7
Engels an Marx
in Brüssel

Cercle Valois, Palais Royal,
[Paris] 19. August 1846

Lieber Marx,

Samstag abend nach einer strapaziösen Reise und viel Langerweile hier endlich angekommen. Ew[erbeck] gleich getroffen. Der Junge ist sehr fidel, vollständig traktabel, empfänglicher wie je, kurz, ich hoffe mit ihm in allen Dingen – mit einiger Geduld – ganz gut herumzukommen. Von Jammer über Parteistreitigkeiten ist keine Rede mehr – aus dem einfachen Grunde, weil er selbst in die Notwendigkeit versetzt ist, hier einige Weitlingianer1 herauszubugsieren. Was er mit Grün eigentlich gehabt hat, wodurch der Bruch mit ihm eintrat, darüber ist bis jetzt wenig verlautet; gewiß ist, daß ihn Grün durch ein abwechselnd kriechendes, abwechselnd hochfahrendes Betragen in einer gewissen respektvollen Zuneigung erhielt. Ew[erbeck] ist über Heß vollständig im klaren, il n’a pas la moindre sympathie pour cet homme-là2. Er hatte ohnehin noch so einen alten Privathaß gegen ihn von der Zeit her, da sie zusammenwohnten. Wegen der Westfalen habe ich ihn gehörig gerüffelt. Weyd[emeyer], dieser Lump, hatte einen westfälisch tränenvollen Brief an B[ernay]s geschrieben, worin die Edlen M[eyer] und R[empel] als Märtyrer der guten Sache dargestellt, die gern ihr Alles geopfert, die wir aber mit Verachtung zurückgestoßen hätten usw.; und die beiden leichtgläubigen Germanen, Ew[erbeck] und B[ernay]s, setzen sich zusammen hin, jammern über unsre Hartherzigkeit und Krakeelerei und glauben dem Leutnant aufs Wort. Man hält dergleichen Aberglauben kaum für möglich. – Grün hat die Arbeiter um ca. 300 fr. beschissen, unter dem Vorwande, eine Broschüre von – 1½ Bogen in der Schweiz dafür drucken zu lassen3. Jetzt kommen die Gelder dafür ein, aber die Arbeiter erhalten keinen Heller davon. Sie fangen jetzt an, ihm deswegen auf die Kneipe zu steigen. Ew[erbeck] sieht jetzt ein, was er für Unsinn gemacht hat, diesen Gr[ün] unter die Handwerker zu bringen. Er fürchtet jetzt eine öffentliche Anklage Grüns vor diesen, weil er ihn für kapabel hält, alles der Polizei zu denunzieren. Was der Kerl, der E[werbeck], aber leichtgläubig ist! Der pfiffige Grün hatte dem Ew[erbeck] selbst alle seine Lumpereien erzählt – aber natürlich als reine Heldentaten des Dévouements4, und Ew[erbeck] glaubt ihm das alles aufs Wort. Von den früheren Schweinereien dieses Kerls wußte er so nichts, als was der Delinquent selbst darüber zu erzählen für gut befunden. Ew[erbeck] hat übrigens den Proudhon vor Gr[ün] gewarnt. Gr[ün] ist wieder hier, wohnt hinten auf dem Ménilmontant und schmiert die scheußlichsten Artikel in die „Trier’sche“. Mäurer hat dem Cabet die bezüglichen Stellen aus dem Grünschen Buche übersetzt, Du kannst Dir Cabets Wut denken. Auch beim „National“ ist er außer allem Kredit.

Bei Cabet war ich. Der alte Knabe war recht kordial, ich ging auf all seinen Kram ein, erzählte ihm von Gott und dem Teufel pp. Ich werde öfter hingehen. Aber mit der Korrespondenz müssen wir ihm vom Halse bleiben. Er hat erstens genug zu tun und ist zweitens zu mißtrauisch. Il y verrait un piège5, um seinen Namen zu mißbrauchen.

Ich habe in den „Epigonen“ „Das Wesen der Religion“ von Feuerb[ach] etwas durchgeblättert. Abgesehen von einigen netten Aperçus ist das Ding ganz im alten Stiefel. Anfangs, wo er sich rein auf die Naturreligion beschränkt, ist er schon gezwungen, sich mehr auf empirischem Boden zu verhalten, aber später wird’s kunterbunt. Wieder lauter Wesen, Mensch pp. Ich werde es genau lesen und Dir in kürzester Frist die Hauptstellen, wenn sie interessant sind, exzerpieren, damit Du es für den Feuerb[ach] noch gebrauchen kannst. Einstweilen nur zwei Sätze. Das Ganze – ca. 60 Seiten – beginnt mit folgender vom menschlichen Wesen unterschiedenen Definition der Natur:

„Das vom menschlichen Wesen oder Gott (!!), dessen Darstellung das ‚Wesen des Christentums‘ ist, unterschiedne und unabhängige Wesen“ (1), „das Wesen ohne menschliches Wesen“ (2), „menschliche Eigenschaften“ (3), „menschliche Individualität“ (4), „ist in Wahrheit nichts andres als – die Natur.“

Dies ist doch das Meisterstück einer mit Donnerton ausposaunten Tautologie. Dazu kommt aber noch, daß er das religiöse, vorgestellte Phantom der Natur in diesem Satz vollständig hinten und vorn mit der wirklichen Natur identifiziert. Comme toujours.6 – Ferner, etwas weiter.

„Religion ist die Beherzigung und Bekennung dessen, was ich bin (!)... Die Abhängigkeit von der Natur sich zum Bewußtsein erheben, sie sich vorstellen, beherzigen, bekennen, heißt sich zur Religion erheben.“

Der Minister Dumon wurde dieser Tage im Hemde bei der Frau eines Präsidenten ertappt. Der „Corsaire-Satan“ erzählt: Eine Dame, die bei Guizot suppliziert hatte, sagte, – es ist schade – daß ein so ausgezeichneter Mann wie Guizot, est toujours si sévère et boutonné jusqu’au cou7. Die Frau eines employé der travaux publics8 sagt: On ne peut pas dire cela de M.Dumon, on trouve généralement qu’il est un peu trop déboutonné pour un ministre.9

Quelques heures après10, nachdem ich dem Weillchen11 zu Gefallen umsonst ins Café Cardinal geloffen – das Weillchen ist etwas knurrig, weil ihm die „Démocratie pacifique“ seine Honorare, ca. 1000 fr., nicht zahlt, es scheint eine Art great crisis and stopping of cash payments12 bei ihr eingetreten zu sein, und Weillchen ist zu sehr Jude, um sich mit Banknoten auf das erste Phalanstère der Zukunft abfertigen zu lassen. Übrigens werden die Herren Fourieristen alle Tage langweiliger. Die „Phalange“ enthält nichts als Unsinn. Die Mitteilungen aus Fouriers Nachlaß beschränken sich alle auf das mouvement aromal13 und die Begattung der Planeten, die plus ou moins14 von hinten zu geschehen scheint. Aus der Begattung des Saturn und Uranus entstehen die Mistkäfer, welche jedenfalls die Fourieristen selber sind, – der Hauptmistkäfer aber ist der Herr Hugh Doherty, der Irländer, der eigentlich noch nicht einmal Mistkäfer, sondern erst Mistengerling, Mistlarve ist – das arme Tier wälzt sich schon zum zehnten Male (10me article15) in der question religieuse herum und hat noch immer nicht heraus, wie er mit Anstand sein exit16 machen kann.

Bernays hab’ ich noch nicht gesehen. Wie Ew[erbeck] aber sagt, ist es so gar arg mit ihm nicht und sein größtes Leiden die Langeweile. Der Mann soll sehr robust und gesund geworden sein, seine Hauptbeschäftigung, die Gärtnerei, scheint in Beziehung auf seinen Kadaverzustand den Sieg über seinen Kummer davongetragen zu haben. Auch hält er, dit-on17, die Ziegen bei den Hörnern, wenn seine – ? Gattin? –, die nur zwischen zwei Fragezeichen zu denken ist, sie melkt. Der arme Teufel fühlt sich in seiner Umgebung natürlich unbehaglich, er sieht außer Ewerb[eck], der wöchentlich hinauskommt, keine Seele, läuft in einer Bauerjacke herum, geht nie aus dem Sarcelles, das das elendeste Dorf der Welt ist und nicht einmal ein cabaret hat, heraus, kurz, er ennuyiert sich zum Sterben. Wir müssen sehen, daß wir ihn wieder nach Paris kriegen, dann ist er in 4 Wochen wieder der alte. Da der Börnstein in seiner Qualität als Mouchard nicht wissen soll, daß ich hier bin, so haben wir dem B[ernay]s erst geschrieben wegen eines Rendezvous in Montmorency oder sonst in der Nähe, nachher schleifen wir ihn nach Paris und wenden ein paar Franken dran, ihn einmal tüchtig aufzuheitern. Dann wird er schon anders werden. Übrigens laß ihn nicht merken, daß ich Dir so über ihn geschrieben habe, in seiner überspannten romantischen Stimmung könnte der gute Junge sich moralisch verletzt fühlen.

Das Schönste ist, in dem Haus in Sarcelles sind 2 Weiber, 2 Männer, mehrere Kinder, worunter ein zweifelhaftes, und trotz alledem on n’y tire pas un coup18. Nicht einmal Knabenschänderei wird darin getrieben. C’est un roman allemand.19

Madame Heß cherche un mari. Elle se fiche de Heß. S’il se trouverait quelque chose de convenable, s’adresser à Madame Gsell, Faubourg St.Antoine.20 Eile ist nicht nötig, da die Konkurrenz nicht groß ist. Antworte bald.

Dein
E.

Adresse: 11, rue de l’arbre sec.

Es versteht sich, daß, was ich Dir hier und später über Ew[erbeck], B[ernay]s und andre Bekannte schreibe, strikt konfidentiell ist.

Ich frankiere nicht, da ich knapp bei Gelde bin und vor dem 1.Oktober nichts zu erwarten habe. An selbigem Tage werde ich aber einen Wechsel schicken, um meinen Anteil an den Portoauslagen zu decken.