Komiteebrief No. 1
Komitee
Carissimi1 – Unsre Geschichte wird hier sehr gut gehen. Ew[erbeck] ist ganz voll davon und wünscht nur, daß die offizielle Organisation eines Komitees nicht übereilt werde, weil eine Spaltung bevorsteht. Der Rest der Weitlingianer, eine kleine Schneiderclique, steht nämlich im Begriff, hier herausgeschmissen zu werden, und Ew[erbeck] hält es für besser, daß dies erst abgemacht wird. Ew[erbeck] glaubt indes nicht, daß mehr als 4–5 der Hiesigen zur Korrespondenz zugezogen werden können, was auch vollständig hinreichend ist. In meinem Nächsten hoffe ich die Konstituierung anzeigen zu können.
Diese Schneider sind wirklich gottvolle Kerls. Neulich haben sie über Messer und Gabeln, ob die nicht besser an die Kette zu legen seien, ganz ernsthaft diskutiert. Es sind ihrer aber nicht viele. – Weitl[ing] selbst hat auf den letzten, durch uns ihm besorgten, sehr groben Brief der Pariser nicht geantwortet. Er hatte 300 fr. für seine Erfindung zu praktischen Experimenten verlangt, ihnen aber zugleich geschrieben, das Geld sei wahrscheinlich in den Dreck geschmissen. Ihr könnt Euch denken, wie sie ihm antworteten.
Die Schreiner und Gerber dagegen sollen famose Kerls sein. Ich habe sie noch nicht gesehen, Ew[erbeck] betreibt das alles mit bekannter Bedächtigkeit.
Ich will Euch jetzt einiges aus französischen Blättern mitteilen, versteht sich aus solchen, die nicht nach Brüssel kommen.
Das Monatsblatt von P.Leroux wird fast ganz mit Artikeln über St.-Simon und Fourier von P.L[eroux] selbst gefüllt. Er erhebt darin St.-S[imon] in die Wolken und sucht Fourier möglichst schlechtzumachen und als verfälschenden und verschlechternden Nachtreter von St.-Simon darzustellen. So plagt er sich ab, zu beweisen, daß die „Quatre Mouvements“ nur ein vermaterialistisiertes Plagiat der – „Lettres d’un habitant de Genève“ seien. Der Kerl ist rein verrückt. Weil es dort einmal heißt, ein System, das alle Wissenschaften enzyklopädisch zusammenfasse, ließe sich am besten durch die Zurückführung aller Erscheinungen pp. auf die pesanteur universelle2 durchführen, so muß Four[ier] daraus seine ganze Lehre von der Attraktion genommen haben. Natürlich sind alle Beweise, Zitate pp. nicht einmal hinreichend, zu beweisen, daß F[ourier] die „Lettres“ auch nur gelesen hatte, als er die „Quatre Mouvements“ schrieb. Dagegen wird die ganze Richtung Enfantin als in die Schule hereingeschmuggelter Fourierismus bezeichnet. Das Blatt heißt „Revue Sociale ou solution pacifique du problème du prolétariat“.
Das „Atelier“ erzählt nachträglich über den reformistischen Journalkongreß: Es sei nicht dort gewesen und daher sehr erstaunt, sich auf der Liste der dort repräsentierten Journale zu finden. Man habe le peuple de la presse3 solange ausgeschlossen, bis die Basen der Reform festgestellt waren, und als man dann den Ouvrierjournalen4 die Türen zum Jasagen geöffnet, habe es es unter seiner Würde gehalten, hinzugehen. Das „Atelier“ erzählt ferner, daß 150 Ouvriers5, wahrscheinlich Buchezisten – welche Partei nach Versicherung von Franzosen ca. 1000 Mann stark sein soll –, am 29.Juli die Julitage ohne Erlaubnis der Polizei durch ein Bankett feierten. Die Polizei mischte sich ein, und weil sie sich nicht verpflichten wollten, keine politischen Reden zu führen und keine Bérangerschen Lieder zu singen, wurden sie aufgelöst.
„Die Epigonen“ des Herrn Wigand sind hier. Herr W[igand] wirft sich hier mit furchtbarem Gepolter in die aufgeblähte Brust. „An A.Ruge.“ Er hält diesem ihre beiderseitigen Pechheiten vor, die sie seit 4 Jahren ausgestanden. R[uge] konnte – in Paris – „mit dem fanatischen Kommunismus nicht Hand in Hand gehen“. Der Kommunismus ist ein Zustand „im eignen, dünkelvollen Hirn ausgeheckt, eine beschränkte und dünkelvolle Barbarei, die der Menschheit gewaltsam aufgedrängt werden soll“. Schließlich renommiert er, was er nicht alles tun will, „solange es noch Blei zu Lettern in der Welt gibt“. Ihr seht, der candidat de la potence6 hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben, es bis zum candidat de la lanterne7 zu bringen.
Ich mache Euch aufmerksam auf den Artikel im heutigen „National“ (mercredi8 19) über die Abnahme der Wähler in Paris von über 20 000 auf 17 000 seit 1844.
[Paris] 11, rue de l’arbre sec.,
19.August 1846
Euer
E.
Paris ist tief gesunken. Danton verkauft Holz am Boulevard Bourdon. Barbaroux hat einen Kattunladen rue St.Honoré, die „Réforme“ hat nicht die Kraft mehr, den Rhein zu verlangen, die Opposition sucht die Kapazitäten und findet sie nicht, die Herren Bourgeois legen sich so früh schlafen, daß um 12 Uhr alles zu sein muß, und la jeune France9 läßt sich das ruhig gefallen. Die Polizei hätte das gewiß nicht durchgesetzt, aber die frühen Comptoirstunden der Herren Prinzipale, die nach dem Sprichwort leben: Morgenstunde hat usw.... Herrn Grüns auf Kosten der Arbeiter gedruckte Broschüre ist dieselbe, die ich einmal bei Seiler gesehen habe: „Die preußischen Landtags-Abschiede. Ein Wort zur Zeit“ (anonym), enthält hauptsächlich Plagiate aus Marx’ Aufsätzen („Deutsch-Französische Jahrbücher“) und kolossalen Unsinn. „Nationalökonomische“ und „sozialistische“ Fragen sind ihm identisch. Folgende Entwicklung der absoluten Monarchie:
„Der Fürst machte sich eine abstrakte Domäne, und diese geistige Domäne hieß – der Staat. Der Staat ward die Domäne der Domänen; als Ideal der Domäne hebt er die einzelne Domäne ebensowohl auf, als er sie stehenläßt, er hebt sie immer dann auf, wenn sie absolut, selbständig werden will pp.“
Diese „geistige“ Domäne „Preußen“ verwandelt sich gleich darauf in eine Domäne, „auf der gebetet wird, eine geistliche Domäne“!! Resultat des Ganzen: Der Liberalismus ist in Preußen theoretisch bereits überwunden, daher werden sich die Reichsstände gar nicht mehr mit Bourgeoisfragen, sondern directement mit der sozialen Frage beschäftigen.
„Die Schlacht- und Mahlsteuer ist die wahre Verräterin vom Wesen der Steuer, sie verrät nämlich, daß jede Steuer eine Kopfsteuer ist. Wer aber eine Kopfsteuer erhebt, der sagt: Eure Köpfe und Leiber sind mein eigen, ihr seid kopf- und leibeigen ... Die Schlacht- und Mahlsteuer entspricht zu sehr dem Absolutismus usw.“
Der Esel hat zwei Jahre lang Oktroi bezahlt und weiß es noch nicht, er glaubt, so was existiere nur in Preußen. Schließlich ist das Broschürli, einige Plagiate und Phrasen abgerechnet, durch und durch liberal, und zwar deutsch-liberal.
Wie die Arbeiter hier allgemein glauben, hat Weitl[ing] die „Garantien“ nicht allein gemacht. Außer S.Schmidt, Becker10 pp. sollen ihm einige Franzosen Material gegeben haben, und besonders hatte er Manuskripte eines gewissen Ahrens aus Riga, Arbeiter in Paris, jetzt in Amerika, der auch die Hauptsache von „der Menschheit wie sie ist und sein soll“ gemacht hat. Die Hiesigen schrieben ihm das einmal nach London, worauf er sich sehr erboste und bloß antwortete, das seien Verleumdungen.
[Auf der Adreßseite]
Monsieur Charles Marx, 19, Plaine Ste Gudule, Bruxelles