London, 6. April 1854
(Adresse kennst Du)
Lieber Lassalle!
Deinen Brief vom 7.März richtig erhalten. Ich muß Dir einige Bemerkungen machen, erstens auf Deine militärischen und zweitens auf Deine diplomatischen Views1.
ad 1.2 Auf meine Bemerkung mit Bezug auf Enos und Rodosto antwortest Du – hierin im Einverständnis mit den englischen ministeriellen Blättern –, daß Konstantinopel zu decken sei. Wenn die zwei Flotten im Schwarzen Meer und die Donauarmee es nicht decken, so auch 100 000 Franzosen und Engländer nicht. Das leugne ich natürlich nicht, daß sie in Rodosto näher zur Hand sind als in Malta oder Toulon, um nach Sewastopol oder Odessa geworfen zu werden.
Die Vorstellung, als ständen die Östreicher beim Einrücken in Serbien „im Rücken der türkischen Donauarmee“, scheint mir nicht ganz richtig. Die Östreicher müssen bei Belgrad oder nicht viel weiter abwärts hinüber oder über Mehădia auf dem linken Donauufer in die Walachei. Im ersten Fall stehn sie in der Verlängerung des türkischen linken Flügels, im zweiten in seiner Front. Daß alsdann Kalafat und Widdin, außer einer Besatzung, die dort bleibt, preisgegeben werden müssen, ist klar, aber nicht, daß dieser linke türkische Flügel verloren ist und seine Reste sich auf die Schumla-Linie zurückziehnn müssen. Au contraire3 ist die richtige Taktik der Östreicher, sofort über Nissa nach Sofia zu marschieren, also die richtige der Türken, von Widdin ebenfalls auf Sofia zurückzugehen. Da sie den kürzeren Weg haben, sind sie vor den Östreichern da und können sich im Balkan halten oder auf Adrianopel zurückgehnn.
Sollten die Östreicher sich verleiten lassen, auf Widdin zu marschieren, so gehen die Türken doch nach Sofia. Diese Trennung von Omer Paschas Hauptkorps ist dann keine Zersplitterung der Kräfte, da der neue Feind eine neue Operationslinie Adrianopel-Sofia-Belgrad-Widdin erheischt. Der türkische linke Flügel wird also eine selbständige Armee.
Sollte aber trotz alledem die Kriegsführung, die Du voraussetzest, sich ereignen, so hülfе alles Replizieren auf die Schumla-Linie nichts, da diese durch die Preisgebung der Hauptstraße von Belgrad nach Konstantinopel bereits umgangen wäre und nun im Gegenteil erst recht verlassen werden müßte, Hals über Kopf, um bei Adrianopel alle Reserven zu sammeln und gegen den ersten Feind, der den Balkan passiert, vorzudringen.
ad 2. ad vocem4 Palmerston. Deine Ansicht über Palmerston ist die auf dem Kontinent und bei der liberalen Masse des englischen Publikums vorherrschende. Für mich steht keine Konklusion fester als die, daß Palmerston – dem en passant die Prinzessin Lieven 1827 seine Schulden zahlte, den Prinz Lieven 1830 ins Foreign Office brachte und vor dem Canning auf seinem Totenbette warnte – ein russischer Agent ist. Ich bin zu diesem Resultat gelangt durch eine höchst gewissenhafte und sorgsame Prüfung seiner ganzen Karriere, und zwar der „Blue books“, der „Parliamentary Debates“ und der Aussagen seiner eignen diplomatischen Agenten. Die Arbeit war keineswegs amüsant und dazu sehr viel Zeit raubend, aber sie war insofern lohnend, als sie den Schlüssel zur geheimen diplomatischen Geschichte der letzten 30 Jahre enthält. – (En passant. Einige meiner „Tribune“-Artikel über Palmerston sind zu 50 000 Exemplaren als besondre Pamphlete wieder in London nachgedruckt worden.5) – Palmerston ist kein Genie, ein Genie gibt sich zu solchen Rollen nicht her. Aber er ist eines der größten Talente und ein vollendeter Taktiker. Seine Kunst besteht nicht darin, daß er Rußland dient, sondern daß er sich in der Rolle des „truly English minister“ zu behaupten weiß, während er ihm dient. Er unterscheidet sich von Aberdeen nur darin, daß Aberdeen Rußland dient, weil er es nicht versteht, und Palmerston ihm dient, obgleich er es versteht. Der erste ist deswegen der offene Parteigänger, der zweite der geheime Agent Rußlands, der erste gratis, der zweite für empfangnes Honorar. Wollte er sich selbst jetzt gegen Rußland wenden, so kann er nicht, weil er in seiner Hand ist und jeden Tag in Petersburg geopfert zu werden fürchten müßte. Er ist der Mann, der 1829 Aberdeen anklagte, seine Politik sei nicht russisch genug, dem Robert Peel im House of Commons erklärte, er wisse nicht, wessen Repräsentant er sei, der 1831 die Polen opferte, der 1833 den Vertrag von Unkiar-Skelessi6 der Pforte aufzwang, der 1836 den Kaukasus und die Donaumündungen an Rußland preisgab, der die Verträge von 1840 und 1841 und eine neue Heilige Allianz gegen Frankreich bewirkte, der den Afghankrieg im Interesse der Russen führte, der 1831, 1836, 1840 die Inkorporation von Krakau vorbereitete, um 1846 dagegen zu – protestieren etc. Wo immer er seine Hand hatte, hat er den englischen Handelsinteressen entgegengearbeitet, unter dem Vorwand, sie zu schützen. So in der neapolitanischen Schwefelfrage. Günstige Handelstraktate mit Frankreich, die auf dem Punkt waren, ratifiziert zu werden, hat er hintertrieben. Er ist der Mann, der Italien und Ungarn geliefert hat. Hätte er bloß gegen revolutionäre Nationalitäten operiert, so wäre das erklärlich. Aber in Fragen, wo es sich um exklusiv englische Interessen handelte, hat er sie immer in der raffiniertesten Weise an Rußland verraten. Übrigens fängt man hier an, ihn zu verstehn. Baldigen Nachrichten von Dir entgegensehend
Dein
K.M.