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Engels an Marx
in London

Manchester, 21. April 1863

Lieber Mohr,

Was mit dem Lassalle anzufangen, ist schwer zu sagen, après tout1 würde ich annehmen, es wäre unter der Würde des großen Itzig, auf solch einen kleinlichen Meyenschen Klatsch das schwere Geschütz einer dementierenden Erklärung antworten zu lassen. Laß den Kerl seinen eignen Dreck ausfressen, wenn er was kann, so braucht er keine Testimonia2 von Dir, und wozu sollst Du Dich kompromittieren, nachdem Du ihm einmal gesagt, daß er doch nicht mit uns gehen kann, oder wir nicht mit ihm3. Welche Dummheit schon, sich in die Schulze-Delitzschschen Knotengeschichten zu mischen und zu versuchen, grade da auf Grundlage unsrer früheren Arbeiten sich eine Partei zu bilden. Grade daß der S[chulze]D[elitzsch] und andres Pack die Knoten während dieser bürgerlichen Zeit zur Höhe der bürgerlichen Anschauung zu erheben sucht, kann uns nur erwünscht sein, sonst hätten wir diese Geschichte während der Revolution auszufressen gehabt, und in Deutschland, wo die Kleinstaaterei alles so kompliziert macht, hätte diese Korinthenscheißerei uns als etwas Neues, Praktisches entgegengehalten werden können. Das ist jetzt erledigt, wir haben unsre Gegner jetzt in der richtigen Stellung, und der Knote ist zum Selbstbewußtsein gekommen und damit in die kleinbürgerliche Demokratie versetzt. Aber diese Kerls als Repräsentanten des Proletariats ansehn, das blieb Itzig überlassen.

Der Witz mit Studiosus Blind4 hat Lupus und mich sehr amüsiert. Lupus hat wieder einen schweren Gichtanfall gehabt, erschwert durch seine eigensinnige Methode, stets halbkuriert auszugehn und Stunden zu geben, und erst zum Doktor zu schicken, wenn alles zu spät ist und alle Medizin aufgefressen. Da hilft aber kein Predigen, „ich gehe“.

Ich habe in der letzten Zeit russische Geschichte rückwärts gelesen, d.h. zuerst die Teilung Polens und Katharina, jetzt Peter I. Ich muß sagen, für die Polacken von 1772 sich zu begeistern, dazu gehört ein Büffel. Im größten Teil von Europa fiel doch damals der Adel mit Anstand, teilweise mit esprit, so sehr auch seine allgemeine Maxime war, daß der Materialismus in dem bestehe, was man esse, trinke, ficke, im Spiel gewinne oder für Schuftereien bezahlt erhalte; aber so dumm in der Methode, sich an die Russen zu verkaufen wie die Polacken, war doch sonst kein Adel. Sonst ist die allgemeine Käuflichkeit der gentils-hommes5 in ganz Europa sehr heiter anzusehn. Weiter hat mich die Geschichte des Monsieur Patkul sehr interessiert. Dieser Bursche ist wirklich der Erfinder der ganzen russischen Diplomatie und hat bereits in nuce6 ihre sämtlichen Kniffe. Wenn Du seine 1795 in Berlin erschienenen Berichte an die russische Regierung nicht hast bekommen können, so wollen wir versuchen, durch Annonce im BuchhändlerBörsenblatt uns ein Exemplar zu verschaffen. Wie wenig haben übrigens die Nachfolger dazu getan! Immer dieselben Wendungen, immer dieselbe Manier jedem Land gegenüber. Übrigens gehört die Objektivität der Livländer, die absolut kein nationales, sondern höchstens ein lokales und Privatinteresse haben, notwendig dazu. Ein Russe könnte diese Geschichten nie machen.

Sehr hübsch ist auch die Geschichte des Staatsstreichs Katharinas II. gegen Peter III. Hier hat Boustrapa seine Hauptstudien gemacht, und die russische Kommunheit hat ihm bis ins kleinste zum Muster gedient. Es ist lächerlich, wie sich all solcher Dreck bis ins Detail wiederholt.

Portwein habe ich augenblicklich keinen, guter ist auch nicht on the spur of the moment7 zu haben. Ich will mich indessen umsehen, inzwischen gehe ich in den Keller und hole etwas Rheinwein und Bordeaux (ersteren für die Gesunden, letzteren für die Kranken) heraus. Deswegen mache ich diesen Brief zu und lege noch einige stamps8 für Tussychen bei.

Dein
F. E.

Von mehreren stamps doppelte Exemplare. Hier sind diese brauchbar zum Austauschen. Mit Italienern, Schweizern, Norwegern und einigen Deutschen kann ich in starken Quantitäten aufwarten.