Komiteebrief No. 2
Komitee No.2
Liebe Freunde,
Eure Nachrichten über Belgien, London und Breslau waren mir sehr interessant. Ich habe an Ew[erbeck] und B[ernay]s davon mitgeteilt, was sie interessierte. Haltet mich zugleich etwas au fait1 über den Sukzeß unsres Unternehmens und die plus ou moins2 eifrige Teilnahme der verschiedenen Lokalitäten, damit ich mich hier den Arbeitern gegenüber, soweit es politisch, auslassen kann. Was machen die Kölner? – Von hier aus ist allerlei:
1. Mit den hiesigen Arbeitern bin ich mehrere Male zusammen gewesen, d.h. mit den Hauptleuten der Schreiner aus dem Faubourg St.Antoine. Die Leute sind eigentümlich organisiert. Außer ihrer – durch eine große Dissension mit den Weitlingschen Schneidern– sehr in Konfusion geratenen Vereinsgeschichte kommen diese Kerls, d.h. ca. 12–20 von ihnen, jede Woche einmal zusammen, wo sie bisher diskutierten; da ihnen aber der Stoff ausging, wie das gar nicht anders möglich, so war E[werbeck] genötigt, ihnen Vorträge über deutsche Geschichte – ab ovo – und eine höchst verworrene Nationalökonomie – vermenschentümlichte „Deutsch-Französische Jahrbücher“ – zu halten. Dazwischen kam ich. Zweimal hab’ ich, um mich mit ihnen in Konnex zu setzen, die deutschen Verhältnisse seit der französischen Revolution, von den ökonomischen Verhältnissen ausgehend, auseinandergesetzt. Was sie nun in diesen Wochenversammlungen loskriegen, wird Sonntags in den Barriereversammlungen, wo Krethi und Plethi hinkommt, Weib und Kind, durchgepaukt. Hier wird – abstraction faite de toute espèce de politique3 – so etwas „soziale Fragen“ diskutiert. Das Ding ist gut, um neue Leute hinzuzuziehen, denn es ist ganz öffentlich, vor 14 Tagen war die Polizei da, wollte Veto einlegen, ließ sich aber beruhigen und hat nichts weiter getan. Oft sind über 200 Leute zusammen.
Wie diese Geschichte jetzt ist, kann sie unmöglich bleiben. Es ist eine gewisse Schläfrigkeit unter den Kerls eingerissen, die aus ihrer Langeweile über sich selbst hervorgeht. Was sie nämlich dem Schneiderkommunismus entgegensetzen, ist weiter nichts als Grünsche menschentümliche Phrasen und vergrünter Proudhon, den ihnen teils Herr Grün höchstselbst, teils ein alter aufgeblasener Schreinermeister und Knecht Grüns, Papa Eisermann, teils aber auch Amicus4 E[werbeck] mit Mühe und Not eingebleut hat. Das ist ihnen natürlich bald alle geworden, eine ewige Repetition trat ein, und um sie vor dem Einschlafen (buchstäblich, dies riß furchtbar in den Sitzungen ein) zu bewahren, quält sie E[werbeck] mit spitzfindigen Disquisitionen über den „wahren Wert“ (den ich teilweise auf dem Gewissen habe) und ennuyiert sie mit den germanischen Urwäl dern, Hermann dem Cherusker und den scheußlichsten altdeutschen Etymologien nach – Adelung, die alle falsch sind.
Übrigens ist nicht E[werbeck] der eigentliche Chef dieser Leute, sondern J[unge], der in Brüssel war; der Kerl sieht sehr gut ein, was geändert werden muß, und könnte sehr viel tun, denn er hat sie all in der Tasche und zehnmal mehr Verstand wie die ganze Clique, aber er ist zu wackelhaft und macht immer neue Projekte. Daß ich ihn seit beinah 3 Wochen nicht gesehen – er kam nie und ist nirgend zu finden –, ist die Ursache, daß noch so wenig ausgerichtet ist. Ohne ihn sind die meisten schlapp und schwankend. Man muß aber mit den Kerls Geduld haben; zuerst muß der Grün ausgetrieben werden, der wirklich direkt und indirekt einen schauderhaft erschlaffenden Einfluß ausgeübt hat, und dann, wenn man ihnen diese Phrasen aus dem Kopf gebracht, hoff’ ich, mit den Kerls zu etwas zu kommen, denn sie haben alle einen großen Drang nach ökonomischer Belehrung. Da ich E[werbeck], der bei bekannter, jetzt im höchsten Grade blühender Konfusion den besten Willen von der Welt hat, ganz in der Tasche habe, und J[unge] auch vollständig auf meiner Seite ist, so wird sich das bald machen. Wegen der Korrespondenz habe ich mit sechsen beraten, der Plan fand, besonders bei J[unge], sehr großen Anklang und wird von hier aus ausgeführt werden. Solange aber nicht durch Zerstörung des persönlichen Einflusses des Gr[ün] und Ausrottung seiner Phrasen wieder Energie unter die Leute gebracht ist, solange ist bei großen materiellen Hindernissen (besonders Engagement fast aller Abende) nichts zu machen. Ich hab’ ihnen offeriert, dem Grün in ihrer Gegenwart seine persönlichen Schuftereien ins Gesicht zu sagen, und B[ernay]s will auch kommen – E[werbeck] hat auch ein Hühnchen mit ihm zu pflücken. Dies wird geschehen, sobald sie ihre eignen Sachen mit G[rün] abgemacht, d.h. Garantie für das zum Druck der G[rün]schen Landtagsscheiße vorgeschossene Geld bekommen haben. Da der J[unge] aber nicht kam und die übrigen sich ±5 wie Kinder benahmen gegenüber dem G[rün], so ist auch das noch nicht in Ordnung, obwohl bei einiger Energie das Ding in 5 Minuten abgemacht wäre. Das Pech ist, die meisten dieser Kerls sind Schwaben.
2. Jetzt etwas Ergötzliches. Proudhon hat in dem neuen, noch ungedruckten Buch, was Grün verdolmetscht, einen großen Plan, Geld aus nichts zu machen und allen Arbeitern das Himmelreich nahezurücken. Niemand wußte, was das war. G[rün] hielt sehr hinter dem Berge, renommierte aber sehr mit seinem Stein der Weisen. Allgemeine Spannung. Endlich vorige Woche war Papa Eisermann bei den Schreinern, ich auch, und allmählich rückt der alte Zierbengel höchst naiv-geheimnisvoll heraus. Herr G[rün] hat ihm den ganzen Plan vertraut. Jetzt hört die Größe dieses Welterlösungsplans: ni plus ni moins6 als die in England längst dagewesenen und zehnmal bankrottierten labour-bazars oder labour-markets, Assoziationen aller Handwerker aller Zweige, großes Depot, alle von den Associés eingelieferten Arbeiten genau nach den Kosten des Rohprodukts plus der Arbeit taxiert und in andern Assoziationsprodukten bezahlt, die ebenso taxiert werden. Was mehr geliefert, als in der Assoziation verbraucht wird, soll auf dem Weltmarkt verkauft werden, der Ertrag den Produzenten ausbezahlt. Auf diese Weise, spekuliert der pfiffige Proudhon, umgeht er und seine Mitassociés den Profit des Zwischenhändlers. Daß er dabei auch den Profit auf sein Assoziationskapital umgeht, daß dies Kapital und dieser Profit genau so groß sein müssen wie das Kapital und der Profit der umgangnen Zwischenhändler, daß er also mit der Rechten wegwirft, was die Linke bekommt, daran hat der feine Kopf nicht gedacht. Daß seine Arbeiter nie das nötige Kapital aufbringen können, weil sie sich sonst ebensogut separat etablieren könnten, daß die etwaige aus der Assoziation hervorgehende Kostenersparnis durch das enorme Risiko mehr als aufgewogen wird, daß die ganze Geschichte darauf hinausläuft, den Profit aus der jetzigen Welt herauszueskamotieren und alle Produzenten des Profits stehenzulassen, daß sie eine wahre Straubingeridylle ist, die von vornherein alle große Industrie, Bauhandwerke, Ackerbau usw. ausschließt, daß sie nur die Verluste der Bourgeois zu tragen haben, ohne ihre Gewinne zu teilen, alles das und hundert andre auf platter Hand liegende Einwände vergißt er über dem Glück seiner plausiblen Illusion. Die Geschichte ist zum Totschießen. Familienvater Grün glaubt natürlich an die neue Erlösung und sieht sich schon im Geist an der Spitze einer Assoziation von 20 000 Ouvriers7 (man will gleich groß anfangen), wobei natürlich seine ganze Familie kostenfrei gespeist, gekleidet und logiert wird. Der Proudh[on] aber blamiert sich und alle französischen Sozialisten und Kommunisten auf ewig, wenn er damit herausrückt, vor den Bourgeoisökonomen. Daher jene Tränen, jenes Polemisieren gegen die Revolution, weil er ein friedliches Heilmittel in petto hatte. Der Pr[oudhon] ist grade wie der John Watts. Dieser setzt seinen Beruf drin, trotz seines disrespektablen Atheismus und Sozialismus bei den Bourgeois respektabel zu werden; Pr[oudhon] bietet alles auf, um trotz seiner Polemik gegen die Ökonomen ein großer, anerkannter Ökonom zu werden. So sind die Sektierer. Dabei noch so eine alte Geschichte!
3. Jetzt wieder eine höchst kuriose Geschichte. – Augsburger „Allgemeine Zeitung“ vom 21.Juli, Paris 16.Juli. Artikel über die russische Gesandtschaft…
„Das ist die offizielle Gesandtschaft – aber ganz außerhalb oder vielmehr über derselben steht ein gewisser Herr von Tolstoi, der keinen Titel hat, übrigens als ‚Vertrauter des Hofs‘ bezeichnet wird. Früher im Unterrichtsministerium beschäftigt, kam er mit einer literarischen Mission nach Paris, schrieb hier einige Memoires für sein Ministerium, lieferte einige Übersichten der französischen Tagespresse, dann schrieb er nichts mehr, tat aber desto mehr. Er macht ein glänzendes Haus, geht zu aller Welt, empfängt alle Welt, beschäftigt sich mit allem, weiß alles und arrangiert vieles. Er scheint mir der eigentliche russische Botschafter in Paris, … seine Verwendung bewirkt Wunder“ (– alle Polen, die begnadigt sein wollen, adressierten sich an ihn –) „– auf der Gesandtschaft beugt sich alles vor ihm und in Petersburg erfreut er sich großer Rücksichten.“
Dieser Tolstoi ist niemand anders als unser Tolstoi, der Edle, der uns vorlog, in Rußland seine Güter verkaufen zu wollen. Der Mann hatte außer seiner einen Wohnung, wo er uns hinführte, noch ein glänzendes Hôtel in der rue Mathurin, wo er die Diplomatie empfing. Die Polen und viele Franzosen haben das längst gewußt, nur die deutschen Radikalen nicht, bei denen er es für besser hielt, sich als Radikalen zu insinuieren. Der obige Artikel ist von einem Polen geschrieben, den Bernays kennt, und sogleich in den „Corsaire-Satan“ und den „National“ übergegangen. Tolstoi hat, als er den Artikel las, weiter nichts bemerkt, als sehr gelacht und Witze darüber gerissen, daß er endlich ausgefunden sei. Er ist jetzt in London und wird, da seine Rolle hier ausgespielt ist, dort sein Glück versuchen. Es ist schade, daß er nicht wiederkommt, ich würde sonst einige Witze mit ihm versucht haben und schließlich in der rue Mathurin meine Karte abgegeben. Daß nach diesem der von ihm empfohlene Annenkow ebenfalls ein russischer Mouchard ist, c’est clair8. Selbst Bakunin, der die ganze Geschichte wissen mußte, da die andern Russen sie gewußt haben, ist sehr verdächtig. Ich werde mir gegen ihn natürlich nichts merken lassen, sondern Revanche an den Russen nehmen. So ungefährlich diese Spione für uns sind, so darf man ihnen das doch nicht passieren lassen. Sie sind gute Sujets, um an ihnen Intrigenexperimente in corpore vili9 zu machen. Dazu sind sie sonst so übel gar nicht.
4.Vater Heß. Nachdem ich dessen auf selbigen fluchende und schimpfende Gattin hier glücklich der Vergessenheit, d.i. dem äußersten Ende des Faubourg St.Antoine, wo da ist Heulen und Zähneklappen (Grün und Gsell), überliefert habe, erhalte ich vor einiger Zeit vermittelst eines gewissen Reinhardt ein ferneres Wiederanknüpfungsschreiben des Kommunistenpapas. Das Ding ist zum Totlachen. Natürlich als ob nichts vorgefallen wäre, ganz in dulci jubilo10, und dazu ganz der alte Heß. Nachdem er konstatiert hat, daß er mit „der Partei“ wieder einigermaßen ausgesöhnt (das Judde-Gränzchen scheint falliert zu haben) – „auch wieder Lust am Arbeiten hat“ (welches Ereignis mit Glocken eingeläutet werden sollte), folgende historische Notiz (de dato 19.August):
„Hier in Köln wär’s vor einigen Wochen auf ein Haar zu einer blutigen Emeute gekommen, es waren schon sehr viele bewaffnet“ (wozu Moses gewiß nicht gehörte). „Das Ding kam nicht zum Ausbruch, weil die Soldaten sich nicht zeigten“ (enormer Triumph des Kölner Schöppchesphiliters) pp. pp. …
Dann von den Bürgerversammlungen, wo „wir“, id est „die Partei“ und Herr Moses, qua Kommunisten „so vollständig siegten, daß wir“ usw.
„Wir haben zuerst die Geldaristokraten … und dann die kleinen Bourgeois mit Glanz“ (da sie keine Talente unter sich haben) „aus dem Felde geschlagen. Wir hätten (!) in den Versammlungen zuletzt alles durchsetzen können“ (z.B. den Moses zum Oberbürgermeister machen); „ein Programm, worauf die Versammlung ihre Kandidaten verpflichtete, ging durch, welches“ (hört, hört) „von den englischen und französischen Kommunisten nicht radikaler hätte abgefaßt“ (und von niemandem unsinniger als von Mose aufgefaßt) „werden können (!!!) … Sehe“ (sic) „Dich zuweilen nach meiner [Frau]11 um“ (es wird beiderseits gewünscht, daß ich die weibliche Seite für meine Rechnung und Gefahr übernehmen möchte, j’en ai les preuves12) … „und teile dem Ew[erbeck] zur Herzensstärkung dieses mit.“
Geseegn’ Euch Gott diese „Herzensstärkung“, dies Manna aus der Wüste. Ich ignoriere das Vieh natürlich komplett – jetzt hat er auch an E[werbeck] geschrieben (und zwar bloß, um seiner weiblichen Seite einen Brief auf dessen Kosten zukommen zu lassen) und droht, in zwei Monaten herzukommen. Wenn er mich besucht, denk’ ich ihm auch etwas „zur Herzensstärkung“ mitteilen zu können.
Da ich einmal im Zuge bin, so will ich Euch schließlich noch mitteilen, daß Heine wieder hier ist und ich vorgestern mit E[werbeck] bei ihm war. Der arme Teufel ist scheußlich auf dem Hund. Er ist mager geworden wie ein Gerippe. Die Gehirnerweichung dehnt sich aus, die Lähmung des Gesichts desgleichen. E[werbeck] sagt, er könne sehr leicht einmal an einer Lungenlähmung oder an irgendeinem plötzlichen Kopfzufall sterben, aber auch noch drei bis vier Jahre abwechselnd besser oder schlechter sich durchschleppen. Er ist natürlich etwas deprimiert, wehmütig, und was am bezeichnendsten ist, äußerst wohlwollend (und zwar ernsthaft) in seinen Urteilen – nur über Mäurer reißt er fortwährend Witze. Sonst bei voller geistiger Energie, aber sein Aussehen, durch einen ergrauenden Bart noch kurioser gemacht (er kann sich um den Mund nicht mehr rasieren lassen), reicht hin, um jeden, der ihn sieht, höchst trauerklötig zu stimmen. Es macht einen höchst fatalen Eindruck, so einen famosen Kerl so Stück für Stück absterben zu sehen.
Auch den großen Mäurer hab’ ich gesehen. „Männlein, Männlein, was wiegen Sie so leicht!“ Der Mann ist wirklich sehenswert, ich hab’ ihm die größten Grobheiten gemacht, zum Dank nimmt mich der Esel in seine besondre Affektion und sagt mir nach, ich hätte ein sanftes Gesicht. Er sieht freilich aus wie Karl Moor sechs Wochen nach seinem Tode. Antwortet bald!
Euer
E.
[Paris] Mittwoch, 16.Sept. 46
Amüsiert Euch an folgendem: „Journal des Économistes“, August d.J. enthält in einem Artikel über die Biedermännischen Artikel [über]13 den Kommunismus folgendes: erst Heß’ ganzer Unsinn komisch französisiert, dann heißt es, der nächste ist M.Marx.
„M.Marx est un cordonnier, comme un autre Communiste allemand, Weitling, est un tailleur. Le premier“ (M[ar]x) „n’a pas une grande estimer pour le communisme français (!) qu’il a été assez heureux d’étudier sur les lieux. M. ne sort du reste point non plus“ (erkennst Du an dieser Elsässer Phrase nicht Herrn Fix?) „des formules abstraites et il se garde bien d’aborder aucune question véritablement pratique. Selon lui“ (gib acht auf den Unsinn) „l’émancipation du peuple allemand sera le signal de l’émancipation du genre humain; la tête de cette émancipation serait la philosophie et on cœur le prolétariat. Lorsque tout sera préparé, le coq gaulois sonnera la résurrection germanique …
Marx dit qu’il faut créer en Allemagne un prolétariat universel (!!) afin de réaliser la pensée philosophique du communisme.“ Signé T.F. (mort depuis).14
Das war sein letztes Werk. Der vorherige Band brachte eine gleich komische Kritik meines Buchs. Das Septemberheft enthält eine Kritik über Julium15, die ich noch nicht gelesen.
In der „Fraternité“ ist großer Streit zwischen Materialisten und Spiritualisten gewesen. Die Materialisten, mit 23/22 überstimmt, sind ausgetreten. Das hindert aber die „Fraternité“ nicht, einen sehr hübschen Artikel über die verschiednen Zivilisationsstufen und ihre Fähigkeit, sich zum Kommunismus fortzuentwickeln, zu bringen:
Schreibt mir bald, da ich in 14 Tagen von hier aus […]16 so einer Geschichte ein Brief leicht liegen […]16 oder refüsiert wird im alten Lokal.
[Auf der Adreßseite]
Monsieur Charles Marx au Bois Sauvage, Plaine Ste Gudule, Bruxelles