63
Marx an Ferdinand Lassalle
in Düsseldorf

8ter November 1855
34, Butler Street, Green Keys,
Manchester

Lieber Lassalle,

Du erhältst sehr spät Antwort. Einerseits bekam ich Deine Briefe später, weil ich in Manchester und die Briefe in London waren, meine Frau auch nicht genau wußte, ob ich nicht Manchester wieder verlassen. Andererseits war ich so von den infamsten Zahnschmerzen heimgesucht, daß mir das geschah, was Hegel vom sinnlichen Bewußtsein verlangt, auf der Station, wo es in das Selbstbewußtsein herüberreiten soll, – daß mir nämlich Hören und Sehn verging, also auch Schreiben.

Was nun Deine Frage wegen des Buchs, betitelt: „Les mystères de la Bourse“ par Coffinières betrifft, so glaube ich, befindet sich dies miserable Machwerk noch unter meinen im Vaterland zurückgebliebnn Büchern. Während meines ersten Aufenthalts in Paris ließ ich mich durch den Titel verführen, die Sache erst zu kaufen und dann zu lesen. Herr Coffinières ist ein Advokat, der von der Börse au fond1 nichts kennt und nur vor den „juristischen“ Prellereien der „agents de change“2 warnt. Es ist also nichts aus dem Buch zu nehmen, weder facts, noch Theorie, nicht einmal unterhaltende Anekdoten. Zudem jetzt durchaus veraltet. „Laß ihn laufen, holde Donna“ – nämlich den Coffinières. „Er ist Deines Zorns nicht wert.“

Weerth ist jetzt, nach einer längren Reise über den Kontinent (er kehrte Ende Juli von Westindien zurück), wieder in Manchester. In 8 Tagen wird er von hier aufs neue nach den Tropen absegeln. Es ist sehr amüsant, ihm zuzuhören. Er hat viel gesehn, erlebt und beobachtet. Großen Teil von Süd-, West- und Mittelamerika durchstreift. Zu Pferd die Pampas durchritten. Den Chimborasso erstiegen. Nicht minder in Kalifornien sich aufgehalten. Wenn er jetzt keine Feuilletons schreibt, spricht er sie dafür, und da hat der Zuhörer noch den Vorzug der lebendigen Aktion, der Mimik und des schalkhaften Lachens. Übrigens schwärmt er sehr für das Leben in Westindien und ist keineswegs auf den Menschenkehricht und das Wetter des hiesigen nordischen Klimas gut zu sprechen. Und, indeed3, es ist hier schlimm, sehr schlimm.

Die Jersey-Affäre und den sonstigen Skandal über die Flüchtlingsfrage in England wirst Du aus den Zeitungen kennen.4 Ich glaube nicht, daß die Affäre einen ernsthaften Verlauf nehmen wird. Ich glaube nicht einmal, daß die hiesige Regierung ein seriöses Resultat bezweckt hat. Der Skandal wäre sonst aufgespart worden bis kurz vor der Eröffnung des Parlaments. Jetzt hat man der public opinion5 Zeit zum Umschlag gelassen, der auch schon vielseitig eingetreten.

Adressiere Deinen nächsten Brief an meine alte Adresse in London, da ich nicht weiß, wie lange ich noch hier bei Freund Engels bleiben werde. Engels und Lupus lassen Dich bestens grüßen.

Dein
K.M.

Beilagen