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Engels an Marx
in Brüssel

Lieber Marx,

Ich bin diverse Tage herumgelaufen und hab’ mich nach Quartieren für Dich umgesehen, aber wenig gefunden. Entweder zu groß oder zu klein. Selten zwei bewohnbare Zimmer zusammen, die Schlafstuben meist erbärmlich eng. Enfin1 gestern hab’ ich 2 Quartiere aufgetan au choix2: 1. zwei große Zimmer, eine und zwei Treppen hoch, resp.; in jedem ein Bett, für 95 fr. monatlich, für das dritte Bett 30 fr. extra, Frühstück ½ fr. täglich pro Kopf oder Magen. 2. ein kleines Haus, das demselben propriétaire3 gehört, ein Wohnzimmer unten, oben zwei ineinandergehende Schlafzimmer, von denen eins erträglich groß, und ein Kabinett à 150 fr. monatlich, Frühstück même prix4. Wer das Haus nimmt, bekommt eine Magd hereingetan zur Aufwartung. Die obigen beiden Zimmer sind in einem restaurant, au duc de Brabant, rue du lait battu, wo also zur Not auch Essen zu bekommen wäre. Ihr seid aber ganz unabhängig in dieser Beziehung dort. Jedenfalls würdest Du gut tun, wenn Du auf eins dieser Quartiere reflektierst, im duc de Brabant abzusteigen, es ist wohlfeiler als im Hotel, und gefallen Dir die Zimmer nicht, so kannst Du Dir von der Frau dort das Haus zeigen lassen, es liegt rue des sœurs blanches No.5, und wenn das auch nicht konveniert, so findest Du wohl ein andres. Die Quartiere sind übrigens scheußlich verteuert gegen voriges Jahr, wie alles, oder vielmehr „und so in allem“. Diner wirst Du für fr. 5 bestreiten können für die ganze Familie, beefsteaks 1 fr., côtelettes idem, Wein 2–3 fr. Bier schlecht. Zigarren schlecht und teuer, tust gut, Dir ein paar 100 von Brüssel mitzubringen; wenn Du das tust, kannst Du folgenden Kostenanschlag als richtig annehmen:

p.Monat { Wohnung ............... fr.125 – fr.150
          Déjeuner .............. „   45 – „   45     (wenn Du zuweilen am Meer ißt)
          Diner ................. „  150 – „  175     (man frißt hier viel)
          Souper 2–3 Beefsteaks . „   60 – „   90
          Café nachmittags am Strand,
          sehr nötig    2 Tassen  „   18 – „   18
          Wäsche ist sehr teuer,
          mindestens      „   20 – „   30     Dazu Baden à fr. 1,30 – fr. 1,50, ca. 40 fr.
                          ————————————————
                          fr.418 – fr.508

Außerdem wären aber noch fr.100 für incidental expences5 wünschenswert, weil man sich ohne die hier sehr langweilt. Mehr als einen Monat brauchst Du nicht hierzubleiben. Bloß, wer kreuzlahm und inwendig und auswendig an allen Gliedern geschlagen ist, bleibt länger. Du mußt aber so mieten, daß Du die etwa über den Monat dazu bleibende Zeit à tant par jour6 bezahlst, sonst rechnen sie Dir den vollen halben Monat an, wenn Du zwei Tage länger bleibst.

Im übrigen lebt sich’s hier sehr schluffig. Ein langweiliger Barmer Philister, la bête des bêtes7, war die ersten Tage außer der Familie mein einziger, mir durch diese aufgedrängter Umgang. Gestern kam Blank von London (den Du kennst), dann machte ich endlich vermittelst dieses die Bekanntschaft eines Franzosen qui a beaucoup d’esprit8 und der überhaupt ein tüchtiger Kerl ist, obwohl er 15 Jahr in Elberfeld war und par conséquent9 deutsch spricht.

„Schließlich erwähne ich noch“ die Geschichte mit der Frau Heß. Es ist schlimm, aber man kann sie unmöglich die Dummheiten des P.P. Heß entgelten lassen. Ich werd’ sie also über die Grenze zu schmuggeln suchen, d.h. wenn ich von meinem Alten das zur Reise nach Paris nötige Geld kriege, was noch nicht sicher ist. Einliegendes Wischli schick dem teuren Mann Gottes10 nach Köln, damit er sich tröstet. Die Frau ist also schon in Brüssel?

An großen Männern ist nichts hier. Die kommen erst im August. Es verlautet noch nichts über die Namen der großen Deutschen, die herkommen werden. Einstweilen muß ich mich also mit dem preußischen Bankprojekt begnügen. Es ist gottvoll, daß die Herren sich einbilden, darauf viel Geld zu kriegen. So ein paar große Bankiers, die „Meistbeteiligte“ werden wollen und ihre geheimen Verträge mit den Bürokraten schließen, z.B. daß ihre Aktien nicht rückzahlbar sind, daß sie in den Zentralausschuß geschmuggelt werden pp., sind vielleicht dazu zu bringen. Aber sonst niemand. Kostbar, „daß sowohl die Zeichner, wie die gezeichneten Beiträge nicht bekannt werden sollen“. Man erwartet also verdammt wenig Geld und will sich vor der Blamage etwas sicherer stellen; echt bürokratisch.

Schreibe mir bald, ob Du kommst und wann.

Dein
E.

Ostende, 11, rue St. Thomas,
27.Juli 46

Diese Bilder waren gestern in der See zu besichtigen, für männliches und weibliches Publikum.