Lieber Marx,
Ich hätte Dir schon eher geschrieben, wenn nicht B[ernay]s mich bis jetzt hätte sitzenlassen. Der verfluchte Börnstein, bei dem ich mich nämlich unter anderm auch wegen Deines Herkommens erkundigte, war nie zu treffen, und so übertrug ich die Sache dem B[ernay]s, der mir schon Montag einen Brief für Dich in die Stadt bringen wollte. Statt dessen erhalt’ ich gestern abend spät den inliegenden Wisch, den der faule Kerl vorgestern abend in Sarcelles gesudelt, und die darin enthaltenen Aufklärungen sind wahrhaftig nicht derart, daß sie ein 5–6tägiges Studium erfordert hätten. Aber so ist der Kerl. Ich werde übrigens den Börnstein selbst sprechen, denn mir genügt diese Aufklärung keineswegs, und, aufrichtig gesagt, ich glaube keinem Menschen weniger aufs Wort als dem B[ernay]s. Der Mensch brüllt mir seit nunmehr 6 Monaten die Ohren voll, Du könntest jeden Tag mit Sack und Pack kommen, und wenn’s zum Klappen kommt, macht er eine lange Historie von einem Paß. Als ob Du einen Paß brauchtest! An der Grenze fragt kein Mensch danach, auch Moses ist, ohne gefragt zu werden, hergekommen, ebensogut wie ich, und wenn Du bei mir wohnst, so möcht’ ich doch wissen, wer danach fragen sollte. Höchstens ein belgischer Passeport pour l’intérieur1 zur etwaigen Legitimierung, oder das bekannte Sendschreiben Herrn Leopolds: Cabinet du Roi2 – das ist für alle Fälle hinreichend. Heine ist ganz derselben Meinung, und sowie ich den Börnstein attrappieren kann, werd’ ich ihn deshalb befragen. – Der B[ernay]s hatte auch die Geschichte mit dem Tolstoi3 ausspekuliert oder sich vielmehr von B[örn]st[ein] aufbinden lassen, denn der B[örn]st[ein] bindet ihm auf, was er will. Alle die verschiedentlichen Nachrichten, die der B[ernay]s uns früher schrieb, sind aus derselben Quelle, und nachdem ich unterschiedliche Male Zeuge davon gewesen, mit welcher Unfehlbarkeit B[örn]stein seine Suppositionen, Klatschgeschichten und eignen Erfindungen dem B[ernay]s vororakelt und B[ernay]s sie für die barste Münze nimmt, glaub’ ich von all den wichtigen Nachrichten, die er vorzeit[ig]4 „aus bester Quelle“ schrieb, kein einziges Wort.
[Ich]4 hab’ es selbst mit angesehn, wie der B[örn]stein bloß durch affektierte Allwissenheit dem B[ernay]s glauben machte (und Du weißt, mit welcher Begeisterung B[ernay]s glaubt, wenn er einmal glaubt), der „National“ sei Haut und Haar, Leib und Seele an Thiers verkauft, argent ± comptant5. Der Kleine hätte sich drauf totschießen lassen. Er ist hierin unverbesserlich wie in seiner himmelhochjauchzend, zum Tode betrübten Stimmung. Pendant le cours de la dernière quinzaine il a été seize fois au bord du désespoir.6
Cela entre nous.7 Wegen Deines Herkommens also werd’ ich den B[örn]st[ein] nochmals fragen; Heine, wie gesagt, behauptet, Du könntest dreist kommen. Oder willst Du zum französischen Gesandten gehen und Dir auf Grund Deines preußischen Auswanderungsscheins einen Paß fordern?
Es war mir sehr lieb, daß Du mir Mosen ankündigtest. Der Edle kam zu mir, traf mich nicht, ich schrieb ihm, er solle mir ein Rendezvous geben. Gestern fand solches statt. Der Mann hat sich sehr verändert. Jugendliche Locken umwallen sein Haupt, ein zierliches Bärtchen gibt dem scharfen Kinn einige Grazie, eine jungfräuliche Röte überflog seine Wangen, aber la grandeur déchue se peignait dans ses beaux yeux8, und eine befremdliche Bescheidenheit war über ihn gekommen. Ich habe mir hier in Paris einen sehr unverschämten Ton angewöhnt, denn Klimpern gehört zum Handwerk, und man richtet mit selbigem manches bei Frauenzimmern aus. Aber dies genotzüchtigte Exterieur des ehemals so welterschütternden Überfliegers Heß hätte mich fast entwaffnet. Die Heldentaten der wahren Sozialisten, seiner Jünger aber (wovon unten) und sein eigner unveränderter Kern gaben mir aber wieder Mut. Genug, er ist von mir so kalt und spöttisch behandelt worden, daß er keine Lust haben wird wiederzukommen. Das einzige, was ich für ihn tat, war einiger guter Rat für den Tripper, den er aus Deutschland mitgebracht hat. Auch bei einigen deutschen Malern, die er teilweise von früher kannte, hat er komplett Fiasco gemacht. Nur Gustav Adolf Köttgen ist ihm treu geblieben.
Der Bremer9 ist jedenfalls dem Schweizer10 vorzuziehen. Ich kann dem Schweizer nicht schreiben, 1. weil ich seine Adresse vergessen habe, 2. weil ich dem Kerl kein niedrigeres Honorar pro Bogen vor[schlagen]11 will, als Du dem Bremer vorschlägst. [Schreib]11 also Deine Vorschläge für den Bremer und zugleich die Adresse des Kerls. Er hat dem B[ernay]s seine schlechte Rothsch[ild]-Broschüre gut bezahlt, aber den Pütt[mann] geprellt, für ihn gedruckt, aber unter dem Vorwand, seine Fonds engagiert zu haben, die Zahlung des Honorars ins Unendliche hinausgeschoben.
Sehr schön, daß Du französisch gegen Proudhon schreibst. Die Broschüre12 ist hoffentlich schon fertig geschrieben bei Ankunft dieses. Daß Du meinetwegen aus unsrer Publikation13 antizipieren kannst, was Du willst, versteht sich von selbst. Daß Pr[oudhon]s Assoziation auf Brays Plan herausläuft, glaub’ ich ebenfalls. Ich hatte den guten Bray ganz vergessen.
Du hast vielleicht in der „Trier’schen Zeitung“ von der neuen Leipziger sozialistischen Zeitschrift gelesen, betitelt „Veilchen“, Blätter für die harmlose moderne Kritik!!, worin Herr Semmig als Sarastro brüllt: In diesen heil’gen Hallen kennt man die Rache nicht, in diesen heil’gen Mauern darf kein Verräter lauern, dann wandelt er an Freu-eu-eu-eu-eundeshand, vergnügt und froh ins beßre Land – aber er hat leider keinen Baß dazu, wie weiland Reichel. Sarastro-Semmig opfert hier den 3 Gottheiten: 1. Heß – 2. Stirner – 3. Ruge – alles in einem Atem. Erstere beide haben die Tiefen der Wissenschaft [ergrün]14det. Dies Blättchen oder Veilchen ist das Tollste, was ich je gelesen habe. Eine solche stille und zugleich unverschämte Verrücktheit ist nur in Sachsen möglich. Könnten wir doch das Kapitel über den „wahren Sozialismus“ noch einmal machen, jetzt, wo sie sich nach allen Seiten entwickelt haben, wo sich die westfälische Schule, die sächsische Schule, die Berliner Schule pp. nebst den einsamen Sternen Püttmann usw. besonders konstituiert haben. Man könnte sie nach den Sternbildern des Himmels einteilen. Püttmann der große und Semmig der kleine Bär, oder Püttmann der Stier, und die Plejaden seine 8 Kinder. Hörner verdient er, wenn er sie nicht hat, ohnehin. Grün der Wassermann usw. Apropos Grün – ich werde den Artikel über Grüns Goethe umarbeiten, auf ¹/₂–³/₄ Bogen reduzieren und ihn für unsre Publikation zurechtmachen, wenn’s Dir recht ist, worüber Du mir bald schreiben sollst. Das Buch ist zu charakteristisch, Gr[ün] preist alle Philistereien Goethes als menschlich, er macht den Frankfurter und Beamten Goethe zum „wahren Menschen“, während er alles Kolossale und Geniale übergeht oder gar bespuckt. Dergestalt, daß dies Buch den glänzendsten Beweis liefert, daß der Mensch = der deutsche Kleinbürger. Dies hatte ich nur angedeutet, könnte es aber ausführen und den Rest des Artikels ziemlich streichen, da er für unser Ding nicht paßt. Was meinst Du?
Dein
Engels
[Paris] Freitag, 15.Jan. 4715
[Auf der Adreßseite]
Monsieur Charles Marx, 42, rue d’Orléans, Faubg. de Namur, Bruxelles