Cercle Valois, Palais Royal,
[Paris] 19. August 1846
Lieber Marx,
Samstag abend nach einer strapaziösen Reise und viel Langerweile hier endlich angekommen. Ew[erbeck] gleich getroffen. Der Junge ist sehr fidel, vollständig traktabel, empfänglicher wie je, kurz, ich hoffe mit ihm in allen Dingen – mit einiger Geduld – ganz gut herumzukommen. Von Jammer über Parteistreitigkeiten ist keine Rede mehr – aus dem einfachen Grunde, weil er selbst in die Notwendigkeit versetzt ist, hier einige Weitlingianer1 herauszubugsieren. Was er mit Grün eigentlich gehabt hat, wodurch der Bruch mit ihm eintrat, darüber ist bis jetzt wenig verlautet; gewiß ist, daß ihn Grün durch ein abwechselnd kriechendes, abwechselnd hochfahrendes Betragen in einer gewissen respektvollen Zuneigung erhielt. Ew[erbeck] ist über Heß vollständig im klaren, il n’a pas la moindre sympathie pour cet homme-là2. Er hatte ohnehin noch so einen alten Privathaß gegen ihn von der Zeit her, da sie zusammenwohnten. Wegen der Westfalen habe ich ihn gehörig gerüffelt. Weyd[emeyer], dieser Lump, hatte einen westfälisch tränenvollen Brief an B[ernay]s geschrieben, worin die Edlen M[eyer] und R[empel] als Märtyrer der guten Sache dargestellt, die gern ihr Alles geopfert, die wir aber mit Verachtung zurückgestoßen hätten usw.; und die beiden leichtgläubigen Germanen, Ew[erbeck] und B[ernay]s, setzen sich zusammen hin, jammern über unsre Hartherzigkeit und Krakeelerei und glauben dem Leutnant aufs Wort. Man hält dergleichen Aberglauben kaum für möglich. – Grün hat die Arbeiter um ca. 300 fr. beschissen, unter dem Vorwande, eine Broschüre von – 11/2 Bogen in der Schweiz dafür drucken zu lassen3. Jetzt kommen die Gelder dafür ein, aber die Arbeiter erhalten keinen Heller davon. Sie fangen jetzt an, ihm deswegen auf die Kneipe zu steigen. Ew[erbeck] sieht jetzt ein, was er für Unsinn hinauskommt, keine Seele, läuft in einer Bauerjacke herum, geht nie aus dem Sarcelles, das das elendeste Dorf der Welt ist und nicht einmal ein cabaret hat, heraus, kurz, er ennuviert sich zum Sterben. Wir müssen sehen, daß wir ihn wieder nach Paris kriegen, dann ist er in 4 Wochen wieder der alte. Da der Börnstein in seiner Qualität als Mouchard nicht wissen soll, daß ich hier bin, so haben wir dem B[ernay]s erst geschrieben wegen eines Rendezvous in Montmorency oder sonst in der Nähe, nachher schleifen wir ihn nach Paris und wenden ein paar Franken dran, ihn einmal tüchtig aufzuheitern. Dann wird er schon anders werden. Übrigens laß ihn nicht merken, daß ich Dir so über ihn geschrieben habe, in seiner überspannten romantischen Stimmung könnte der gute Junge sich moralisch verletzt fühlen.
Das Schönste ist, in dem Haus in Sarcelles sind 2 Weiber, 2 Männer, mehrere Kinder, worunter ein zweifelhaftes, und trotz alledem on n'y tire pas un coup4. Nicht einmal Knabenschänderei wird darin getrieben. C'est un roman allemand.5
Madame Heß cherche un mari. Elle se fiche de Heß. S'il se trouverait quelque chose de convenable, s'adresser à Madame Gsell, Faubourg St.Antoine.6 Eile ist nicht nötig, da die Konkurrenz nicht groß ist. Antworte bald.
Dein
E.
Adresse: 11, rue de l'arbre sec.
Es versteht sich, daß, was ich Dir hier und später über Ew[erbeck], B[ernay]s und andre Bekannte schreibe, strikt konfidentiell ist.
Ich frankiere nicht, da ich knapp bei Gelde bin und vor dem 1. Oktober nichts zu erwarten habe. An selbigem Tage werde ich aber einen Wechsel schicken, um meinen Anteil an den Portoauslagen zu decken.