[London] 10. Mai 1866
Lieber Fred,
No carbuncles whatever!1 Der verfluchte Rheumatismus und das Zahnweh haben aber mich arg gequält, bis erstrer endlich dem Einreiben mit purem Alkohol nachzugeben scheint. Auch muß ich Dir offen sagen, daß ich mich immer noch etwas schwach im Kopf fühle und die Arbeitskraft erst sehr allmählich wiederkehrt. Vielleicht war das der Unterbrechung der Arsenikkur, die ich nach Deinem letzten Schreiben wieder begann, zuzuschreiben.
Der Cohen war ein sehr guter (obgleich nicht besonders begabter) Junge, für den ich als alten Freund meines Musch2 besondre Sympathie habe. Gestern stürzte Freiligrath natürlich gleich zu Blind und kam von ihm zu uns. Ich war nicht zu Haus. Der Hauptjammer Freiligraths war der schlechte Namen, den Blind auf ihn etc. (die nominellen Mitarbeiter am „Eidgenossen“, dessen Symbol eine Hand mit einem Dolch mit der Devise „haec manus tyrannis“3 etc.) werfe. Er sei seit 9 Monaten nicht bei ihm gewesen. Man könne die Sache nicht einmal „entschuldigen“. Kurz, er war in der Tat nur über den möglichen Eindruck dieser Sache auf die Londoner Philister gerührt. Übrigens hat ihn der badische Schlaukopf wieder artig getäuscht. Er spielte den ganz Zerknickten und ließ seinen Freund F[reiligrath] nicht ahnen, daß er mitten im ersten Schmerz die Geistesgegenwart besaß, den tragischen casus zu einer artigen Reklame für sich selbst und Familie in den diversen Londoner Journalen auszubeuten. Always an eye to business.4 Seine Frau5 ist natürlich trostlos, und das Komische an der Sache ist, daß Blind nicht seinen eignen Sohn, sondern den Isaak des alten Cohen durch sein blödsinniges Fürstenmordgeschwätz auf dem Altar der Freiheit geopfert hat.
Infolge der tristen Erfahrungen von 1859 sind die Östreicher in der verdammten Lage, daß sie den günstigen Moment kaum beim Schopfe fassen und, obgleich zur Initiative an den Haaren herbeigezogen, sie nicht ergreifen können oder wenigstens sehr zaudern werden, es zu tun. Of course6, die „public opinion“7 von Europa nutzt ihnen keinen Deut und verlangt Abgeschmacktes von ihnen. Dieselben liberalen Esel, die jetzt allgemein zugeben, daß Östreich der provozierte Teil ist und daß eine systematische conspiracy8 gegen es besteht, würden morgen (die English lords eingeschlossen) aus einem Halse schreien, wenn Östreich zuerst zuschlüge und nicht ruhig abwartete, bis seine Feinde das Signal geben.
So sehr zuwider mir der Bonaparte, hat mich doch sein coup in Auxerre ungemein amüsiert. Der alte Esel Thiers und die ihn beklatschenden chiens savants9 des Corps législatif bildeten sich ein, ungestraft Louis-Philippismus spielen zu dürfen! Les imbéciles!10
Die Russen spielen ihre Rolle nett wie immer. Nachdem sie die braven Preußen encouragiert, treten sie als Friedensmänner und Schiedsrichter von Europa auf, waren aber zugleich so sinnig, dem Herrn Bonaparte mitzuteilen, daß auf etwaigem Congress Polen natürlich gar nicht in Rede kommen dürfe, kurz, daß Rußland sich in die europäischen, aber Europa sich nicht in die russischen Angelegenheiten einzumischen habe.
Infolge des deutschen und dänischen Schneiderimports nach Edinburgh haben wir 1. einen Deutschen und einen Dänen11 (beide selbst Schneider) nach Edinburgh geschickt, die bereits dem Einverständnis zwischen importers und imported ein Ende gemacht; 2. habe ich eine Warnung an die deutschen Schneider in Deutschland im Namen der International Association veröffentlicht. Die Sache hat uns außerordentlich in London genützt.
Eine sehr unangenehme Geschichte für mich war die Notwendigkeit, 25 £ für Schulgeld auf einem Brett zahlen zu müssen. Dieses Geld für 3 Quartale konnte nicht länger verschoben werden, weil Jenny und Laura aus der Schule austreten, letztere gar keine und erstere nur noch eine wöchentliche Musikstunde außerhalb der Schule nimmt. (Baumer ist nämlich von der Schule zurückgetreten.)
Der „Commonwealth“ nimmt rasch zu und würde sicher paying12 in Zeit eines Jahrs. Aber es ist wahrscheinlich, daß wir aus Geldmangel bald sistieren müssen.
Salut.
Dein
K.M.