1848

24
Engels an Marx
in Brüssel

Lieber Marx,

Wenn ich Dir nicht geschrieben habe, so lag das daran, daß ich bis heute den verfluchten Louis Blanc noch immer nicht zu fassen kriegen konnte. Décidément il y met de la mauvaise volonté.1 Aber ich packe ihn doch – ich gehe alle Tage hin oder laure ihm im Café auf. Mit père2Flocon dagegen ist was zu machen. Er ist entzückt über die Manier, wie die „B[rüsseler-]Zeitung“ und der „N[orthern] Star“ die „Réforme“ gegen den „National“ verteidigt haben.3 Selbst die blâme4 gegen L.Bl[anc] und Ledru[-Rollin] haben ihn nicht irregemacht; ebensowenig meine Erklärung, wir hätten uns jetzt in London entschieden, öffentlich als Kommunisten aufzutreten. Er machte natürlich schöne Sachen geltend: vous tendez au despotisme, vous tuerez la révolution en France, nous avons onze millions de petits paysans qui sout en même temps les propriétaires les plus enragés5 pp., obwohl er auch auf die Bauern schimpfte, – aber enfin, dit-il, nos principes sont trop rapprochés les uns des autres pour que nous ne devions pas marcher ensemble; quant à nous nous vous appuyerons autant que sera dans notre pouvoir6 pp.

Die Geschichte mit Mosi hat mich ungeheuer amüsiert, obwohl es mir ärgerlich war, daß sie auskam. In Brüssel wußten es außer Dir nur Gigot und Lupus – und Born, dem ich’s mal in Paris in der Besoffenheit erzählt hatte. Enfin, c’est égal.7 Moses mit Pistolen drohend, in ganz Brüssel seine Hörner affichierend, und noch dazu bei Bornstedt!! muß kostbar gewesen sein. Die Erfindung des Ferdinand Wolff mit dem Protokoll m’a fait crever de rire8 – und der Moses glaubt das! Wenn übrigens der Esel auf seiner abgeschmackten Lüge von der Notzucht beharren sollte, so kann ich ihm mit früheren, gleichzeitigen und späteren Détails aufwarten, darüber ihm Hören und Sehen vergehen soll. Hat mir doch diese Bileams Eselin noch verflossenen Juli hier in Paris eine mit Resignation vermischte Liebeserklärung in optima forma9 gemacht und mir die allernächtlichsten Geheimnisse ihrer Menage anvertraut! Ihre Wut auf mich ist pure verschmähte Liebe. Übrigens dachte ich in Valenciennes an Moses nur in zweiter Instanz, in erster hab’ ich mich rächen wollen für die Gemeinheiten, die sie gegenüber der Mary10 begangen.

Der schwere Wein reduziert sich auf ¹/₃ Flasche Bordeaux. Es ist nur schade, daß der gehörnte Siegfried seinen unglücklichen Zustand nicht im Arbeiterverein öffentlich zu Protokoll gegeben hat. Es steht ihm übrigens frei, an allen meinen gegenwärtigen, vergangnen und zukünftigen Mätressen seine Revanche zu nehmen, und empfehle ich ihm hierzu 1. die flamändische Riesin, welche in meiner ehemaligen Wohnung 87 chaussée d’Ixelles au premier11 wohnt und Mademoiselle Joséphine heißt, und 2. eine Französin Mademoiselle Félicie, welche Sonntag, 23. d. Mts., mit dem ersten Zug, von Köln in Brüssel ankommt, um nach Paris zu reisen. Es wäre Pech, wenn er bei keiner von beiden reüssierte. Teile ihm diese Renseignements gefälligst mit, damit er meine Aufrichtigkeit erkennt. I will give him fair play.12

Heine ist am Kaputtgehen. Vor 14 Tagen war ich bei ihm, da lag er im Bett und hatte einen Nervenanfall gehabt. Gestern war er auf, aber höchst elend. Er kann keine drei Schritt mehr gehen, er schleicht, an den Mauern sich stützend, vom Fauteuil bis ans Bett und vice versa. Dazu Lärm in seinem Hause, der ihn verrückt macht, Schreinern, Hämmern usw. Geistig ist er auch etwas ermattet. Heinzen wollte zu ihm, wurde aber nicht vorgelassen.

Bei Herwegh war ich auch gestern. Hat nebst Familie die Grippe und viel Besuch von alten Weibern. Er sagte mir, daß der 2.Band von L.Blanc ganz verdunkelt werde durch den enormen Sukzeß von Michelets 2.Band. Ich habe beide noch nicht gelesen, weil ich wegen Geldmangel mich nicht im Lesekabinett abonnieren konnte: Übrigens ist der Micheletsche Sukzeß nur durch seine Suspension und seine Bürgerlichkeit zu erklären.

Mit dem B[und] geht’s hier miserabel. Solche Schlafmützigkeit und kleinliche Eifersucht der Kerls untereinander ist mir nie vorgekommen. Die Weitlingerei und Proudhonisterei sind wirklich der kompletteste Ausdruck der Lebensverhältnisse dieser Esel, und daher ist nichts zu machen. Die einen sind echte Straubinger, alternde Knoten, die andern angehende Kleinbürger. Eine Klasse, die davon lebt, daß sie wie Irländer den Franzosen den Lohn drückt, ist total unbrauchbar. Ich mache jetzt noch einen letzten Versuch, si cela ne réussit pas, je me retire de cette espèce de propagande13. Hoffentlich kommen die Londoner Papiere14 bald und werden die Geschichte wieder etwas beleben; ich werde dann den Moment benutzen. Da die Kerle bis jetzt gar kein Resultat des Kongresses sehen, werden sie natürlich vollends schlapp. Ich bin mit einigen neuen Arbeitern, die mir Stumpf und Neubeck zugeführt, in Verbindung, es ist aber nicht zu sagen, was daraus zu machen ist.

Sag dem Bornstedt: 1. Er soll mit seinen Abonnements bei den hiesigen Arbeitern nicht mit so geschäftsmäßiger Strenge auftreten, sonst verliert er sie alle; 2. der Agent, den ihm der Moses verschafft, ist ein lamentierender Schlappschwanz und sehr eitel, aber der einzige, der sich noch damit befassen will und kann, er soll ihn also nicht froissieren; der Kerl hat sich auch geplagt, aber er kann kein Geld zusetzen, was er übrigens schon getan hat. Er muß aus dem Geld, was ihm einkommt, doch die Kosten decken, die ihm die Korrespondenz pp. [macht]15; 3. wenn er einzelne No.16 herschickt, nie mehr als 10–15 [von]15 einer No. höchstens, und zwar durch Gelegenheit. Die Pakete [passieren]15 das Ministerium Duchâtel, wo sie mit Zeitverlust geholt [werden]15 müssen und wo das Ministerium einen furchtbaren Portoabschlag erhebt, um diesen Commerce zu ruinieren. So ein Paket kostet 6–8 Franken, und was ist da zu machen, wenn es gefordert wird? Esselen in Lüttich wollte einen garde de convoi17 stellen, der das besorgte; schreib doch nach Lüttich, daß das eingerichtet wird. 4. Die No., die noch hier waren, sind durch Gelegenheit nach Süddeutschland geschickt. Wenn sich Gelegenheit bietet, so soll B[ornstedt] noch einige neue No. herschicken, um Propaganda in Cafés pp. zu machen. 5. Wird B[ornstedt] dieser Tage einen Artikel18 und die Geschichte über die preußischen Finanzen erhalten. Du mußt aber das wegen der Ausschüsse von 1843 nochmals durchsehen und das Nötige ändern, da es aus sehr wüster Erinnerung aufgeschrieben ist.

Wenn die Geschichte mit Mosi dahin führt, daß Du ihn in der „Br[üsseler-]Z[eitung]“ attackierst, so soll sie mich sehr freuen. Wie der Kerl noch in Brüssel bleibt, ist mir unbegreiflich. En voilà encore une occasion pour l’exiler à Verviers.19 Das mit der „Réforme“ soll besorgt werden.20

Dein
E.

Paris, 14.Jan. 48