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Engels an Marx
in Brüssel

Lieber Marx,

Endlich bin ich des L.Blancs habhaft geworden und zugleich des Grundes, weshalb ich ihn nie fassen konnte. Écoute plutôt – ce petit grand-seigneur littéraire ne reçoit que les jeudis! et encore l’après-midi seulement!1 Was er mir nie zu wissen getan hatte, weder direkt noch durch seinen Portier. Natürlich waren eine Masse Esel bei ihm, u.a. Ramon de La Sagra, der mir eine Broschüre gab, welche beifolgt. Ich hab’ sie noch nicht gelesen. Schließlich konnt’ ich indes noch ein paar Minuten mit ihm über unsre Angelegenheit sprechen. Er gestand zögernd, er habe noch nicht die Zeit gehabt, Dein Buch2 zu lesen… je l’ai feuilleté et j’ai vu que M.Proudhon y est assez vivement attaqué… Eh bien, frug ich, alors serez vous en mesure de faire l’article pour la „Réforme“ que vous m’aviez promis? – Un article, ah mon Dieu, non, je suis si obsédé par mes éditeurs – mais voilà ce qu’il faut faire: faites l’article vous-même et je le ferai passer à la „Réforme“.3 Das wurde denn abgemacht. Au fond4 verlierst Du nichts dabei. Wenigstens werd’ ich unsre Ansichten richtiger darstellen, als er es getan haben würde. Ich werde sie direkt mit den seinigen in Parallele stellen – das ist alles, was durchzubringen ist, die Konklusion gegen die „Réforme“ kann man natürlich nicht in der „Réforme“ selbst ziehen. Ich mach’ ihn gleich.

Warum hast Du dem Bornst[edt] nicht gesagt, er soll nicht an die „Réforme“ wegen Deiner Geschichte schreiben? Mein Artikel war fertig, als dem B[orn]st[e]dt seiner in der „Réforme“ zugleich mit den Chartistengeschichten erschien, auf deren Abdruck ich gewartet hatte, um ihn hinzubringen. Er war bedeutend länger als die kurze Notiz, wo noch dazu Dein Name entstellt. Ich hab’s dem Fl[ocon] gesagt, er soll den Druckfehler ändern, gestern hat er’s nicht getan, und heute hab’ ich die „Réforme“ nicht gesehen. Das macht auch wenig. Wenn Deine Rede5 erscheint, schick mir gleich 4–5 Exemplare für die „Réforme“, L.Bl[anc], de La Sagra (für die „Démocratie pacifique“), pp.; ich kann jetzt einen längren Artikel daraus machen, da die Notiz so schimpflich kurz.

Was den L.Bl[anc] angeht, so verdient der, gezüchtigt zu werden. Schreib eine Kritik seiner „Revolution“ für die „D[eutsche-] B[rüsseler-]Zeitung“ und weis ihm praktisch nach, wie sehr wir über ihm stehen; freundschaftlich in der Form, aber unsre Superiorität entschieden festhaltend im Inhalt. On lui fera parvenir cela.6 Man muß dem kleinen Sultan etwas bange machen. Die theoretische Seite ist leider Gottes einstweilen unsre einzige force7, aber das gilt bei diesen Lanzenbrechern von der science sociale8, von der loi de la production suffisante9 usw. viel. Gottvoll mit ihrem Jagen nach dieser unbekannten loi sind die Kerls. Sie wollen ein Gesetz finden, womit sie die Produktion verzehnfachen. Sie suchen, wie der Fuhrmann der Fabel, den Herkules, der ihnen den sozialen Karren aus dem Dreck holen soll. Der Herkules liegt in ihren eignen Armen. Die loi de la production suffisante besteht darin, daß man suffisamment10 produziert. Können sie das nicht, hilft ihnen kein Zauberspruch. Die brevet11 neh[men]den12 Erfinder tun mehr für die production suffsante als der ganze L.Blanc mit seinem tiefsinnigen, überfliegenden Trachten nach la science13.

Dem B[ernay]s hatte ich auf sein Letztes einen sehr ironischen Brief geschrieben und bedauert, daß seine Unparteilichkeit mir den letzten Trost raube – den, eine verkannte schöne Seele zu sein – à la Praslin. Mit schmerzlichem Blick nach oben schickt er mir dies Billett zurück und bemerkt, hiermit habe unsre Korrespondenz ihr Ende erreicht. Sela.14

Sonst nichts Neues. Schreib bald.

Dein
E.

Paris, Freitag abend [21.Januar 1848]