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Engels an Marx
in Brüssel

Lieber Marx,

Eine Masse Sachen, die ich Dir privatim schreiben wollte, sind mir in den Geschäftsbrief hereingeraten, weil ich den zuerst schrieb. Diesmal macht es nichts, daß die andern den Dreck mitlesen.

Die Auszüge aus F[euerbach] zu machen, habe ich mich aus einem gewissen Grauen bisher nicht entschließen können. Hier in Paris kommt einem das Zeug vollends laff vor. Ich hab’ das Buch aber jetzt im Hause und setze mich ehestens dran. Der süße Kohl Weyd[emeyer]s ist rührend. Der Kerl erklärt erst, ein Manifest abfassen zu wollen, worin er uns für Lumpen erklärt, und wünscht dann, das möge keine persönlichen Differenzen absetzen. So was ist selbst in Deutschland nur an der hannöversch-preußischen Grenze möglich. Daß Dein Geldpech noch immer anhält, ist schändlich. Ich weiß für unsre Manuskripte1 keinen Verleger außer Leske, den man während der Unterhandlung über die Kritik seines Verlags in Unwissenheit halten müßte. Löwenth[al] nimmt’s gewiß nicht, er hat dem B[ernay]s eine sehr gute Spekulation (das Leben des hiesigen Alten, in zwei Bänden, den I. gleich zu drucken und mit dem Tode des Alten sofort zu expedieren, den II. dann gleich folgen zu lassen) unter allerlei lausigen Vorwänden abgeschlagen. Er ist auch feig, er sagt, er könne aus Frankfurt geschaßt werden. B[ernay]s hat Aussicht, bei Brockhaus unterzukommen, der natürlich glaubt, das Buch werde bourgeoismäßig abgefaßt. – Haben die Westfalen die Manuskripte an D[aniel]s geschickt? – Hast Du von dem Kölner Projekte etwas Näheres gehört? wovon Heß schrieb, Du weißt. – Gottvoll ist aber vor allem der Lüningsche Kohl. Man sieht den Kerl leibhaftig vor sich, wie er einen biedermännischen Schiß in die Hosen riskiert. Wenn wir ihre ganze Lumperei kritisieren, so erklärt der Edle das für eine „Selbstkritik“. Es wird diesen Kerls aber bald widerfahren, was geschrieben steht: „Und wenn er keinen Hintern hat, wo will der Edle sitzen?“ Und Westfalen scheint allmählich zu merken, daß es keinen Hintern hat, oder, um mit Mose zu sprechen, keine „materielle Basis“ für seinen Kommunismus.

Der Püttmann hat, was mich angeht, so unrecht nicht gehabt, zu sagen, die Brüsseler arbeiteten mit am „Prometheus“. Höre, wie fein das Schindluder das angefangen hat. Da ich auch Geld brauchte, schrieb ich ihm, er solle endlich mit dem mir seit Jahr und Tag schuldigen Honorar herausrücken. Der Kerl antwortet, was das Honorar für den einen Aufsatz2 angehe, den er im „Bürgerbuch“ abgedruckt, so habe er Leske beauftragt, mir das zu zahlen (ist natürlich noch nicht da), was aber das für den andern Aufsatz3, in dem 2. „Rheinischen Jahrbuch“ betreffe, so – – habe Er das zwar schon vom Verleger erhalten, aber da die deutschen soi-disant4 Kommunisten Ihn, den großen P, mit seinem andern großen P, dem „Prometheus“, aufs schändlichste im Stich gelassen hätten, so – – sei Er, P No. 1, genötigt gewesen, die Honorare (worunter auch welches für E[werbec]k pp.) zum Druck von P No.2 zu verwenden, und werde uns selbiges erst nach x Wochen gezahlt werden können!! Schöne Kerls, wenn man ihnen kein Manuskript gibt, so machen sie main basse5 aufs Geld. So wird man Mitarbeiter und Aktionär am „Prometheus“.

Die Londoner Adresse hab’ ich gestern abend hier bei den Arbeitern bereits gedruckt gelesen. Schund. Adressieren sich an das „Volk“, d.h. die vorausgesetzten Proletarier in Schleswig-Holstein, wo nichts wie plattdeutsche Bauerlümmel und zünftige Straubinger herumstrolchen. Haben von den Engländern gerade den Unsinn, die totale Ignorierung aller wirklich vorliegenden Verhältnisse, Unfähigkeit, eine historische Entwicklung aufzufassen, gelernt. Statt die Frage zu beantworten, wollen sie, daß das in ihrem Sinn gar nicht dort existierende „Volk“ sie ignorieren, sich friedlich, passiv verhalten soll; sie denken nicht dran, daß die Bourgeois doch tun, was sie wollen. Mit Abzug der ziemlich überflüssigen und gar nicht mit ihren Schlußresultaten im Zusammenhang stehenden Schimpfereien auf die Bourgeois (die ebensogut durch free-trade-Phrasen ersetzt werden könnten) könnte die free-trade press6 von London, die Schleswig-Holstein nicht im Zollverein sehen will, das Ding erlassen haben.

Daß der Julius im preußischen Solde steht und für Rother schreibt, stand schon in deutschen Zeitungen angedeutet. Bourgeois7, der ja so entzückt von seinen edlen Werken war, wie d’E[ster] erzählte, wird sich freuen, wenn er das hört. – Apropos Schleswig-Holstein; der Kutscher8 hat vorgestern in 3 Zeilen dem E[werbec]k geschrieben, man möge sich mit Briefen jetzt in acht nehmen, die Dänen erbrächen alles. Er meint, es könne doch wohl zu den Waffen kommen. Dubito9, aber es ist schön, daß der alte Däne die Schleswig-Holsteiner so derb zusammenfuchst. Hast Du übrigens das berühmte Gedicht „Schleswig-Holstein meerumschlungen“ im „Rheinischen Beobachter“ gelesen? Es macht etwa folgenden Eindruck, die Worte hab’ ich unmöglich behalten können:

Schleswig-Holstein, meerumschlungen, Schleswig-Holstein,
stammverwandt,
Schleswig-Holstein, deutscher Zungen, – Schleswig-Holstein,
deutscher Strand!
Schleswig-Holstein, brunstdurchdrungen, Schleswig-Holstein,
glutenbrannt,
Schleswig-Holstein, ernst gerungen, Schleswig-Holstein,
halte Stand!
Schleswig-Holstein, frisch gesungen: „Schleswig-Holstein!
Dän’scher Tand!“
Schleswig-Holstein, bis erklungen: „Schleswig-Holstein“,
all durchs Land!
Schleswig-Holstein, starke Lungen, – Schleswig-Holstein,
schwache Hand,
Schleswig-Holstein, dumme Jungen, – Schleswig-Holstein,
Affenschand.

Schleswig-Holstein, stammverwandt; Bleibe treu, mein Vaterland, schließt dann der Dreck. Es ist ein schauderhaftes Lied, wert von Dithmarschen gesungen zu werden, die wieder wert sind, von Püttmann besungen worden zu sein.

Die Kölner Bourgeois rüffeln sich. Sie haben einen Protest gegen die Herren Minister erlassen, der für deutsche Bürger das Mögliche ist. Der arme Berliner Kanzelredner10! Mit allen Stadträten seines Reichs liegt er in den Haaren; erst die Berliner theologische Disputation, dann die Breslauer item, jetzt die Kölner Geschichte. Der Bengel gleicht übrigens auf ein Haar dem Jakob dem Ersten von England, den er sich wirklich zum Muster genommen zu haben scheint. Nächstens wird er wohl, wie dieser, auch noch Hexen verbrennen lassen.

Dem Proudhon hab’ ich im Geschäftsbrief11 wirklich himmelschreiendes Unrecht getan. Da in diesem letzteren Brief kein Platz ist, so muß ich’s hier redressieren. Ich habe nämlich geglaubt, er habe einen kleinen Unsinn, einen Unsinn innerhalb der Grenzen des Sinns gemacht. Gestern kam die Sache nochmals und ausführlich zur Diskussion, und da erfuhr ich, daß dieser neue Unsinn wirklich ein ganz unbegrenzter Unsinn ist. Stelle Dir vor: Proletarier sollen kleine Aktien sparen. Davon wird (unter 10–20 000 Arbeitern fängt man natürlich gar nicht an) zuerst ein oder mehrere Ateliers in einem oder mehreren Handwerken errichtet, ein Teil der Aktionäre dort beschäftigt und die Produkte 1. zum Preis des Rohmaterials plus der Arbeit an die Aktionäre (die so keinen Profit zu zahlen haben), und 2. der etwaige Überschuß zum laufenden Preise im Weltmarkt verkauft. Sowie sich das Kapital der Gesellschaft durch Neuhinzutretende oder durch neue Ersparnisse der alten Aktionäre vermehrt, wird es zur Anlage neuer Ateliers und Fabriken verwandt, und so fort, und so fort, bis – alle Proletarier beschäftigt, alle im Lande befindlichen Produktivkräfte aufgekauft und dadurch die in den Händen der Bourgeois befindlichen Kapitalien die Macht verloren haben, Arbeit zu kommandieren und Profit zu bringen! So hebt man dann das Kapital auf, indem man „eine Instanz findet, wo das Kapital, d.h. das Zinswesen“ (Vergrünung des einigermaßen näher ans Tageslicht gerückten droit d’aubaine von ehedem) „sozusagen verschwindet“. Du wirst in diesem von Papa Eisermann zahllose Male wiederholten, also von Grün auswendig gelernten Satze die ursprünglichen Proudhonschen Floskeln noch deutlich durchschimmern sehen. Die Leute haben nichts mehr und nichts weniger im Sinn, als einstweilen ganz Frankreich, später vielleicht auch die übrige Welt, vermöge proletarischer Ersparnisse und unter Verzichtung auf den Profit und die Zinsen ihres Kapitals aufzukaufen. Ist so ein famoser Plan je erdacht worden, und ist es nicht ein viel kürzerer Weg, wenn man einmal einen tour de force12 machen will, lieber gleich aus dem Silber-schein des Mondes Fünffrankentaler zu prägen. Und die dummen Jungens von Arbeitern hier, die Deutschen mein’ ich, glauben an den Dreck; sie, die nicht sechs Sous in der Tasche behalten können, um am Abend ihrer Zusammenkünfte zu einem marchand de vin13 zu gehen, wollen mit ihren Ersparnissen toute la belle France14 aufkaufen. Rothschild und Konsorten sind wahre Stümper neben diesen kolossalen Akkapareurs. Es ist um die Schwerenot zu kriegen. Der Grün hat die Kerls so versaut, daß die unsinnigste Phrase für sie mehr Sinn hat, als die einfachste, zum ökonomischen Argument vernutzte Tatsache. Daß man gegen solchen barbarischen Unsinn noch pauken muß, ist doch niederträchtig. Aber man muß Geduld haben, und ich lass’ die Kerls nicht laufen, bis ich den Grün aus dem Felde geschlagen und ihnen die verduselten Schädel geöffnet hab’. Der einzige klare Kerl, der auch den ganzen Unsinn einsieht, ist unser J[unge], der in Brüssel war. Der E[werbec]k hat den Kerls auch den Kopf voll des tollsten Zeugs gesetzt. Der Kerl ist dir jetzt in einer Konfusion zum Schwanzausreißen, er grenzt von Zeit zu Zeit an Wahnsinn und kann, was er gestern mit seinen eignen Augen gesehen, Dir heute nicht wiedererzählen. Geschweige, was er gehört. Wie sehr der Kerl aber unter der Fuchtel des Grün gestanden, davon nur dies: als der Trierer Walther vorigen Winter über die Zensur nach allen Seiten hin jammerte, stellte Grün ihn als einen Märtyrer der Zensur dar, der den edelsten und tapfersten Kampf führe usw., und exploitierte E[werbec]k und die Arbeiter dazu, daß sie eine höchst pomp hafte Adresse an diesen Esel von Walthr aufsetzten und unterzeichneten und ihm Dank sagten für seinen Heldenmut im Kampfe für die Freiheit des Wortes!!!! Der E[werbeck] schämt sich wie ein Mops und ärgert sich wütend über sich selbst; aber der Unsinn ist geschehen, und jetzt hat man ihm und den Arbeitern die paar Worte wieder auszupauken, die er sich selbst mit saurem Schweiß in den Kopf hineingestiert und den Arbeitern dann mit ebenso saurem Schweiß eingebleut hat. Denn er versteht nichts, bis er’s nicht auswendig gelernt hat, und dann versteht er’s meist noch falsch. Wenn er nicht den enormen guten Willen hätte und dabei sonst so ein liebenswürdiger Kerl wäre, was er jetzt mehr als je ist, so wäre gar nicht mit ihm fertig zu werden. Es soll mich wundern, wie es mir mit ihm gerät; zuweilen macht er ganz nette Bemerkungen, gleich drauf aber wieder den größten Unsinn – so seine jetzt in Gott ruhenden deutschen Geschichtsvorträge, bei denen man sich wegen der in jedem Wort befindlichen Schnitzer und Tollheiten kaum das Lachen verbeißen konnte. Aber, wie gesagt, enormer Eifer und Eingehen auf alles, mit merkwürdiger Bereitwilligkeit, und ein unverwüstlicher guter Humor und Selbstironie. Ich mag den Kerl, trotz seines Unsinns, besser leiden als je.

Von B[ernay]s ist nicht viel zu sagen. Ich war mehrmals draußen, er einmal hier. Kommt wahrscheinlich Winter her, fehlt nur an Geld. Westfalen hat ihm fr. 200 geschickt, ihn zu bestechen; er nimmt das Geld, läßt sie im übrigen natürlich laufen. Weyd[emeyer] hatte ihm das Geld vorher angeboten, er schreibt, er müsse fr. 2000 haben, sonst könne ihm’s nicht nützen, ich sagte ihm, was die Westfalen antworten würden, sie könnten nichts liquid15 machen pp. – traf wörtlich ein. Zum Dank behält er die fr. 200. Er lebt ganz fidel, aus seiner ganzen tragischen Geschichte macht er gegen niemand ein Geheimnis, steht sich ganz fidel mit den Leuten, lebt wie ein Bauer, arbeitet im Garten, frißt gut; ich hab’ ihn im Verdacht, ein Bauernmädel zu beschlafen, und hat auch aufgehört, mit seinen Leiden Etalage zu machen. Ist auch dahin gekommen, über die Parteistreitigkeiten klarere und verständligere Ansichten zu hegen, obwohl er selbst jedesmal, wenn so etwas vorfällt, etwas Camille Desmoulins spielen möchte und überhaupt zum Parteimann nicht taugt; wegen seiner Meinungen über das Recht ist ihm jetzt nicht gut beizukommen, weil er mit dem Einwurf: Ökonomie, Industrie pp. sei nicht sein Fach, jedesmal abzubrechen sucht und bei den seltenen Zusammenkünften keine ordentliche Diskussion zustande kommt; ich glaube indes schon etwas Bresche geschossen zu haben, und wenn er herkommt, werd’ ich ihm sein Mißverständnis wohl schließlich nehmen können. – Was machen die Leute dort?

Dein
E.

[Paris] 11, rue etc., 18.Sept. 46

Query16: Ist die Geschichte mit dem Tolstoi17, die vollständig richtig ist, nicht den Londonern mitzuteilen? Die Deutschen könnten, falls er bei ihnen seine Rolle fortspielte, einmal ein paar Polen scheußlich kompromittieren. Wenn sich der Kerl auf Dich beriefe?

Bern[ay]s hat eine Broschüre in der Roth[sc]hildschen Polemik geschrieben, kommt in der Schweiz deutsch und in einigen Tagen hier französisch heraus.