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Engels an Marx
in London

[Manchester] 5. Febr. 1865
Mornington St[reet]

Lieber Mohr,

Vollkommen einverstanden wegen der Erklärung. Aber Du mußt sie selbst machen, sonst komm ich mit dem militärischen Artikel1 nicht durch. Das Ding wird, fürchte ich, so lang, daß es nur als Broschüre geht. I und II sind fertig (bis auf Revision), III noch nicht. Ich habe viel Störung gehabt, Blank war hier etc. etc. Also mach die Erklärung. Zu dem Ausnahmsgesetz gehört auch die Beschränkung des Vereins- und Versammlungsrechts, die ganze Gesetzgebung über Wanderbücher und endlich Artikel 100 des Strafgesetzbuchs: Aufreizung der Staatsangehörigen zum Haß und zur Verachtung (auch ein napoleonisches Erbstück). Dann, wenn es hereinzubringen ist, eine Andeutung, daß in einem vorwiegenden Ackerbauland wie Preußen es eine Gemeinheit ist, im Namen des industriellen Proletariats über die Bourgeoisie ausschließlich herzufallen, daneben aber der patriarchalischen Prügelexploitation des Landproletariats durch den großen Feudaladel mit keinem Wort zu gedenken. Über die Militärfrage wäre weniger nötig zu sprechen, aber die Budgetfrage wäre hervorzuheben: was nützt den Arbeitern ein durch allgemeines Stimmrecht gewähltes Parlament, wenn es so ohnmächtig ist, wie Bism[arck] das jetzige Bürgerparlament machen will – dessen Erbe es doch wäre? Und wenn es nicht einmal neue Steuern verweigern kann?

Das sind so meine Ideen ad hoc2. Also los damit und schick mir das Ding gleich.

Meißner. So far so good.3 Du müßtest natürlich selbst hingehn. Conto a metà4 hat seine Vorzüge, wenn Du Dir kontraktlich Einsicht der Bücher und Belege vorbehältst und wenn M[eißner] einen 2/3 des von Dir sonst beanspruchten Honorars gleichkommenden Vorschuß zinsenfrei machen will. Aus dem Brief Strohns scheint hervorzugehn, daß M[eißner] would rather not part with any money if he could help it5. Jedenfalls mußt Du selbst mit dem Manuskript6 hin und abschließen.

Mach jetzt übrigens rasch voran. Die Zeiten sind dem Buch sehr günstig und unsre Namen wieder in achtunggebietender Weise vor dem Publikum. Du weißt, welche Verschleppung im Druck in Deutschland Mode ist. Versäume also den Moment nicht, es kann einen kolossalen Unterschied in der Wirkung machen.

Siebold. Ich habe es Dir vorhergesagt, daß auf diese Art Burschen kein Verlaß ist, und war von vornherein überzeugt, daß er in London zu Blind gehen würde. Die Vermutung von aufgeschnappten Glossen ad portam Gumperti7 ist dazu ganz unnötig. Der Kerl hat’s immer so gemacht und wird’s immer so machen. Aber gut, daß wir ihn „allbereits“ unter Kontrolle haben.

Der Lassalleverein, geht mir aus Siebels Brief hervor, den ich hier behalte, wird sehr bald an Spitzbübereien und Unterschleifen der Beamten kaputtgehn, und sehr gut ist es, daß es „so geworden wird“. Das übrige dazu tut das alte Saumensch8 mit ihren Klüngeleien. Je weniger wir uns um den Dreck kümmern, je besser. Let it rot and be dam’d to it.9

Das „Social-Demokrätchen“ wird mir alle Tage widerlicher. Dieser Scheiß-Heß, der sich uns gegenüber als wirklicher geheimer Lassallescher Angestellter mit einer Protektormiene geriert; die tiefsinnigen beschissenen Artikel des Herrn Schweitzer über Enzyklika und Bismarck, die mit allem Schund kokettieren und bloß auf die Bürger schimpfen, die totale Abmattung und Talentlosigkeit und selbst Abwesenheit alles gesunden Menschenverstandes mit Ausnahme von ein paar Sachen, das alles ist etwas zu viel für mich. Dreimal in der Woche Lassalle-Kultus, das halt’ der Teufel aus, und es ist gut, daß die Krisis kommt. Ich werd’s den Herren auch in meinem nächsten Brief sagen, hab’ bis jetzt nur keine Gelegenheit gehabt. Apropos, unter welcher Adresse schreibst Du an Liebknecht? Ich möchte ihm doch auch von Zeit zu Zeit was aufs Dach geben, resp. ihn encouragieren, s’il y a lieu10.

Jetzt muß ich schließen, beste Grüße und schick die Erklärung11 gleich. Den Artikel hab’ ich bis Mittwoch oder Donnerstag fertig.

Dein
F. E.

Meinen Schwager12 suchte ich über Siebel auszupumpen, konnte aber nichts erfahren, als daß er „immer besoffen“ sei, mit Schauspielerinnen herumliefe und seine Frau sich von ihm scheiden lassen wolle.
My best compliments to the ladies.