43
Marx an Adolf Cluß
in Washington

[London, 17. April 1853]

…Heute erhalte ich die 5 ersten Nummern aus New York1, ich weiß nicht, ob von Weyd[emeyer] oder von Kellner. Die Mehrzahl der Nummern kannte ich schon durch Dich. Das ist wenigstens ein anständiges Blatt, was in Amerika selten ist, und ein Arbeiterblatt. Ich kann dagegen nicht sagen, daß des Hauptredakteurs affektiertes Überschwabeln über die „questions personnelles“2, die zugleich Parteifragen sind, sein gemacht-naives Biedermannstum, seine biblische Feierlichkeit, stark von mir goutiert3 werden. Doch man muß das Blatt nehmen, wie es ist. Bei weitem am besten gefiel mir W[eydemeyer]s Einleitung in seine „Ökonomischen Skizzen“. Das ist gut. Ich habe die hiesigen Leute aufgefordert; Dronke und Pieper haben, glaube ich, schon etwas hingeschickt. Mit Jones werde ich sprechen. Im ganzen ist die Mitwirkung schwierig. Ich selbst bin überbeschäftigt. Die andern sind leider immer noch etwas abgeschreckt durch die früheren Erfahrungen. Lupus steht miserabel. Eccarius muß von 5 Uhr morgens bis abends 8 Uhr schneidern und ist in gefährlich hektischem Zustande. Engels, für die Zeit, wo er nicht auf dem Comptoir sitzen muß, ganz von Studien absorbiert und ist wohl auch noch nicht kuriert von den Häkelchen, die er in der amerikanischen Presse sich munkelt. Unsre Partei ist leider sehr pauvre4. Ich werde mich noch an Ex-Lieutenant Steffen, Ex-Entlastungszeugen bei dem Kölner Prozeß, jetzt Schulmeister in der Umgegend von London, wenden. Er hat die meiste freie Zeit und ist sehr tüchtig. – Pieper hat die von Dir verlangten Artikel nie beendigt, deshalb erhieltest Du sie bis heute noch nicht.

Was die Hirschsche Affäre5 angeht, so ging immediately via6 Engels eine Erklärung7 an Engels, die etc. etc. Daß B[angya] nicht koscher, wußte ich seit mehr als 6 Monaten. Ich habe aber erst mit dem Kerl gebrochen, nachdem der Esel mir Einsicht in alle seine Verbindungen gegeben, mir die Rechtfertigungsstücke für mich und die Überführungsstücke für ihn eingehändigt und sich überhaupt in meine Macht begeben hatte. Ich habe ihn schon vor einigen Monaten bei Szemere herausgeworfen.

Mein Verdacht gegen Willich hat sich durch den letzten Schritt nur bestätigt. D’abord8 weiß ich, daß er und Kinkel mit den Revolutionsgeldern den Hirsch bezahlt haben und noch bezahlen! Dann hatte Willich während des Kölner Prozesses, kurz nachdem er begonnen, bei Fleury renommier (der wieder die Sache dem Imandt erzählte), er besitze einen von mir d. d. Manchester an Bangya gerichteten Brief. Ich stellte damals den B[angya] zu Rede. Er erklärte sich bereit, mit Fleury konfrontiert zu werden. Fleury, auf diese Mitteilung, die ich ihm durch Imandt machen ließ, retraktierte9. Also Willich stand damals in verbotenem Umgang mit Hirsch. Er wußte, daß Hirsch in verbotenem Umgang mit Greif stand und daß sein Freund Fleury Spion sei. Durch diese Kerls erhielt er meinen Brief. Der „tapfere Biedermann“ – für den, en passant, freies Essen und Trinken le dernier but10 ist, wollte mir eine Falle stellen und ließ sich zu diesem Behuf in schmutzige Intrigen mit Mouchards11 ein.

Allerdings schickte er den H[irsch] nach Köln. Allerdings habe ich später erfahren, daß Hirsch in Köln war. Aber warum schickte er den H[irsch] nach Köln, und wann schickte er ihn hin? Erstens, nachdem es zu spät war. 2. Nachdem die Polizei selbst zu Köln seinen Freund Fleury denunziert hatte – 3. Nachdem er selbst verdächtig geworden und durch diesen Theatercoup sich als „edelmütigen Biedermann“ rekonstituieren wollte. Hirsch selbst, bei seiner Rückkehr, stellte die Sache so dar…

Reichenb[ach] mit Familie, der „kluge“ Lieutenant Schimmelpfennig nebst Frau und seinem 1000 £ brüningkschen Legat, endlich Maler Schmolze sind heute nach Amerika abgesegelt. Bon voyage! Nur verliert der arme Lupus durch Reichenbachs Flucht die letzten Stunden. Das ist böse für ihn. Er ist kein Kinkel. Er weiß den Bürgern nicht in den Arsch zu kriechen, wie der künftige „Präsident der deutschen Republik“ und seine „Gattin“, die Schmeichler und Schmarotzer und Humbugs12 von Fach sind. Der süße Gottfried hat sich soweit hinaufscherwenzelt, daß ihm gestattet worden, in einer Halle der Londoner Universität seine alten Vorlesungen über christliche Kunst des Mittelalters vor einem Londoner Publikum zu wiederholen. Er hält sie frei, gratis, in der Hoffnung, sich zum Professor der Ästhetik in der Londoner Universität heranzuschwindeln. Er hält sie in einem abominablen13 Englisch, ablesend von einem Manuskript.

Beim Beginn der Vorlesungen mit Applaus empfangen, fiel er im Verlauf vollständig durch, so daß selbst die bestellte Claque von jüdisch-ästhetischen Schachern ihn nicht aufrechtzuhalten vermochte. Edgar Bauer, der da war – vorigen Dienstag hielt K[inkel] seine erste Vorlesung –, hat mir ausführlich berichtet. Es soll wirklich kotzjämmerlich miserabel gewesen sein.

Nach: Brief von Cluß an Weydemeyer vom 3. Mai 1853.