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Marx an Engels
in Manchester

[London] 28. Jan. [1860]

Lieber Engels,

Ich habe die Broschüre von Vogt bestellt und werde sie Dir auch zukommen lassen. Es ist der Abdruck (oder erste volle Ausgabe) seines abgestandnen Prozesses in Augsburg, zusammen mit einer Einleitung. Diese ist besonders gegen mich gerichtet und scheint Müller-Tellering in zweiter und verbesserter Auflage. Sobald das Zeug da, müssen wir sehn, was zu tun ist. Faucher erzählte mir with an intense pleasure1, daß Vogt mich ganz en canaille2 und mit exquisite3 Verächtlichkeit behandle. Der Lump sucht dem deutschen Philister weiszumachen, ich lebe hier als eine Art Dr. Kuhlmann auf den Taschen der Arbeiter etc. (Meiner Frau halte ich natürlich den ganzen Dreck geheim.)

In Berlin ist ein neues Militärwochenblatt erschienen. Unter dem Vorwand, die whereabouts4 über dies Blatt zu erfragen, ist meine Ansicht, daß Du immediately5 an Lassalle schreibst. Wir müssen jetzt durchaus eine Verbindung in Berlin haben. L[assalle]s Antwort an Dich wird zeigen, ob länger mit ihm zu gehn oder nicht. Im letztern Fall – was jedenfalls unangenehm wäre – müßte ich den Dr. Fischel (preußischer Assessor), über den weiter unten, benutzen. In Deinen Brief an L[assalle] kannst Du direkt einfließen lassen, ich habe die Schwierigkeit, die er mir in den Weg gelegt (wenigstens seine Abwarnung in that regard6), eine Erklärung über Vogt7 in die „Volks-Zeitung" zu bringen (nämlich dieselbe, die in der A[ugsburger] „A[llgemeinen] Z[eitung]" stand), als eine Art conspiracy8 von seiner und Dunckers Seite mit Vogt betrachtet. Du dropst9 dann natürlich ein paar Worte, daß bei der Zweideutigkeit mancher alter Parteifreunde (einige gelegentliche hits upon10 Freiligr[ath]), den Schwierigkeiten meiner Lage und den Infamien, mit denen ich zu kämpfen habe, mein temper11 gelegentlich angesäuert ist und ich Dir mitgeteilt habe, ich habe einen Brief an L[assalle] geschrieben12, den dieser bös aufgenommen zu haben scheine. Du Deinerseits unterstellst natürlich, daß L[assalle] mich zu gut kennt, um gelegentliche Rauheiten in der Form nicht zu übersehn etc. Jedenfalls wird er dann klaren Wein einschenken. Ich halte durchaus etwas Diplomatie jetzt für nötig – wenigstens uns zu versichern, wie wir stehn. L[assalle] ist immer noch a horse-power13, verglichen mit andern.

Der Witz ist, daß die Reichshalunkenbande, zweitens die deutsche Nationalvereinsbande, endlich die liberale Bande alles jetzt aufbieten, um uns moralisch bei dem deutschen Philister zu vernichten. Es kann kaum bezweifelt werden, daß trotz allem Friedensgeschrei wahrscheinlich noch im Lauf dieses Jahrs, sehr wahrscheinlich noch vor Beginn des Sommers there will be a new war14. Unter allen Umständen so komplizierte internationale Umstände, daß es von der äußersten Wichtigkeit für Vulgärdemokratie und Liberalismus, uns das Ohr des deutschen Philisteriums (i. e. Publikums) und den Zugang zu ihm abzuschneiden. Ignorieren, i. e. Indifferenz, kann in persönlichen und Parteisachen nur zu einem gewissen Punkt gehn. Der case15 mit Vogt ist nicht ganz zu behandeln wie mit einem Tellering, Heinzen und tutti quanti16. Dieser Bauchredner gilt als eine wissenschaftliche Größe in Deutschland, er war Reichsregent, er ist unterstützt von Bonaparte. Du könntest so ganz en passant17 auch den edlen Lass[alle] fragen, was er in der V[ogt]schen Angelegenheit für passend erachtet? L[assalle] hat sich in Briefen an mich zu sehr festgeritten, um ganz volte face zu machen18. Jedenfalls muß versucht werden, den Kerl in eine dezidierte19 Position – aut, aut20 – hineinzureiten.

Fischel ist preußischer Urquhartit.21 In dem Berliner „Portfolio", das er herausgibt, hat er auf meine Pamphlets gegen Pam22 hingewiesen und Auszug draus gegeben. (Auf Urquharts direkte Anordnung.) Die Urq[uhartiten] hatten ihn herüberkommen lassen nach England. Hier wurde er bei den Foreign Affairs Committees herumgeritten als Zeuge des siegreichen „Glaubens" (an Urq[uhart]) auf dem Kontinent. Ich war hier mit ihm zusammen. Er bot seine besten Dienste an, sollte er in der norddeutschen Presse von mir gebraucht werden.

In dem „Juchheisasa nach Italien" (von dem Lause-Bamberger in Paris) sollen Angriffe auf Deine Artikel im „Volk" sein.

Was hat Herr Orges erklärt? Ich habe es übersehn.

Wo möglich schreib für Dienstag (lang braucht es nicht zu sein) über die militärische Bedeutung von Savoyen (und Nice)23 für Frankreich. Cf. „Times" of to-day im House of Lords24 den Normanby.

Apropos! „In Anerkennung meiner Verdienste um die Entwicklung der kommunistischen Prinzipien" habe ich eine Einladung für Feb. 6. von dem hiesigen „Arbeiterbildungsverein" erhalten zu seinem Stiftungsfest. (Diese Kerls betrachten sich nämlich immer noch als die Erben des alten Windmillvereins.) Ähnliche, aber anders motivierte Einladungen sind ergangen an Schapper, Pfänder und Eccarius. Unter jetzigen Umständen nehme ich natürlich die Einladung an, womit die letzte Spur des alten Krakeels mit dem Arbeiterpack ausgelöscht. Herr F. Freiligrath ist nicht eingeladen. Ich muß in der Tat jetzt vermeiden, mit dem Dickwanst zusammenzutreffen. Denn bei meiner Wut über den Vogtschen Mist – worin F. F[reiligrath] magna pars25 – käme es leicht zu argen Eruptionen. Gruß an Lupus.

Salut.

Dein
K.M.