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Marx an Engels
in Manchester

[London] 9. April 63

Lieber Frederick,

Tussychen war sehr entzückt über den Brief und seinen Inhalt und wird sich nicht abhalten lassen, Dir „persönlich" zu antworten.

Mierosławskis Plonplonismus1 war mir seit Jahren mit allen seinen Details durch J.Ph.Becker und Schily bekannt. Übrigens hatte ich ihn schon früher aus seinem Buch ersehn, das während des letzten Kriegs zwischen Rußland und Türkei erschien. Der Edle schlug darin u.a. vor, Deutschland in 2 Länder zu teilen. Was den Kościelski dagegen betrifft, ist mir die Sache neu. Über die lächerliche Eitelkeit und namenlose Leichtgläubigkeit M[ierosławski]s, sobald auf seine Eitelkeit gezogen wird, hat Becker mir 1860 von Italien aus höchst possierlichen Bericht geschickt.

Itzig hat schon 2 Broschüren wieder über seinen Prozeß veröffentlicht, die er mir glücklicherweise nicht mitgeteilt. Dagegen schickt er mir vorgestern sein „Offnes Antwortschreiben" an das Zentralarbeiterkomitee für den Leipziger Arbeiter- (lies Knoten-) Kongreß. Er gebärdet sich – sehr wichtig mit den uns abgeborgten Phrasen um sich werfend – ganz als künftiger Arbeiterdiktator. Die Frage zwischen Arbeitslohn und Kapital löst er in „spielend leichter Weise" (verboten2). Nämlich die Arbeiter müssen für allgemeines Wahlrecht agitieren und dann Leute wie ihn „mit der blanken Waffe der Wissenschaft" in die Abgeordnetenkammer schicken. Dann bilden sie Arbeiterfabriken, wozu der Staat das Kapital vorschießt, und diese Anstalten umfassen by and by3 das ganze Land. Dies ist jedenfalls überraschend neu! Einen Satz will ich Dir zitieren:

„Daß heute schon von einer deutschen Arbeiterbewegung die Frage diskutiert wird, ob die Assoziation in seinem (Schulze-Delitzsch's) „oder meinem Sinne aufzufassen sei – das ist zum großen Teile sein Verdienst; das eben ist sein wahres Verdienst, und dies Verdienst läßt sich nicht zu hoch veranschlagen. ... Die Wärme, mit welcher ich dies Verdienst anerkenne, darf uns nicht verhindern usw." Ça ira.4

Zur selben Zeit, wo Palmerston in Glasgow war, ließ sich ein andrer großer Mann daselbst ankündigen, Studiosus Karl Blind. Vor seiner Ankunft schickte er der Glasgow „North British Mail" eine Notiz zu, überschrieben M.Karl Blind und unterhauen von der Redaktion mit dem verhängnisvollen Wort: „Communicated".

Dies merkwürdige Communiqué – wie alle über ihn roulierenden Zeitungsnotizen von ihm selbst geschrieben, durch den Esel McAdam in das Blatt gebracht – beginnt mit folgender einzigen Introduktion:

„At the present moment when a patriot exile is about to visit Glasgow, for the purpose of bringing under public notice the merits of the Polish question, it is fitting that a few remarks should be made upon his political career, and more especially so from the unfortunate fact that he is comparatively unknown in Scotland. German by birth and German by exile, Mr. Karl Blind's efforts have not come so prominently and so persistently before Europe as to have gained for him universal admiration from the liberating party, or universal execration from the oppressing party. He has hitherto stood in that middle way, where he has the honour of being both beloved and hated; but in these two contending ranks which have rendered to him their tribute after its kind the whole of Europe is not ranged, Mr. Karl Blind having the satisfaction of knowing there is a third section of his friends who are simply indifferent. He therefore comes before the Scottish public with perhaps less prejudice against him than has been the case with most of the distinguished exiles who preceded him."5

Folgt dann eine kurze biographische Notiz über den great unknown6, worin Schottland und „the third section" of mankind7 belehrt werden, daß dieser „Mr.Karl Blind" is a native of Baden, and was originally, like Kossuth and Mazzini, trained to the law8. Daß die „Badish revolution ... the result of his propagandism"9 war, daß die „Governments of Baden and the Palatinate"10 ihn im Juni „in the capacity of diplomatic envoy"11 nach Paris sandten usw., und wirkt „in that spirit of cooperation which so distinguishes the more celebrated exiles!"12

Ist das nicht „scheen"?

Meine Frau ist seit zwei Wochen bettlägerig und fast ganz taub, der Teufel weiß, woher. Jennychen hat wieder eine Sorte von Diphtherieattacke. Wenn Du mir einigen Wein für beide (für Jennychen will Allen Portwein) schicken kannst, so sehr lieb.

Hier in London hält jetzt ein Pfaffe (im Unterschied von den Atheisten, die in Johnstreet predigen) deistische Predigten für die Bürger, worin er sich voltairisch über die Bibel erlustigt. (Meine Frau und Kinder waren zweimal da und lobten ihn als Humoristen.)

Ich wohnte dem Meeting bei, das Bright an der Spitze der Trade Unions hielt. Er hatte ganz das Aussehn eines Independent13, und sooft er sagte „In the United States no kings, no bishops"14 war ein burst of applause15. Die Arbeiter selbst sprachen vorzüglich, mit völliger Beseitigung aller Bürgerrhetorik, und ohne ihren Gegensatz gegen die Kapitalisten (über die Vater Bright übrigens auch herfiel) im geringsten zu verdecken.

Wie bald die englischen Arbeiter von ihrer scheinbaren Bourgeoisansteckung sich befreien, muß man abwarten. Im übrigen, was die Hauptgeschichten in Deinem Buch16 betrifft, sind sie bis ins kleinste durch die spätere Entwicklung seit [18]44 bestätigt worden. Ich habe das Buch nämlich selbst wieder mit meinen Notizen über die Nachzeit verglichen. Nur die kleinen deutschen Spießgesellen, die die Weltgeschichte an der Elle und der jedesmal „interessanten Zeitungsnachricht" messen, können sich einbilden, daß in dergleichen großen Entwicklungen 20 Jahre mehr als ein Tag sind, obgleich nachher wieder Tage kommen können, worin sich 20 Jahre zusammenfassen.

Das Wiederlesen Deiner Schrift hat mich mit Bedauern das Altern merken lassen. Wie frisch, leidenschaftlich, kühn vorausgreifend und ohne gelehrte und wissenschaftliche Bedenken wird hier noch die Sache gefaßt! Und die Illusion selbst, daß morgen oder übermorgen das Resultat auch geschichtlich ans Tageslicht springen wird, gibt dem Ganzen eine Wärme und lebenslustigen Humor – wogegen das spätere „Grau in Grau" verdammt unangenehm absticht.

Salut.

Dein
K.M.