[London, 28. März 1856]
Lieber Herr Engels,
Der Mohr möchte gern wissen, ob Sie Ostern herkommen, wie wir es alle so sehr wünschten. Er würde dann die blue books nicht schicken. Bitte, schreiben Sie ein paar Zeilen über Ihr Kommen. Dann könnten wir das Ding Montag auf die Parcelscompany1 bringen. Ich habe eben Ihren Artikel gepostet. Chaley is very busy2 mit den Karspapers3 und diktiert dem etwas verschwiemelten Pieper. Was sagen Sie zu den Skandalern in Berlin? Haben Sie in der heutigen „Times“ gelesen, was der Berliner Korrespondent berichtet? Die Ach- und Weh-Leaders4 der „Kreuz-Zeitung“ kann man sich jetzt erklären.
Ich habe in diesem Augenblick auch ein Hühnchen mit dem Minister of the interior5 zu pflücken wegen meiner kleinen Erbschaftsgeschichte. Sie werden sich erinnern, daß sich unter dem Nachlaß des Onkels6 eine Masse Briefe und Manuskripte des Großvaters7, der Kriegsminister des Herzogs von Braunschweig war, vorfanden. Wegen letzterer, die das kriegsgeschichtliche Material über den Siebenjährigen Krieg enthalten, war der preußische Staat durch die Vermittlung von Herrn von Scharnhorst schon mit meinem Vater8 in Unterhandlung, um sie anzukaufen. Nun kommt mein Bruder, und in der Schlußabrechnung über die Erbschaftsangelegenheit befinden sich folgende sonderbare Posten: Was die vorgefundenen Bücher betrifft, so hat der Herr Staatsminister dieselben aus „Pietäts-Rücksichten“ für zehn Taler übernommen. Den schlechteren Teil derselben hat er in Braunschweig für elf Taler versteigern lassen, und nun übernimmt er, ohne anzufragen, die wertvolleren, die er für zehn Taler taxieren läßt, aus Pietät, zieht mir aber die Kosten für die Fracht derselben von Braunschweig nach Berlin ab. Sonderbare Pietät! Doch nun kommt der eigentliche casus belli. Ferner läßt er den Geschäftsführer Florencourt schreiben:
„Außer den Büchern ist noch eine große Anzahl von Schriften, darunter auch eine Anzahl von Handschriften des verewigten Landdrost von Westphalen – zum Teil kriegsgeschichtlichen Inhalts – vorgefunden worden. Die letzteren sind aber durchgängig höchst lückenhaft und defekt und dürften dieselben ein eigentlich literarisches Interesse nicht darbieten.“
So ohne mir ein gerichtliches Inventar zu schicken und ohne die Papiere taxieren zu lassen, glauben sie die mit einem coup de main sich zueignen zu können. Ich vermute stark, daß mein Bruder gleich in seinem patriotischen Feuereifer die Manuskripte dem Staat geschenkt hat, um so mehr, als meine Mutter9 mir schreibt, sie habe ihnen schon über den Wert der Papiere geschrieben und angefragt, was sie damit vorhätten. Das Schweigen ist sehr sonderbar. Er glaubt, ich werde ihm, dem mächtigen „Cheeef“ der Familie, das alles so ohne weiteres wie meine andern untertänigen Schwestern überlassen. Da schneidet er sich aber.
Erst habe ich „leise Anfragen“ gemacht, um dann nach und nach mit meinen „property“10-Ansprüchen hervorzutreten.
Ich bin begierig auf die Antwort. Wir könnten jetzt sehr leicht bei dem jetzigen aufgeregten Zustande in Berlin Skandal machen. Aus Rücksicht für meine Mutter wollen wir aber noch vor Anfang etwas sachte auftreten. Hoffentlich sehn wir Sie hier die nächste Woche.
Sein Sie herzlich gegrüßt von
Jenny Marx