Trier, den 9ten Juli [1842]
Lieber Freund!
Wenn nicht die Ereignisse mich entschuldigten, würde ich jeden Versuch einer Exkuse aufgeben. Es versteht sich von selbst, daß ich es mir zur Ehre anrechne, an den „Anecdotis“ mitzuarbeiten und nur durch unangenehme Äußerlichkeiten von der Einsendung meiner Beiträge kohibiert worden.
Seit dem Monat April bis heute habe ich im ganzen vielleicht nur, aufs höchste, 4 Wochen, und diese nicht einmal ununterbrochen, arbeiten können. 6 Wochen mußte ich wegen eines neuen Todesfalls in Trier zubringen, die übrige Zeit war zerstückelt und verstimmt durch die allerwidrigsten Familienkontroversen. Meine Familie legte mir Schwierigkeiten in den Weg, die mich trotz ihres Wohlstandes momentan den drückendsten Verhältnissen aussetzten. Ich kann Sie unmöglich mit der Erzählung dieser Privatlumpereien belästigen; es ist ein wahres Glück, daß die öffentlichen Lumpereien jede mögliche Irritabilität für das Private einem Menschen von Charakter unmöglich machen. Während dieser Zeit schrieb ich für die „Rheinische“, der ich schon lange die Einsendung meiner Artikel schuldig war etc. etc. Ich hätte Sie längst von diesen Intermezzos benachrichtigt, wenn ich nicht gehofft, von Augenblick zu Augenblick meine Arbeiten selbst beendigen zu können. Ich reise in einigen Tagen nach Bonn und werde nichts anrühren, bis ich die Beiträge für die „Anekdota“ beendigt. Es versteht sich, daß ich bei dieser Sachlage vorzugsweise das „über Kunst und Religion“ nicht so gründlich ausarbeiten konnte, wie der Stoff es erheischt.
Glauben Sie übrigens nicht, daß wir am Rhein in einem politischen Eldorado leben. Es gehört die konsequenteste Zähigkeit dazu, um eine Zeitung wie die „Rheinische“ durchzuschlagen. Mein zweiter Artikel über den Landtag, betreffend die kirchlichen Wirren, ist gestrichen. Ich habe darin nachgewiesen, wie die Verteidiger des Staats sich auf kirchlichen und die Verteidiger der Kirche sich auf staatlichen Standpunkt gestellt. Dieser Inzident ist der „Rheinischen“ um so unlieber, als die dummen kölnischen Katholiken in die Falle gelaufen und die Verteidigung des Erzbischofs Abonnenten gelockt hätte. Sie haben übrigens schwerlich eine Vorstellung, wie niederträchtig die Gewaltleute und wie dumm zugleich sie mit dem orthodoxen Dickkopf umgesprungen sind. Aber der Erfolg hat das Werk gekrönt; Preußen hat dem Papst vor aller Welt den Pantoffel geküßt, und unsre Regierungsmaschinen gehn über die Straßen, ohne zu erröten. Die „Rheinische Zeitung“ nimmt jetzt wegen des Artikels Rekurs. Überhaupt beginnt der Kampf für sie. In der „Kölnischen Zeitung“ hat der Schreiber der Leadingartikel1, Hermes, Ex-Redakteur der ehemaligen politischen „Hannoverzeitung“, die Partei des Christentums gegen die philosophischen Zeitungen in Königsberg und Köln ergriffen. Wenn der Zensor nicht wieder einen Streich spielt, wird in dem nächsten Beiblatt eine Replik von mir erscheinen2. Die religiöse Partei ist am Rhein die gefährlichste. Die Opposition hat sich letzter Zeit zu sehr gewöhnt, innerhalb der Kirche zu opponieren.
Wissen Sie was Näheres von den sogenannten „Freien“? Der Artikel in der „Königsberger“ war mindestens nicht diplomatisch. Ein anderes ist, seine Emanzipation erklären, was Gewissenhaftigkeit ist, ein anderes, sich im voraus als Propaganda ausschreien, was nach Renommisterei klingt und den Philister aufbringt. Und dann, bedenken Sie diese „Freien“, ein Meyen etc. Doch allerdings, wenn eine Stadt, ist Berlin zu dergleichen Unternehmungen geeignet.
Der kölnische Hermes wird mich wohl in Polemik fortlaufend verwickeln, und so ignorant, seicht und trivial der Kerl ist, so ist er doch eben durch diese Qualitäten der Herold des Philistertums, und ich habe vor, ihn nicht fortschwätzen zu lassen. Die Mittelmäßigkeit darf nicht länger das Privilegium der Unangreifbarkeit geben. Hermes wird mir auch mit den „Freien“ auf den Hals rücken, von denen ich leider auch nicht das geringste Sichere weiß. Es ist ein Glück, daß Bauer3 in Berlin ist. Er wird wenigstens keine „Dummheiten“ begehn lassen, und das einzige, was in dieser Sache (wenn sie wahr ist und kein bloßer absichtlicher Zeitungsversuch) mich beunruhigt, ist die Wahrscheinlichkeit, daß die Berliner Fadheit irgendwie ihre gute Sache lächerlich macht und diverse „Dummheiten“ bei dem Ernst nicht entbehren kann. Wer so lang unter diesen Leuten war, wie ich, wird diese Besorgnis nicht unbegründet finden.
Was machen Ihre „Jahrbücher“?
Da Sie mitten im Fokus der philosophischen und theologischen Neuigkeiten sitzen, so wünschte ich nichts mehr, als von Ihnen einiges über die gegenwärtige Lage zu erfahren. Man sieht hier zwar den Stunden-, aber nicht den Minutenzeiger.
Der alte Marheineke scheint es für nötig gehalten zu haben, die gänzliche Impotenz des Althegeltums vor aller Welt zu dokumentieren. Sein Votum ist ein Schandvotum.
Werden die Sachsen auf diesem Landtag nicht die Zensur denunzieren? Schöne Konstitutionalitäten.
Mit der Hoffnung, bald von Ihnen zu hören
Ihr
Marx
Der Rutenberg beschwert mein Gewissen. Ich habe ihn an die Redaktion der „Rheinischen“ gebracht, und er ist gänzlich impotent. Über kurz oder lang wird man ihm den Weg weisen.
Im Fall der erzbischöfliche Aufsatz nicht das Imprimatur von der höheren Zensurpolizei erhält, was raten Sie? Gedruckt muß er werden, 1. unsres Landtags, 2. der Regierung, 3. des christlichen Staats wegen. Soll ich ihn vielleicht Hoffmann und Campe zuschicken? Für die „Anekdota“ scheint er mir nicht geeignet.