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Engels an Marx
in London

[Manchester, um den 26. Mai 1853]

Lieber Marx,

Die Bombe wird also endlich platzen, wie Du aus inl. Korrekturwisch und Weyd[emeyers] Brief ersiehst. Wunderbarlich ist diese Manier von Willich, sich aus der Sache zu ziehen, jedenfalls; Du wirst Dich gewiß kostbar amüsieren über diese lahmen Zirkumlokutionen1 und die verlegene Holprigkeit der Schreibart. Der Kerl ist schwer getroffen. Vater Schramm2 aber scheint ihn in Cincinnati schwer gekränkt zu haben; immer zu etwas gut. Soviel ist sicher: auf diese Erklärung kann nur noch eine größere Blamage von seiten des Ritterlichen folgen.

Also weil die „N[ew]-Y[orker] Criminal-Zeitung“ !!!!!!Angriffe auf Willich gebracht hat, deswegen sieht der Edle sich gezwungen, sein heroisches Schweigen zu brechen.

„Im höchsten Fall“! Bei Willich fallen die Körper nicht nach unten, sondern nach oben. Adieu Schwerkraft. Der Kerl ist total verrückt. Auch wieder die Geschichte mit dem Meuchelmord! Wir werden jetzt auch sofort den pp. Schramm in die Schranken springen sehn mit einer Erklärung.

Zur Beruhigung kann ich Dir mitteilen, daß die „N[eu]-Engl[and]-Ztg.“ mir heute den Versand von 420 Exemplaren „Enthüllungen3 an meine Adresse anzeigt, ich sie also wohl morgen oder spätestens in 8 Tagen erhalten werde, wenn das Paket nicht mit dem letzten Steamer abgegangen sein sollte. Die Kerle haben die Unverschämtheit, mich in einem halbanonymen „Office der ‚N.-E.-Z.‘“ unterzeichneten Briefe zum Mitarbeiter aufzufordern – das fehlte noch!

Gut ist es auf alle Fälle, daß wir jetzt doch in der „Reform“ ein Organ haben, worin man, selbst wenn alle Stricke reißen, Sachen in der Polemik gegen Willich und Konsorten unterbringen kann. Der Krawall reitet den Kellner immer tiefer hinein.

Der Druckfehler von Weyd[emeyer] darf Dich nicht wundern. Du weißt ja, daß Weyd[emeyer] statt „Rühmliches“ immer auch nur „Ähnliches“ leistet.4 Der Kleine5 wird nächsten Sonntag herkommen. Ich bin begierig, wie er sich in B[rad]ford als Kommis entwickelt. Jedenfalls scheint der brave Buckup ihn gehörig schanzen zu lassen.

Gestern hab ich das Buch über die arabischen Inschriften gelesen, wovon ich Dir sprach. Das Ding ist nicht uninteressant, so eklig der Pfaff und Bibelapologet überall durchblickt. Sein höchster Triumph ist, dem Gibbon einige Schnitzer in der alten Geographie nachweisen zu können und davon auch auf die Verwerflichkeit der Gibbonschen Theologie zu schließen. Das Ding heißt: „The historical Geography of Arabia“ by the Reverend Charles Forster. Das Beste, was dabei herauskommt, ist:

1. Die in der Genesis gegebne angebliche Genealogie von Noah, Abraham pp. ist eine ziemlich exakte Aufzählung der damaligen Beduinenstämme je nach ihrer größeren oder geringeren Dialektverwandtschaft pp. Die Beduinenstämme nennen sich bekanntlich bis heute immer Beni Saled, Beni Jussuff pp., d. h. die Söhne von dem und dem. Diese Benennung, aus der altpatriarchalischen Existenzweise hervorgehend, führt schließlich auf diese Art Genealogie. Die Aufzählung der Genesis wird plus ou moins6 bestätigt durch die alten Geographen, und die neueren Reisenden beweisen, daß die alten Namen, dialektisch verändert, meistens noch existieren. Dabei kommt aber heraus, daß die Juden selbst weiter nichts sind als ein kleiner Beduinenstamm wie die andern, den Lokalverhältnisse, Agrikultur pp., in Gegensatz zu den andern Beduinen brachten.

2. In Beziehung auf die große arabische Invasion, von der wir früher sprachen: daß die Beduinen grade wie die Mongolen periodische Invasionen gemacht haben, daß das assyrische Reich und das babylonische durch Beduinenstämme gegründet sind, auf demselben Fleck, wo später das Kalifat von Bagdad. Die Gründer des babylonischen Reichs, die Chaldäer, existieren noch unter demselben Namen, Beni Chaled, in derselben Lokalität. Die rasche Herstellung großer Städte, Ninive und Babylon, ist genau so geschehen wie noch vor 300 Jahren die Schöpfung von ähnlichen Riesenstädten, Agra, Delhi, Lahore, Muttan, in Ostindien durch die afghanische resp. tatarische Invasion. Damit verliert die mohammedanische Invasion viel von ihrem distinktiven Charakter.

3. Die Araber scheinen, wo sie ansässig waren, im Südwesten, ein ebenso zivilisiertes Volk gewesen zu sein wie die Ägypter, Assyrier pp., ihre Bauwerke beweisen das. Auch das erklärt manches in der muhamedanischen Invasion. Was den Religionsschwindel angeht, so scheint aus den alten Inschriften im Süden, in denen die altnational-arabische Tradition des Monotheismus (wie bei den amerikanischen Indianern) noch vorherrscht, und von der die hebräische nur ein kleiner Teil ist, hervorzugehn, daß Mohammeds religiöse Revolution, wie jede religiöse Bewegung, formell eine Reaktion war, vorgebliche Rückkehr zum Alten, Einfachen.

Daß die jüdische sog. heilige Schrift weiter nichts ist als die Aufzeichnung der altarabischen religiösen und Stammtradition, modifiziert durch die frühe Separation der Juden von ihren stammverwandten, aber nomadischen Nachbarn, ist mir jetzt vollständig klar. Der Umstand, daß Palästina nach der arabischen Seite zu von lauter Wüste, Beduinenland, umgeben, erklärt die separate Entwicklung. Aber die altarabischen Inschriften, Traditionen und der Koran, sowie die Leichtigkeit, mit der sich nun alle Genealogien pp. auflösen lassen, beweisen, daß der Hauptinhalt arabisch oder vielmehr allgemein semitisch war, wie noch bei uns die Edda und die deutsche Heldensage.

Dein
F. E.