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Marx an Jenny Marx
in Trier

21. Juni 1856
34, Butler Street, Greenheys,
Manchester

Mein Herzensliebchen.

Ich schreibe Dir wieder, weil ich allein bin und weil es mich geniert, immer im Kopf Dialoge mit Dir zu halten, ohne daß Du etwas davon weißt oder hörst oder mir antworten kannst. Schlecht, wie Dein Porträt ist, leistet es mir die besten Dienste, und ich begreife jetzt, wie selbst „die schwarzen Madonnen“, die schimpfiertesten Porträts der Mutter Gottes, unverwüstliche Verehrer finden konnten, und selbst mehr Verehrer als die guten Porträts. Jedenfalls ist keins dieser schwarzen Madonnenbilder je mehr geküßt und angeäugelt und adoriert worden als Dein Photograph, das zwar nicht schwarz ist, aber sauer, und durchaus Dein liebes, süßes, küßliches, „dolce“ Gesicht nicht widerspiegelt. Aber ich verbeßre die Sonnenstrahlen, die falsch gemalt haben, und finde, daß meine Augen, so sehr verdorben vom Lampenlicht und Tobacco, doch malen können, nicht nur im Traum, sondern auch wachend. Ich habe Dich leibhaftig vor mir, und ich trage Dich auf den Händen, und ich küsse Dich von Kopf bis Fuß, und ich falle vor Dir auf die Knie, und ich stöhne: „Madame, ich liebe Sie.“ Und ich liebe Sie in der Tat, mehr als der Mohr von Venedig je geliebt hat. Falsch und faul faßt die falsche und faule Welt alle Charaktere auf. Wer von meinen vielen Verleumdern und schlangenzüngigen Feinden hat mir je vorgeworfen, daß ich berufen sei, eine erste Liebhaberrolle auf einem Theater zweiter Klasse zu spielen? Und doch ist es wahr. Hätten die Schufte Witz besessen, sie hätten „die Produktions- und Verkehrsverhältnisse“ auf die eine Seite gemalt und mich zu Deinen Füßen auf der andern. Look to this picture and to that1 – hätten sie drunter geschrieben. Aber dumme Schufte sind es und dumm werden sie bleiben, in seculum seculorum2.

Erste Seite des Briefes von Marx an seine Frau Jenny vom 21. Juni 1856 (Handschrift)

Erste Seite des Briefes von Marx an seine Frau Jenny vom 21. Juni 1856

Momentane Abwesenheit ist gut, denn in der Gegenwart sehn sich die Dinge zu gleich, um sie zu unterscheiden. Selbst Türme erscheinen in der Nähe zwerghaft, während das Kleine und Alltägliche in der Nähe betrachtet zu sehr wächst. So ist es mit den Leidenschaften. Kleine Gewohnheiten, die durch die Nähe, mit der sie einem auf den Leib rücken, leidenschaftliche Form annehmen, verschwinden, sobald ihr unmittelbarer Gegenstand dem Auge entrückt ist. Große Leidenschaften, die durch die Nähe ihres Gegenstandes die Form von kleinen Gewohnheiten annehmen, wachsen und nehmen ihr naturgemäßes Maß wieder ein durch die Zauberwirkung der Ferne. So ist es mit meiner Liebe. Du brauchst mir nur durch den bloßen Traum entrückt zu sein, und ich weiß sofort, daß die Zeit ihr nur dazu gedient hat, wozu Sonne und Regen den Pflanzen dient, zum Wachstum. Meine Liebe zu Dir, sobald Du entfernt bist, erscheint als was sie ist, als ein Riese, in die sich alle Energie meines Geistes und aller Charakter meines Herzens zusammendrängt. Ich fühle mich wieder als Mann, weil ich eine große Leidenschaft fühle, und die Mannigfaltigkeit, worin uns das Studium und moderne Bildung verwickeln, und der Skeptizismus, mit dem wir notwendig alle subjektiven und objektiven Eindrücke bemängeln, sind ganz dazu gemacht, uns alle klein und schwach und quengelnd und unentschieden zu machen. Aber die Liebe, nicht zum Feuerbachschen Menschen, nicht zum Mole-schottschen Stoffwechsel, nicht zum Proletariat, sondern die Liebe zum Liebchen und namentlich zu Dir, macht den Mann wieder zum Mann.

Du wirst lächeln, mein süßes Herz, und fragen, wie ich auf einmal zu all der Rhetorik komme? Aber könnte ich Dein süßes weißes Herz ans Herz drücken, so würde ich schweigen und kein Wort sagen. Da ich nicht küssen kann mit den Lippen, muß ich mit der Zunge küssen und Worte machen. Ich könnte in der Tat sogar Verse machen und Ovids „Libri Tristium“, zu teutsch Bücher des Jammers, nachreimen. Er war bloß vom Kaiser Augustus verbannt. Ich aber bin von Dir verbannt, und das begriff Ovid nicht.

Es gibt in der Tat viele Frauenzimmer auf der Welt, und einige darunter sind schön. Aber wo finde ich ein Gesicht wieder, wo jeder Zug, selbst jede Falte die größten und süßesten Erinnerungen meines Lebens wieder erweckt? Selbst meine unendlichen Schmerzen, meine unersetzlichen Verluste3 lese ich in Deinem süßen Antlitz, und ich küsse mich weg über den Schmerz, wenn ich Dein süßes Gesicht küsse. „Begraben in ihren Armen, auferweckt von ihren Küssen“ – nämlich in Deinem Armen und von Deinen Küssen, und ich schenke den Brahmanen und dem Pythagoras ihre Lehre von der Wiedergeburt und dem Christentum seine Lehre von der Auferstehung.

Zum Schluß some facts4. Ich habe dem Isaac Ironside heute das first paper of the series geschickt5 und dazu (i.e. zu dem Text der Depeschen) Noten in meiner eignen Handschrift und mit meinem eignen Englisch gemacht. Es war mir natürlich nicht ganz mundrecht, daß Frederic6 mit seinem kleinen kritischen Runzelgesicht das Zeug ruhig durchlas, bevor es abgeschickt ward. Mais pour la première fois, he was quite astonished and exclaimed that this important work ought to be published in another form and, above all things, to be published in German.7 Ich werde Dir und dem alten Geschichts-Schlosser in Deutschland die erste Nummer schicken.

Apropos. Aus der „Augsburger“, die direkt anbindet an unsre Rundschreiben8, die im Kölner Kommunistenprozeß vorkamen, sehe ich, daß „angeblich“ von derselben Quelle von London ein neues Rundschreiben erlassen ist. Es ist ein Falsum, ein elendes Kompilat aus unsern Sachen, verfaßt von Herrn Stieber, der in der letzten Zeit in Preußen nicht gehörig gewürdigt, nun in Hannover sich als großer Mann in Hannover auftun will. Engels und ich werden eine Gegenerklärung in der A[ugsburger] „A[llgemeinen] Z[eitung]“ erlassen.

Ade mein süßes Herz. Ich küsse Dich viel tausendmal und die Kinder.

Dein
Karl