[London, 23. oder 24. Dezember 1859]
Mein lieber Herr Engels!
Ich sage Ihnen den herzlichsten Dank für den Weihnachtshamper1. Der Champagner wird uns prächtig über das sonst trübe Fest hinüberhelfen und uns einen heitern Weihnachtsabend bereiten. Beim perlenden Schaum des Champagners werden die lieben Kinder das Christbäumchen, das dieses Jahr fehlt, nicht missen und trotz alledem und alledem lustig und fröhlich sein.
Über den feisten Philister Fr[eiligrath] und dessen westfälische Gradheit und Biederkeit habe ich mich schrecklich geärgert; Ihr Brief über den Dicken und die Dünne2 hat mir dagegen heute viel Spaß gemacht, und ich begreife nicht, wie ich mir das Benehmen des Gesindels oft so zu Herzen nehmen konnte. Wären wir in diesem Jahre „better of“3 gewesen, so hätte ich den ganzen Dreck humoristischer aufgefaßt; der Humor geht aber flöten, wenn man beständig mit der kleinsten Misere zu kämpfen hat, die mir noch nie so drückend war als jetzt, wo die süßen, so lieblich aufblühenden Mädchen mit drunter zu leiden haben. Dazu kam noch, daß die stillen, lang gehegten Hoffnungen auf Karls Buch alle zuschanden wurden durch die conspiration de silence4 der Deutschen, die nur unterbrochen wurde durch ein paar elende belletristische Feuilletonartikel, die sich nur auf die Vorrede und nicht auf den Inhalt des Buchs bezogen. Das 2te Heft wird die Siebenschläfer vielleicht aus der Lethargie wecken, und dann werden sie über die Tendenz um so mehr herfallen, als sie über die Wissenschaftlichkeit des Werks geschwiegen haben. Nous verrons.5 Vor allem bin ich auch gespannt, was das Ephraimchen Gescheut6 ausbrüten wird. Sein Benehmen bei der Sache ist auch nicht ganz clear7; Berliner Blau sowie Ferdinand der Reine8 müssen natürlich einstweilen sehr geschont werden, und der offizielle Bruch mit letzterm muß noch vertagt werden. Er ist mit dem Blind nur so dicke, weil dieser sein man-servant9 in der großen Kinkelaffiare war und seine Rechte im versoffnen Schillercomité vertrat. Weil Blind ihm dazu verhalf, daß während seiner Kantate die Schillerbüste enthüllt wurde (der grüne Serge-Überzug wollte durchaus nicht herunter; 4 Kerle mußten erst dran zappeln und ziehen) und nicht während der Telegraphereien des low comedian10, dafür muß er jetzt öffentlich an der Seite des ausgepichten Lügners stehen und dessen Verlogenheit und Feigheit durch seine politische Treue und Reinheit decken. Der jämmerliche Fazy-Knecht! Doch genug von den gedruckten Leuten. Ich schicke Ihnen hierbei durch Chaplin das Buch meines Bruders. Es interessiert Sie vielleicht und gibt Ihnen Stoff zu einer Kritik. Eigentlich hat mon cher frère11 uns direkt um die Hinterlassenschaft bestohlen, und es war eine positive Lüge, als er mir vor mehreren Jahren schrieb, es hätten sich nur ganz zusammenhanglose, verzettelte, unbrauchbare Papiere vorgefunden, mit denen nicht das geringste anzufangen sei und die eigentlich keinen „Tauschwert“ besäßen12. Ich könnte recht gut Krakeel mit ihm anfangen, und es wäre nichts leichter, als ihn bei seiner jetzigen prekären politischen Stellung tüchtig zu kompromittieren. Die Schleinitze und die Dunckers würden die Geschichte mit Vergnügen aufnehmen. Nun habe ich mich aber in voriger Woche, ohne Karls Wissen, um Geld an ihn gewendet. Da Karls Versuche, Geld aufzutreiben, alle scheiterten, entschloß ich mich in der äußersten emergency13 zu dem unangenehmen Schritt, den ich bis dahin, selbst in den schlimmsten Zeiten, vermieden hatte. Obgleich mir Ferdinand den „Vorschuß“ abschlug, „da er selbst auf seine Pension beschränkt sei“, so bin ich nun doch durch den Brief in eine false position14 ihm gegenüber und habe mir selbst Hände und Füße gebunden. Ich werde mich einstweilen darauf beschränken müssen, ihm Vorwürfe zu machen über die sonderbare Art, mit der er meinen Vater15 in der Vorrede behandelt hat. Er behandelt selbst den verrückten, egoistischen Bruder16, der meinem Vater das Leben verbitterte und meiner Mutter17 bis zum letzten Lebensjahre eine jährliche Rente von ihrem kleinen Witwengehalte abpreßte, besser, anständiger und ausführlicher als unsern humanen, wahrhaft edeln und hochherzigen Vater. Freilich war letzterer nur „Shakespeare- nicht bibelfest“; ein Verbrechen, das ihm der pietistische Sohn noch in dem Grabe nicht verzeihen kann. Auch war es höchst sonderbar, da er überhaupt Familienverhältnisse berührte, der zweiten Heirat meines Vaters gar nicht zu erwähnen und die zweite Mutter nicht zu nennen, die das Lebensglück meines Vaters ausmachte und die ihre Stiefkinder mit einer Treue und Liebe und Aufopferung hegte und pflegte, wie sie kaum oft den eignen Kindern zuteil wird. Meinen Bruder Edgar und mich konnte er so geschickt um ihr, ihn störendes, Dasein bringen. Doch letzteres ist sehr gleichgültig und drückt mich wenig, nur Vater und Mutter dürften so nicht behandelt und umgangen werden – dafür muß er büßen. Ich bin begierig, was Sie von dem Militärischen des Buchs sagen werden. Jennychen schreibt heute den Artikel statt meiner ab. Ich glaube, meine Töchter werden mich bald außer Dienst setzen, und ich werde dann in die Liste der „Versorgungsberechtigten“ kommen. Schade, daß keine Aussichten auf Pension da sind für meine langjährigen Sekretariatsdienste. Für heute Lebewohl. Die herzlichsten Grüße von allen sowie von Ihrer
Jenny Marx