[London, um den 2. Juni 1860]1
Lieber Lassalle,
Ich laboriere seit ungefähr 3 Wochen an einer Leberkrankheit, die mich am Arbeiten jeder [Art]1 verhindert hat und noch nicht ganz beseitigt ist. Diese Zustände machen sehr schreibfaul.
Bevor ich nun auf Deinen Brief antworte, noch folgendes Vorläufige. Der Berliner Korrespondent des „Daily Telegraph" heißt Abel. Kannst Du mir irgendwelche Notizen über das Subjekt verschaffen?
Oberstaatsanwalt Schwarck hat auch in zweiter Instanz die Kriminalklage gegen die „Nat[ional]- Zeit[ung]" abgewiesen, weil kein „öffentliches Interesse" vorliege. Die Zivilklage wird nun bald vorkommen.
Also nun zu Deinem Brief.
Nach Berlin komme ich nicht. Ich war nicht in Köln zugegen und weiß von dem, was Stieber geschworen hat daselbst, nur aus den Berichten der „Kölnischen Zeitung". Auf diese Berichte gründet sich meine Kritik in den „Enthüllungen"2. Als Zeuge in dieser Sache könnte ich also nichts nützen. Will man mich über einen oder den andern Punkt vernehmen lassen, so bin ich bereit, mein Zeugnis (wie es öfter bei andern Flüchtlingen geschehn sein soll) bei der preußischen Gesandtschaft in London abzugeben.
Als der Prozeß Eichhoff sich noch in den ersten Stadien befand, wandte sich Juch, der Herausgeber des „Hermann", in dieser Angelegenheit an mich. Ich gab ihm die „Enthüllungen", riet Schneider II von Köln als Zeugen vorzuladen und machte auf die Notwendigkeit aufmerksam, den Hirsch, der in Hamburg sitze, zu vernehmen. Letzteres Verhör scheint sehr ungeschickt angelegt worden zu sein. Auch wäre es durchaus nötig, den Hirsch leiblich als Zeugen nach Berlin zu schaffen. Nur in diesem Falle würde bei ordentlicher cross-examination3 das ganze schandbare Getriebe öffentlich enthüllt werden können, da Hirsch in alle Mysterien von Stieber-Goldheim-Greif-Fleury eingeweiht war.
Ein andrer notwendiger Zeuge wäre Cherval (Joseph Crämer), jetzt zu Paris. Daß er, der wegen Fälschung von Wechseln aus Aachen entsprang, von Preußen herausgefordert werden könnte, ist sicher. Aber die Regierung wird sich hüten. Außerdem ist er französischer Mouchard4 und daher auch unter bonapartistischem Schutz.
Die meisten andern Leute, deren Verhör wichtig sein könnte, sind in Amerika. Nur ein einziger ist noch hier, ein gewisser de L'Aspée aus Wiesbaden, angestellt als interpreter5 bei der englischen Polizei. Ich habe die nötigen Schritte getan, um eine Zusammenkunft [mit ihm zu bewerk]stellen6, und werde sehn, ob er willig ist, entweder nach Berlin zu [reisen oder si]ch6 bei der preußischen Gesandtschaft vernehmen zu lassen. Im Jahre 1853 hatte [er den St]ieber6 bei der „Times" denunziert. Der Artikel wurde unterdrückt, [ersch]ien6 nicht, infolge der Einmischung Bunsens.
Ich werde [nun]6 ein paar Punkte angeben, die Du vielleicht vernutzen kannst. Die „Enthüllungen" schrieb ich gleich nach Beendigung des Kölner Prozesses. Ich habe aber später weitere Nachforschungen über diesen mir besonders nahliegenden casus angestellt. Vorher bemerke ich noch, daß es allerdings eine kapitale Idee von Eichhoff war, Goldheim und Greif, die Hauptmitschuldigen, als Schutzzeugen für sich zu zitieren. Die ganze Sache liegt so, daß gerichtlich Stieber et Cons. eigentlich nur zu fassen wären, wenn die Regierung eine Untersuchung über den Kölner Prozeß verhängte. Sie aber wird sich hüten.
Stieber (sieh p. 10 meiner „Enthüllungen"7) soll in Köln geschworen haben, er sei „auf das Archiv der Verschwörung" bei Oswald Dietz in London „aufmerksam gemacht" worden durch die ihm vom Berliner Polizeipräsidium nach London geschickte Kopie „der bei Nothjung gefundnen Papiere". Diese falsche eidliche Aussage muß einfach widerlegt werden können durch Einsicht der Kölner Akten, worin die bei Nothjung gefundnen Papiere enthalten sein müssen.
Die Sache hing so zusammen: Cherval (Joseph Crämer) war der Pariser Korrespondent des Willich-Schapperschen Bundes und korrespondierte als solcher mit Oswald Dietz. Gleichzeitig war Cherval Agent des preußischen Gesandten zu Paris, des Fürsten Hatzfeldt. Er denunzierte diesem nicht nur Dietz als Sekretär seiner Londoner Behörde, sondern schrieb an Dietz Briefe, die bestimmt waren, als Beweisstücke später zu figurieren. Stieber und Greif (wie Greif selbst dem Hirsch in Gegenwart Fleurys erzählte) waren von Hatzfeldt unterrichtet. Was sie durch Reuter8 ermitteln ließen, war der Aufenthaltsort des Dietz, worauf Fleury, in Stiebers Auftrag, mit Reuter zusammen den Diebstahl bei Dietz ausübte. Auch dies weiß Hirsch.
En passant kann hierbei folgender Umstand, dem Herrn Hirsch wohlbekannt, in Betracht kommen. Fleury hatte sich genaue Abschriften von den bei Reuter gestohlenen Briefen gemacht und sie dem Hirsch zum Durchlesen mitgeteilt. Unter diesen Briefen befand sich einer von Stechan aus Hannover, worin dieser von der Übersendung von 30 Talern für die Flüchtlinge spricht. Stieber (zusammen mit seinem Freund Wermuth in Hannover) fälschte dies in 530 Taler für die Führer. Über diesen Punkt könnte vielleicht Stechan, der, soviel ich weiß, sich in Edinburgh befindet, eine Aussage an Eides Statt machen. Stieber (nach der „Köln[ischen] Zeit[ung]" sieh p. 11 der „Enthüllungen"9) schwört ferner, am 5. August 1851 habe er das Archiv Dietz nach Berlin von London aus zugeschickt erhalten. Das fact ist, daß Stieber dies „Archiv" am 20. Juli 1851 mit von London nach Paris nahm. Es ist dieser Punkt, den der obenbesagte L'Aspée, wenn er will, eidlich erhärten kann.
Herr Greif hat in Berlin geschworen, daß er den Hirsch nicht kenne, oder doch nur ganz oberflächlich. Das fact ist, daß Hirsch in der damaligen Privatwohnung von Alberts (damals und noch jetzt Sekretär der preußischen Gesandtschaft in London), 39, Brewer Street, Golden Square, durch den Greif mit Fleury bekannt gemacht wurde, nachdem Greif schon vorher einen Bericht über die Tätigkeit der revolutionären Emigration von Hirsch sich hatte abstatten lassen. Seit der Zeit wirkten Greif-Fleury-Hirsch (unter der Leitung des Greif) zusammen und verfaßten namentlich auch zusammen das falsche Protokollbuch.
Im Monat April 1853 waren Goldheim und Stieber wieder nach London gekommen, um einen Zusammenhang zwischen dem mysteriösen Pulverkomplott Kossuths und der Berliner (Ladorfschen) Verschwörung zurechtzukonstruieren. Hirsch begleitete sie damals (also viele Monate nach Schluß des Kölner Prozesses) beständig durch London und operierte mit ihnen.
Zur Charakteristik der preußischen Agenten in London, da die Polizei ihren Fleury vor Gericht eingestanden hat: Dieser Fleury heißt Krause, Sohn des Schuhmachers Krause, der vor 22–25 Jahren wegen Ermordung der Gräfin Schönberg und deren Kammerfrau in Dresden hingerichtet wurde. Einige Zeit nach dem Kölner Prozeß wurde derselbe Fleury-Krause wegen Fälschung zu London in zwei oder 3 Jahre hulks10 verurteilt. Er hat jetzt seine Strafzeit abgesessen und wirkt wieder in der alten Weise.
Das französische Komplott (complot allemand-français) wurde gemacht von Cherval unter Leitung Stiebers zusammen mit Greif, Fleury, Beckmann, Sommer und dem französischen Spion Lucien de la Hodde (unter dem Namen Duprez). Auf Veranlassung Chervals reiste Greif (der, ebenso wie Stieber, die französisch-preußischen Spione Cherval und Gipperich nicht zu kennen schwört) nach Norddeutschland, um zunächst in Hamburg den Aufenthalt eines gewissen Schneiders Tietz zu erspähen und sich in Besitz der ihm von Cherval in polizeilichem Auftrag geschriebnen Briefe zu setzen. In Hamburg begab er sich in die Wohnung der Braut des Tietz, um „als Freund des letztern" etwaige gefährliche Briefschaften in Sicherheit zu bringen. Der coup mißlang jedoch.
Greif korrespondierte auch mit Maupas durch de la Hodde-Duprez über die Freilassung von Cherval und Gipperich. Sobald Cherval nach London kam, stellte ihn Greif auf festes Salär von 1 £ 10 sh. wöchentlich an. Namentlich wurde er auch von Greif nach Jersey geschickt, um dort eine große politische Verschwörung vorzubereiten. Später löste sich Greifs Verhältnis zu Cherval auf. Alle diese Punkte kann Herr Hirsch, wenn er will, eidlich beteuern. Sie sind wichtig, sowohl weil Greif wieder falsch geschworen, als weil sie das Verhältnis Chervals zu Stieber und die „Wahrhaftigkeit" der von Stieber mit Bezug auf Cherval zu Köln gemachten Aussagen betreffen. Grade zur Zeit, wo Stieber in Köln schwur, er wisse nicht, wo Cherval sich aufhalte usw. (sieh p. 27 der „Enthüllungen"11), fand diese Kooperation zwischen Cherval und dem im Auftrage Stiebers handelnden Greif statt. Aber natürlich kann nur durch die Zeugnisse von Hirsch (der vielleicht in öffentlicher Gerichtssitzung sprechen wird) und Cherval (dessen nicht habhaft zu werden ist) die Sache gerichtlich bewiesen werden. Der Gesandtschaftssekretär Alberts wird natürlich nicht sprechen; ebensowenig de la Hodde, Beckmann, Maupas etc.
Hirsch und Fleury (welcher letztre zu diesem Behuf in der Stanburyschen Druckerei, Fether Lane, Fleet Street, London, eine lithographische Presse gemietet) machten in Greifs Auftrag Flugblätter „An das Landproletariat", „An die Kinder des Volkes" etc., die Greif als von der Marxschen Partei ausgehend der preußischen Regierung einsandte.
Nachdem Zeuge Haupt von Hamburg plötzlich „verschwunden" war während des Kölner Kommunistenprozesses, beauftragte Hinckeldey per Kurier die preußische Gesandtschaft zu London, jemanden zu schaffen, der die Rolle Haupts übernehme und die Denunziationen Haupts vor den Assisen „schwöre". Das Polizeipräsidium zahle 1000 Taler Belohnung. Hinckeldey schrieb, daß an der Entscheidung dieses Prozesses die ganze Existenz der politischen Polizei hänge. Hirsch, nach Verabredung mit Fleury (wie er selbst später sagte, aus „edlen" Absichten), erklärte sich bereit. Alles war auf dem besten Weg, als Fleury mit abschlägiger Antwort von der preußischen Gesandtschaft zurückkehrte. Ein neues Schreiben des Hinckeldey besagt: „Der Staatsprokurator hoffe bei der glücklichen Zusammensetzung der Geschwornen auch ohne außergewöhnliche Maßregeln, das Schuldig zu erlangen und er (Hinck[eldey]) ersuche deshalb, keine weiteren Anstrengungen zu machen." Der preußische Spion Beckmann in Paris, der auch schon Ordre erhalten hatte, nach Köln zu kommen, um Stiebers Aussagen über das complot allemand-français zu bestätigen, erhielt aus demselben Grund Gegenbefehl.
Nun aber kommt die kurioseste Geschichte, die Herr Hirsch sehr genau kennt, und die gleich charakteristisch für Stieber und Goldheim.
Fleury hatte erfahren, daß ich beabsichtige, die wirklichen Handschriften der angeblichen Protokollunterzeichner (W. Liebknecht, Rings und Ulmer) gerichtlich in London legalisieren zu lassen. Er wußte, daß ein Flüchtling namens Becker in demselben Hause mit Willich wohnte. Er schrieb daher folgenden Brief in dem Namen des Beckers:
„An das hohe königliche Polizeipräsidium in Berlin.
London, d.d.
In der Absicht, die Unterschriften der Unterzeichner der Bundesprotokolle als gefälscht darzustellen, beabsichtigen Marx und seine Freunde hier die Legalisation von Handschriften zu bewerkstelligen, die dann als die wirklich echten Signaturen dem Assisenhofe vorgelegt werden sollen.
Jeder, der die englischen Gesetze kennt, weiß auch, daß sie sich in dieser Beziehung drehen und wenden lassen, und daß derjenige, welcher die Echtheit garantiert, im Grunde genommen, eigentlich keine Bürgschaft leistet.
Derjenige, welcher diese Mitteilung macht, scheut sich nicht, in einer Sache, wo es sich um die Wahrheit handelt, seinen Namen zu unterzeichnen. Becker, 4, Litchfield Street."
Stieber hatte zu Köln vor den Assisen erklärt, er habe das Protokollbuch 14 Tage vorher (bevor er es vorlegte) in Händen gehabt und sich besonnen, ehe er Gebrauch davon gemacht; er erklärte weiter, es sei ihm in der Person eines Kuriers, des Greif, zugekommen. Herr Goldheim aber schrieb an die preußische Gesandtschaft zu London:
„Man habe das Protokollbuch nur deshalb so spät gebracht, um dem Erfolg etwaiger Interpellationen über seine Echtheit zu entgehn."
Der Brief unterzeichnet „Becker" war an das Polizeipräsidium in Berlin gerichtet. Rührte er also wirklich von Becker her, so mußte er nach Berlin gehn. Statt dessen ging der Brief an den Polizeibeamten Goldheim, Frankfurter Hof in Köln, und ein Kuvert zu diesem Briefe an das Polizeipräsidium in Berlin mit einem einliegenden Zettel: „Herr Stieber in Köln wird genaue Auskunft über den Zweck geben." Stieber wußte also, zu welchem Zweck der Brief gefälscht war. Auch hatte Fleury noch besonders an Goldheim darüber geschrieben.
Zwischen Fleury, Goldheim, Stieber und dem preußischen Polizeipräsidium war man also stillschweigend einig über die Fälschung.
(Stieber machte keinen Gebrauch von dem Briefe, weil er schon vorher gezwungen war, das Protokollbuch fallenzulassen, indem unabhängig von den von mir eingeschickten Legalisationen, Schneider II eine Unterschrift Liebknechts und Rings zu Köln aufgetrieben, auch aus einem viel früher von mir geschriebnen Brief ersehn hatte, daß Hirsch der Fabrikant war. Stieber erhielt Wind davon, daß Schneider, und nach ihm andre Advokaten. auf der Greffe12 die Unterschriften des Liebknecht etc. verglichen hatten, Es war dann, daß er in der folgenden Sitzung mit der Erfindung des H. Liebknecht hervorsprang (sieh p. 38–40 der „Enthüllungen"13).)
Stieber kannte die Falschheit des Protokollbuchs. Warum brauchte er sonst die Legalisation der echten Unterschriften zu fürchten?
Am 29. Oktober langte Goldheim in London an. Stieber hatte ihn dahin geschickt, um mit Fleury und Greif an Ort und Stelle zu unterhandeln, durch welchen coup das Protokollbuch gerettet werden könnte. Er mußte resultatlos zurückkehren, nachdem er dem Fleury mitgeteilt, Stieber sei entschlossen, um nicht die Polizeichefs zu kompromittieren, ihn, den Fleury, im Notfall bloßzustellen.
Fleury griff nun zu einem letzten Mittel. Er brachte dem Hirsch eine Handschrift, nach welcher Hirsch eine Erklärung kopieren und mit dem Namen Liebknecht versehn, dann vor dem Lord Mayor14 beschwören solle, unter der fälschlichen Angabe, daß er, Hirsch, Liebknecht sei. Als Fleury dann Hirsch die besagte Handschrift zum Kopieren überbrachte, sagte er ihm, die Handschrift15 rühre von demjenigen her, der das Protokollbuch geschrieben habe und Goldheim habe sie (die Handschrift) von Köln mitgebracht.
(Es folgt daher, daß das in Köln vorgelegte Protokollbuch nicht das von Hirsch und Fleury geschriebne war. Stieber selbst hatte es kopieren lassen. Es unterschied sich von dem von Fleury und Hirsch verfertigten dadurch hauptsächlich, abgesehn von einigen andern unwesentlichen Änderungen, daß die von Fleury eingeschickten Protokolle keine Unterschriften hatten, die von Stieber eingereichten mit Unterschriften versehn waren.)
Hirsch kopierte die Erklärung der Handschrift möglichst ähnlich. (Letztre selbst war noch in seinem Besitz, als er London verließ.) Die Erklärung war des Inhalts, daß der Unterzeichnete, Liebknecht nämlich, die von Marx und Konsorten geschehne Legalisation seiner Unterschrift für falsch, und diese, seine Signatur, für die einzig richtige erkläre. Auf dem Weg zum Lord Mayor erklärte Hirsch, er werde nicht vor dem Lord Mayor schwören. Fleury darauf: er werde selbst die Beeidigung leisten. Vorher noch sprach er vor im preußischen Konsulate (wo er natürlich wohlgekannt war) und ließ dort seine Handschrift (als Liebknecht) vom preußischen Konsul kontrasignieren. Dann begab er sich mit Hirsch zum Lord Mayor, zum Zweck der Vereidigung. Der Lord Mayor verlangte jedoch Bürgschaften, die Fleury nicht leisten konnte und der Eidschwur unterblieb. (Einen Tag später – aber trop tard16 – erlangte Fleury eine Advokaturbeglaubigung.)
Diesen ganzen Dreck erklärte Hirsch vor dem Polizeimagistrat Jardine in Bow Street an Eides Statt. Dieselbe wurde an den Präsidenten des Appellationshofs Göbel und gleichzeitig zwei Abschriften an Schneider II und Advokat Esser geschickt.
Ob Hirsch von Hamburg leiblich nach Berlin gebracht werden kann zur Zeugenaussage in öffentlicher Sitzung und Konfrontation mit Stieber-Goldheim-Greif, weiß ich nicht. Cherval, zudem jetzt erklärter „Zivilisator" und „Liberator"17, ist keinesfalls unter dem gegenwärtigen Regime zu haben.
In meiner eignen Zeugenaussage könnte ich natürlich nicht einmal nachweisen, ohne Indiskretionen aller Art zu begehn, wie ich dieser oder jener Tatsache auf die Spur gekommen bin. Zudem wäre solche Aussage kein Beweis.
Der Prozeß wäre außerordentlich einfach, wenn die Regierung de bonne foi18 wäre. So ist er sehr schwer zu führen.
Ich komme nun zu Fischel.19
Ich stehe mit David Urquhart und seinem Anhang (ich sage nicht Partei, weil Urquhart in bezug auf seine eigentliche Domäne, Foreign Policy20, außer der Sekte, die ihn in allen Disziplinen für einen Propheten hält, Anhänger unter allen englischen Parteien hat, von den Tories bis zu den Chartisten) im Kartellverhältnis seit 1853, als mein erstes Pamphlet gegen Palmerston21 erschien. Seitdem habe ich fortwährend teils von ihnen Informationen erhalten, teils ihnen Gratisbeiträge für ihre „Free Press" geliefert (z. B. meine „Revelations of the diplomatic history of the 18th century", ebenso über den „Progress of Russia in Central Asia"22 etc.) und meine Personalkenntnis russischer Agenten, wie des Bangya etc., ihnen zur Disposition gestellt. Fischel nun ist der anerkannte, sozusagen offizielle Agent der Urquhartiten in Berlin, und von seiner dortigen Tätigkeit ist mir nur das „Portfolio" von Hörensagen bekannt. So also kam ich mit Fischel (den ich zu London nur zufällig in einem Zeitungsbüro traf und Dich bei der Gelegenheit grüßen ließ) in Verbindung. Er hat verschiedne Aufträge für mich und Engels in Berlin besorgt. Wir haben nie ein Wort, weder mündlich noch schriftlich, über innere Politik miteinander gewechselt, wie ich das überhaupt auch nie mit Urquhart getan, seitdem ich ihm ein für allemal erklärt, ich sei ein Revolutionist, und er mir ebenso offen erklärt hat, alle Revolutionists seien Agenten oder dupes23 des Petersburger Kabinetts.
In den Briefen, die wir mit Fischel gewechselt, hat er immer große Diskretion beobachtet, und sich auf das Gebiet der auswärtigen Politik beschränkt, worin wir mit den Urquhartiten übereinstimmen.
Du wirst die Schriften Urquharts gelesen haben, und es wäre (der lange Brief hat mich ohnedies in meinem jetzigen Zustand sehr angegriffen) daher überflüssig, wollte ich mich hier auf eine Analyse dieser sehr komplizierten Erscheinung einlassen. Er ist allerdings subjektiv-reaktionär (romantisch) (zwar sicher nicht im Sinne irgendeiner wirklichen reaktionären Partei, sondern metaphysisch sozusagen); dies verhindert die Bewegung in der auswärtigen Politik, die er leitet, durchaus nicht, objektiv-revolutionär zu sein.
Daß seine deutschen Anhänger wie Bucher, Fischel etc. (des letzren „Moskowitertum" kenne ich nicht, wohl aber weiß ich, ohne es gelesen zu haben, was drin steht) auch seine „angelsächsischen" Marotten, die übrigens nicht ohne eine eigne Art verzwickter Kritik sind, adoptiert haben, ist mir ganz gleichgültig; so gleichgültig, wie es Dir sein würde in einem Krieg gegen Rußland z. B., ob Dein Nebenmann auf die Russen schießt aus schwarzrotgoldnen oder revolutionären Motiven. Urquhart ist eine Macht, die von Rußland gefürchtet wird. Er ist der einzige offizielle Mensch in England, der den Mut und die Ehrlichkeit hat, Front gegen die public opinion24 zu machen. Er ist der einzig Unbestechliche (sei es durch Geld oder Ambition) unter ihnen. Ich habe endlich bisher ausnahmsweise grade unter seinen Anhängern nur ehrliche Menschen kennengelernt und muß daher bis auf den Beweis des Gegenteils auch den Fischel dafür halten.
Was F[ischel]s Verhältnis mit dem Herzog von Gotha25 betrifft, so glaube ich nicht, aus sehr guten Gründen, daß es ein Soldverhältnis ist. Da dieser Gothaer zur englischen Dynastie gehört, die Urquhart gegen Palmerston und die Ministerusurpation überhaupt verwendet („warum schießt man nie auf die Kabinettsräte?" fragt Humboldt in Ahnung dieser Kabinettsusurpation), so konnte ihm nichts gelegner sein, als unter dessen Namen in Deutschland gegen Rußland und Palmerston opponieren zu lassen. Fischels Broschüre „Despoten und Revolutionäre" wurde daher ins Englische übersetzt als „The Duke of Coburg's Pamphlet" und erschien Palmerston doch wichtig genug, eigenhändig in einem Pamphlet (anonym) zu antworten, das ihn sehr kompromittiert hat. Palmerston hatte nämlich bisher die unglücklichen Coburger zum Sündenbock seines Russentums gemacht, und die Broschüre zwang ihn, diesen false pretext26 fallenzulassen.
Es ist sehr möglich und wahrscheinlich, daß Fischels Antipalmerstonianismus in Berlin von wenig Bedeutung ist. Er ist dagegen wichtig für England (und dadurch par ricochet27 für Deutschland), indem diese Polemik durch die Urquhartiten geschickt ausgebeutet, großgemacht und als deutsche Ansicht über Palmerston in der englischen Polemik vernutzt wird.
In dem Krieg, den wir zusammen mit den Urquhartiten gegen Rußland, Palmerston und Bonaparte führen, und woran Personen aller Parteien und Stände in allen Hauptstädten Europas bis Konstantinopel teilnehmen, ist daher auch Fischel ein Glied. Mit Bucher dagegen habe ich nie eine Silbe gewechselt, weil es nutzlos wäre. Säße er, statt zu London, zu Berlin, so wäre das etwas andres.
Kommen wir in Deutschland in eine revolutionäre Epoche, so hört die Diplomatie natürlich auf, eine Diplomatie, in der sich übrigens von keiner Seite das geringste vergeben oder auch nur vorgeheuchelt wird. Selbst dann wird uns diese englische Verbindung nützlich sein.
Daß übrigens in auswärtiger Politik mit solchen Phrasen wie „reaktionär" und „revolutionär" nichts gedient ist, versteht sich von selbst. Revolutionäre Partei existiert jetzt überhaupt nicht in Deutschland, und die widerlichste Form der Reaktion ist für mich die königlich preußische Hofdemokratie, wie sie etwa in der „National-Zeitung" und zu einem gewissen Grade (Begeisterung für den Lump Vincke, für den Regenten28 etc.) auch in der „Volks-Zeitung" geführt wird.
Jedenfalls haben die Urquhartiten den Vorzug, daß sie „unterrichtet" sind in der auswärtigen Politik, die ignoranten Mitglieder derselben ihre Inspiration von Unterrichteten erhalten, und daß sie ein bestimmtes großes Ziel, den Kampf mit Rußland, verfolgen, und die Hauptstütze der russischen Diplomatie, Downing Street at London, auf Leben und Tod bekämpfen. Sie mögen sich einbilden, daß dieser Kampf die Herstellung „angelsächsischer" Zustände herbeiführen wird. Wir Revolutionäre haben sie zu benutzen, solange sie nötig sind. Es hindert dies nicht, ihnen direkt auf den Kopf zu schlagen, wo sie in der innern Politik hemmend entgegentreten. Mir haben die Urquhartiten nie übelgenommen, daß ich mit meinem Namen gleichzeitig in dem ihnen tödlich verhaßten Chartistenblatt, dem „People's Paper" von Ernest Jones, schrieb, solange es existierte. E. Jones lachte über Urquharts Marotten, machte sie lächerlich in seinem Blatt, und erkannte dennoch öffentlich in demselben Blatt seinen außerordentlichen Wert in der Foreign Policy an.
Schließlich noch ist der urquhartitische Romantizismus, trotz seines fanatischen Hasses gegen die französische Revolution und alles „Allgemeine", äußerst liberal. Die Freiheit des Individuums nur in sehr verzwickter Weise, ist sein letztes Wort. Um das fertigzubringen, maskiert er allerdings das „Individuum" in allerlei altertümliche Trachten.
Salut.
Dein
K.M.