben aufaddieren und, wenn irgend möglich, Dir einiges Geld schicken. Jedenfalls aber kannst Du darauf rechnen, daß ich Dir in den ersten Tagen des Juli, nach dem Bilanzjahresschluß, sofort eine £ 50 besorge.
Schön ist die „Kreuz-Zeitung“ zu lesen, wie sie für allgemeines Stimmrecht, Bonapartismus, Viktor Emanuel etc. auftritt. Der Schmutz, den die Kerls jetzt fressen müssen, ist massenhaft.
Beste Grüße an Deine Frau und die Mädchen.
Dein
F. E.