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Marx an Engels
in Manchester

London, 16. April [1856]

Dear Frederic,

Heute ist durch die Dir bekannte Parcelcompagnie1 an Dich abgegangen ein Paket, enthaltend: 1. Kars papers. 2. „Igor". 3. Destrilhes, „Confidences sur la Turquie". 4. 2 Nummern des „L'Homme". In dem einen der Brief von Cayenne, in dem andern Pyats Litanei an die Marianne, die er auf einem Chartistenmeeting zur Feier der französischen Revolution am 25. Februar dieses Jahres ablas. Der brave Mann hoffte natürlich, den Skandal wegen seines „lettre à la reine" sich diesmal wiederholen zu sehn. Schnitt sich jedoch. Du siehst daraus zugleich, welch Subalternverhältnis die hiesigen französischen Revolutionsmacher zur „Marianne" einnehmen. 5. 2 Ausschnitte aus dem „People's Paper", die 2 ersten Artikel von mir über die Kars papers2. Werde Dir auch Fortsetzung und Schluß schicken. Da das Original von Artikel I verlorengegangen war und die Zeit und noch mehr Ernest Jones auf mich preßte, so mußte ich aus dem Kopf den „Tribune"-Artikel zusammenhudeln, hastig, und so hat sich mancherlei Blödsinn eingeschlichen, der Deiner Spürnase am wenigsten entgehn wird. But never mind that!3 Ich erzähle das nur, damit Du weißt, warum ich Dir die Sache nicht gleich schickte.

Vorgestern fand ein kleines Bankett statt zur Jahresfeier des „People's Paper". Diesmal, da die Zeiten es mir zu erheischen schienen, nahm ich die Einladung an, so mehr, da ich allein (as announced in the „Paper"4) von der ganzen Emigration eingeladen war und auch der erste Toast auf mich kam, nämlich von mir vorzubringen war auf die souveraineté du prolétariat dans tous les pays5. Ich hielt also kleinen englischen speech6, den ich indes nicht abdrucken lassen werde. Der Zweck, den ich wollte, ist erreicht. Herr Talandier – der sich sein ticket zu 21/2 sh. kaufen mußte – und die übrige französische und sonstige Emigrationsbande hat sich überzeugt, daß wir die einzig „intimen" Alliierten der Chartisten sind und daß, wenn wir uns von öffentlichen Demonstrationen zurückhalten und den Frenchmen7 überlassen, öffentlich mit dem Chartismus zu kokettieren, wir es jederzeit in unsrer Gewalt haben, die uns schon historisch zukommende Position wieder einzunehmen. Es war das um so nötiger geworden, als auf dem quotierten Meeting vom 25. Februar, unter Pyats Vorsitz, der deutsche Knote Scherzer (old boy8) auftrat und in wahrhaft schrecklichem Straubingerstil die deutschen „Gelehrten" denunzierte, die „geistigen Arbeiter", die sie (die Knoten) im Stich gelassen und so nötigten, sich neben den andern Nationen zu blamieren. Du kennst ja den Scherzer von Paris her. Ich habe mit Freund Schapper wieder einige Zusammenkünfte gehabt und einen sehr reuigen Sünder in ihm gefunden. Die Zurückgezogenheit, worin er seit 2 Jahren lebt, scheint seine Geisteskräfte rather9 geschärft zu haben. Du begreifst, daß für allerlei Eventualitäten es immer gut sein kann, den Mann an der Hand zu haben and, still more10, ihn aus der Hand Willichs zu haben. Schapper hat jetzt große Wut auf die Knoten in W[indmill].

Zweite und dritte Seite des Briefes von Marx an Engels vom 16. April 1856

Ich werde Deinen Brief an Steffen11 besorgen. Den Brief von L[evy] hättest Du dort behalten sollen. Tu das überhaupt mit allen Briefen, um deren Rücksendung ich nicht bitte. Je weniger sie die Post passieren, the better12. Ich bin ganz Deiner Ansicht wegen der Rheinprovinz. Für uns ist das Fatale, daß ich, looming in the future13, etwas sehe, was nach „Vaterlandsverrat" schmecken wird. Es wird sehr von der tournure14 der Dinge in Berlin abhängen, ob wir nicht gezwungen werden, in ähnliche Position zu kommen wie in der alten Revolution die Mainzer Klubbisten. Ça sera dur.15 Wir, die so enlightened16 sind über unsre braven frères17 von jenseits des Rheins! The whole thing in Germany18 wird abhängen von der Möglichkeit, to back the Proletarian revolution by some second edition of the Peasants' war19. Dann wird die Sache vorzüglich.

Von Stieber II ist mir nichts zu Ohren gekommen. Schreib mir, was Du davon weißt.

Nun zu der chronique scandaleuse20.

Die Piepersche Komödie hat ein ebenso rasches wie bittres Ende genommen. Auf der einen Hand erhielt er einen Brief, worin der alte Greengrocer21 ihm rundweg abschlägt und ihm sein Haus verbietet. Auf der andern Seite erschien die grünbebrillte Nachteule – eine unbeschreiblich häßliche Hutschachtel – in unsrem Haus, um „ihren" Pieper zu finden. Sie schlug ihm vor, mit ihr durchzubrennen. Mit großer Diskretion lehnte er dies auf das entschiedenste ab. So ist die Komödie ausgespielt. Daß Wunderhold durch diese bittre Erfahrung seiner Unwiderstehlichkeit in etwas kuriert werden wird, ist zu hoffen.

Einliegend ein Brief Seilers. Dieser Falstaff hat Edgarn22 gleich bei seiner Ankunft in New York gefunden, als ersterer eben auf dem Sprung war, nach Texas abzusegeln. Edgar hat einstweilen Geld von der Erbschaft her. Die ekelhaften Folgen dieses Zusammentreffens mit S[eiler] siehst Du aus dem Brief.

Schöne Kompagnie. Seiler und Conrad Schramm!
Salut.

Dein
K.M.