Köln, 25. Januar1 [1843]
Lieber [...]2
Sie wissen wahrscheinlich schon, daß die „Rhein[ische] Zeit[ung]“ verboten, aufgehoben ist, eine Todeserklärung erhalten hat. Man hat ihren Termin bis zu Ende März gestellt. Während dieser Galgenfrist hat sie Doppelzensur. Unser Zensor3, ein ehrenwerter Mann, ist unter die Zensur des hiesigen Regierungspräsidenten von Gerlach, eines passiv gehorsamen Dummkopfs, gestellt, und zwar muß unser fertiges Blatt der Polizeinase zum Riechen präsentiert werden, und wenn sie was Unchristliches, Unpreußisches riecht, darf die Zeitung nicht erscheinen.
Mehre speziellen Ursachen laufen zu diesem Verbot zusammen, unsere Verbreitung, meine Rechtfertigung des Moselkorrespondenten4, worin höchste Staatsmänner sehr blamiert wurden, unsere Obstination, den Einsender des Ehegesetzes zu nennen, die Zusammenberufung der Landstände, auf die wir agitieren könnten, endlich unsre Kritiken des Verbots der „L[eipziger] A[llgemeinen] Z[eitung]“5 und der „D[eutschen] J[ahrbücher]“.
Das Ministerialreskript, was dieser Tage in den Zeitungen erscheinen wird, ist womöglich noch schwächer als die frühern. Als Motive werden angegeben:
1. die Lüge, daß wir keine Konzession hätten, als wenn in Preußen, wo kein Hund leben darf ohne seine Polizeimarke, die „Rh. Z.“ auch nur einen Tag ohne die offiziellen Lebensbedingungen hätte erscheinen können.
2. Die Zensurinstruktion vom 24. Dez. bezweckte eine Tendenzzensur. Unter Tendenz verstand man die Einbildung, den romantischen Glauben, eine Freiheit zu besitzen, die man realiter zu besitzen Euch nicht erlauben würde. Wenn der verständige Jesuitismus, wie er unter der früheren Regierung herrschte, ein hartes Verstandesgesicht hatte, so verlangt dieser romantische Jesuitismus die Einbildungskraft als Hauptrequisit. Die zensierte Presse soll von der Einbildung der Freiheit und jenes prächtigen Mannes6, der diese Einbildung allerhöchst gestattete, zu leben wissen. Wenn aber die Zensurinstruktion eine Zensur der Tendenz wollte, so erklärt jetzt das Ministerialreskript: für durchgängig schlechte Tendenz sei das Verbot, die Unterdrückung in Frankfurt erfunden worden. Die Zensur sei nur da, um die Auswüchse der guten Tendenz zu zensieren, obgleich die Instruktion eben das Umgekehrte gesagt hatte, nämlich der guten Tendenz seien Auswüchse zu gestatten.
3. Der alte Larifari von schlechter Gesinnung, hohler Theorie, Dideldumdei etc.
Mich hat nichts überrascht. Sie wissen, was ich gleich von der Zensurinstruktion hielt. Ich sehe hier nur eine Konsequenz, ich sehe in der Unterdrückung der „Rh. Z.“ einen Fortschritt des politischen Bewußtseins und resigniere daher. Außerdem war mir die Atmosphäre so schwül geworden. Es ist schlimm, Knechtsdienste selbst für die Freiheit zu verrichten und mit Nadeln, statt mit Kolben zu fechten. Ich bin der Heuchelei, der Dummheit, der rohen Autorität und unseres Schmiegens, Biegens, Rückendrehens und Wortklauberei müde gewesen. Also die Regierung hat mich wieder in Freiheit gesetzt.
Ich bin, wie ich Ihnen schon einmal geschrieben, mit meiner Familie zerfallen7 und habe, so lang meine Mutter lebt, kein Recht auf mein Vermögen. Ich bin ferner verlobt und kann und darf und will nicht aus Deutschland ohne meine Braut8. Machte es sich also, daß ich etwa in Zürich mit Herwegh den „D[eutschen] B[oten]“ redigieren könnte, so wäre mir das lieb. In Deutschland kann ich nichts mehr beginnen. Man verfälscht sich hier selbst. Sollten Sie mir daher in dieser Angelegenheit Rat und Aufschlüsse geben wollen, so werde ich sehr dankbar sein.
Ich arbeite an mehren Sachen, die hier in Deutschland weder Zensor noch Buchhändler, noch überhaupt irgendeine mögliche Existenz finden können. Ich erwarte baldigst Antwort von Ihnen.
Ihr
Marx