240
Marx an Engels
in Manchester

[London] 5. Oktober [1859]

Lieber Engels,

Bei der Wirtschaft, die hier herrscht (Speck hat Bankerott gemacht und ist verschwunden; Garthe, der Kassierer, ist in Brighton) und stets bei dem „Volk“ herrschte, ist es unmöglich, genaue Rechnung zu erhalten über die vorleßnersche Zeit as to foreign subscribers1. Biskamp versichert, daß mit Ausnahme der allerersten Nummern dem Thimm stets ein Dutzend Exemplare geschickt worden sei.

Hollinger hat mich verklagt wegen 12 £ und ein paar Shillinge Rückstand für „Das Volk“, zusammen mit dem Satz für die letzte nicht erschienene Nummer. Dieser Schweinhund will mich plötzlich in den „Eigentümer“ verwandeln, obgleich der ganze Dreck, ich will nicht sagen unterging (denn mit dem hiesigen Philister ist nichts zu machen), sondern mit einem Defizit aufhörte, weil ich nicht der Eigentümer war und trotz allen Zeitverlustes nie die liederliche Wirtschaft redressieren konnte. Ebenso wenig habe ich dem Kerl je eine juristische Garantie gegeben. Die Rechnung halte ich für falsch, da der Kerl – abgesehn von der übrigen Einnahme – 7 £ von mir allein für die 3 vorletzten Nummern (seine Rechnung enthält die 2 letzten Nummern) erhalten hat. (Die 15 sh. an Leßner gingen nicht durch seine Hand, sondern zahlte ich direkt.) Ich lasse mich aber auf keine Debatte darüber ein, da ich sonst sofort sein Recht anerkenne, mich zu verklagen. Der Schweinhund wird schwören und einen seiner Setzer schwören lassen, ich hätte garantiert. (Selbst in diesem Fall hätte er erst den Bisk[amp] verklagen müssen.) Ich werde Biskamp etc. als Gegenzeugen bringen. Hätte ich die Mittel in der Hand, so würde ich, um alles öffentliche Verfahren zu vermeiden, zwar nicht dem Hollinger gezahlt haben, wohl aber eine Schuldforderung auf ihn gekauft haben von einem gewissen Lisle, dem landlord2 H[ollinger]s und Eigentümer der Druckerei. H[ollinger] schuldet diesem Mann an 60 £ und hat nie einen farthing3 an ihn gezahlt.

Unter jetzigen Umständen kann aber von dergleichen nicht die Rede sein.

Wenn ich nicht irgendeinen coup mache – und ich sehe absolut nicht, wie ich ihn machen soll –, wird der Plätz hier ganz unhaltbar. Freiligrath hatte wieder eine Wechseloperation versucht. Gestern abend aber erhielt ich Brief von ihm, daß sie definitiv gescheitert, gleichzeitig mit Drohbriefen von landlord etc.etc. Einliegenden Brief von Lassalle, den ich umgehend beantwortete4, betrachte ich als gute Nachricht. Die Sache scheint sich trotz der conspiracy de silence5 zu verkaufen. Sonst würde diese indirekte Aufforderung Dunckers nicht gekommen sein. Übrigens bin ich absolut unfähig, die Sache weiterzuschreiben, bis ich d'une manière ou d'une autre6 den bösesten bürgerlichen Dreck gecleart7 habe. Deine Artikel über die Geschichte8 sind abgedruckt worden von New York bis Kalifornien von den deutschen Blättern (mit dem bißchen „Volk“ hatte man die ganze deutsch-amerikanische Presse in der Hand). Als Beispiel von dem Schund, der in Deutschland erscheint, lege ich Dir folgenden Annoncenausschnitt aus der Wiener „Presse“ bei. Il suffit to read9 das Inhaltsregister. (By the by10, ich halte unter einem ausgewählten Kreis von Knoten Vorlesungen über Heft I. Es scheint die Leute sehr zu interessieren.)

Schließlich will ich nun über zwei „große Männer“ berichten.

Ad vocem R.Schramm. Dies triste Vieh war vor einiger Zeit in Ostende und schrieb von da eine Korrespondenz an den „Hermann“ . Ich lese letzten Schund nicht; die Sache wurde mir von Freiligrath berichtet. In dieser Korrespondenz erzählt R.Schramm, man könne schon von der Verkommenheit der Deutschen urteilen, wenn man ihren Gesprächen am Meeresstrandzuhöre. So habe er z.B. zwei Damen zugehört, die im echtesten Wuppertaler Dialekt gekohlt, und wovon die eine die andre „Frau Engels“ genannt habe. Das also ist die Rache dieses Elenden! Aber zur Strafe hat das Vieh 2000 £ (teste11 Freiligrath) kürzlich verloren. Der Narr hatte sich nämlich in „Edelsteinhandel“ eingelassen. Dies hat auch seinen Plan vereitelt, eine eigne deutsche Zeitung (sollte diesen Monat erscheinen) in London zu gründen. Ich habe die facts – das Nichterscheinen der Zeitung, Juwelenhandel und Geldverlust – zum großen Verdruß des Kerls und als Antwort auf seine kindische Malice12 durch Bisk[amp] in die „Weser-Zeitung“ bringen lassen.

Ad vocem K.Blind. In bezug auf diesen homme d'état13 muß ich etwas ausführlicher sein.

Zwei Wochen ungefähr, nachdem ich von Manchester nach London zurückgekehrt, erzählte mir Biskamp, Blind habe ihm durch Hollinger den Vorschlag machen lassen, sich (i.e. das „Volk“) mit Blind und Konsorten zu amalgamieren14, aber ich und überhaupt das kommunistische Element müsse heraus. Dagegen verständiger Sozialismus. – Ich hatte damals außer ein paar Späßen15 – wie Du weißt – nichts im „Volk“ geschrieben. Schrieb aber sofort dem Blind nicht einen Brief, sondern eine Mitteilung in about 10 lines16, worin ich ihn unter anderm „homme d'état“ und „wichtigen Mann“ nenne und von seinem Getreuen „Fidelio“ (i.e. Hollinger) sprach. Nächsten Tag – kömmt Liebknecht und erzählt mir, daß in der Kneipe an der Ecke Blind und Hollinger säßen. Der erste erwarte mich. Ich also mit Liebk[necht] dahin. Blind gab sein Ehrenwort, daß nichts an der Sache. Schweinhund H[ollinger] ditto. Ich mußte das also glauben. Dies Rendezvous gab aber Gelegenheit, auch auf andre Mogeleyen des Blind zu kommen. U.a. fiel die Rede auf Vogt. Blind leugnete auf Ehrenwort (hatte die Sache auch ohne Ehrenwort bei Freiligr[ath] geleugnet), daß er das anonyme „Zur Warnung“ verfaßt und in die Welt geschickt. Ich sagte, das wundre mich, da es nur enthielte, was er mir mündlich mitgeteilt bei Gelegenheit des Urquhartmeeting vom 9. Mai. Ich rief ihm ins Gedächtnis, daß er damals versichert, er habe Beweise in der Hand, er wisse den Namen des Manns, dem Vogt 30 [000] oder 40 000 Gulden angeboten, dürfe ihn aber „leider“ nicht nennen etc. Dies nun wagte Blind nicht zu leugnen, sondern gab es ausdrücklich und wiederholt zu, in Gegenwart Liebknechts und Hollingers.

Well!17 Vor einigen Wochen schrieb die A[ugsburger] „A[llgemeine] Z[eitung]“ an Liebknecht, der ihr das „Zur Warnung“ eingeschickt hatte. L[iebknecht] kam zu mir. Ich sagte ihm, er solle zu Blind. Ich werde „in der Kneipe an Blinds Ecke“ den homme d'état abwarten. Blind war im Bad, St. Leonards glaube ich. L[iebknecht] schreibt ihm; schreibt einmal, zweimal. Endlich Brief des homme d'état. Dieser, in der kühlsten und „diplomatischsten“ Manier, bedauert, daß „ich“ umsonst den Gang zu ihm gemacht, Liebkn[echt] müsse begreifen, daß er (Blind) nicht Lust habe, [sich] in die Angelegenheit einer ihm „ganz fremden Zeitung“ und in ihm ganz fremde Angelegenheit zu mischen. Was L[iebknecht]s Anspielungen auf „in Privatgesprächen“ gefallne „Bemerkungen“ angehe, so müßten sie auf bloßen „gänzlichen“ Mißverständnissen beruhn. Damit also glaubte der „homme d'état“ alles abgemacht.

Ich nahm nun Liebknecht mit zu Collet. Ich erinnerte mich, daß in der „Free Press“ vom May 27 (The Grand Duke Constantine etc., p.53) ein Paragraph enthalten, der mir sofort Blindsches Fabrikat gedünkt hatte und der, zusammengenommen mit dem, was Blind mündlich in L[iebknecht]s, Hollingers und meiner Gegenwart zugegeben, den ganzen Inhalt des Anonymen bildete, außerdem aber bewies, daß B[lind] nicht nur beiläufig in „Privatgesprächen“ die ihm sonst „ganz fremde Angelegenheit“ berührt. Also zu Collet, der sofort Blind für den author erklärte. Er hatte noch den Brief Blinds, worin dieser seine Karte eingelegt, ihn aber gebeten hatte, seinen Namen nicht zu nennen. Dies war ein Überführungsstück.

Durch eine Reihe Manöver, die es zu ausführlich wäre, hier zu erzählen, habe ich ferner Beiliegendes (das Du umgehend zurückschicken mußt. Ich habe es auch Freil[igrath] gezeigt) ausgepreßt. Da siehst Du „das Ehrenwort“! des Biedermanns.

Letzten Sonnabend hat Liebknecht dem homme d'état nun einen Brief zugeschickt (verfaßt nach einem von mir an L[iebknecht] gerichteten Brief18, worin ich die Sache etwas scharf zusammengefaßt). Antwort wird erwartet und wirst Du näher davon hören.

Salut.

Dein
K.M.