Die Privatadresse an mich: Au
Bois Sauvage, chez M. Lanoy,
Plaine Ste Gudule, Nr. 19.
Die Briefe, die Du an mich privatim schreibst, schreib unter der
Adresse: À Mr. Lanoy, Plaine Ste
Gudule, Bruxelles, mit Kuvert.
Brüssel, 14. Mai [1846]
Lieber Weiwi!
Du erhältst spät Brief. Es kam allerlei dazwischen. Ich wollte Dir nach Verabredung schon von Lüttich aus schreiben. Aber der Geldgeschichten wegen war's mir zu unangenehm. Solche Geschichte schieb' ich gern von einem Tag zum andern. Zuletzt muß man dann doch in den Apfel beißen.
Du wirst bald von hier einen offiziellen Brief erhalten. Die Manuskripte erhältst Du bald. Der zweite Band1 ist fast fertig. Sobald die Manuskripte für den ersten Band anlangen (es ist besser, die Sachen in zwei Sendungen zu schicken), wäre es höchst wünschenswert, daß der Druck beginnt.
Was Deine Idee mit Limburg betrifft, so mag das gut sein für Broschüren. Bücher über 20 Bogen werden am besten in dem eigentlichen Deutschland gedruckt. Ich glaube dafür einen Weg gefunden zu haben, der 1. Meyer2 nominell ganz aus dem Spiel läßt, 2. den Regierungen das Spiel sehr schwer macht und 3. insofern sich sehr empfiehlt, als sehr gewandte Hände mit der Expedition beauftragt würden.
Der hier lebende Vogler, der einen Kommissionär in Leipzig hat, einen Mann, der in der Verbreitung konfiszierlicher Bücher hauptsächlich macht, würde nämlich den ganzen buchhändlerischen Vertrieb übernehmen. Die Bücher selbst würden gedruckt in Deutschland. Als Verleger stünde jedesmal der Herausgeber da, also im „Selbstverlag des Verfassers". Vogler hat sich zu folgenden Bedingungen erboten, die ich wörtlich aus einem Brief desselben an mich zitiere:
„Ich verpflichte mich, für 10 p/c von der Meß-Einnahme alle Besorgungen, als Versendungs-, Verladungs-, Auslieferungs-, Inkasso-, Kommissions- und andere Unkosten zu übernehmen, vorausgesetzt, daß mir die Bücher franko Leipzig geliefert werden."
Vogler würde also hier die Fakturen schreiben, und die Bücher würden vom Druckort direkt an seinen Kommissionär nach Leipzig verschickt. Der Druckort dürfte natürlich nicht in Preußen sein. Bei jeder Ostermesse fände die Verrechnung mit Vogler statt.
Dies scheint mir das beste einstweilen für Schriften über 20 Bogen. Für Broschüren ist Dein Vorschlag sicher gut. Wegen der Aktien-Buchhandlung will ich mich einmal umsehn. Jedenfalls wird es Schwierigkeiten machen.
Wenn Meyer auf Voglers Vorschlag eingeht, so könnte sofort – es wäre nur ein beliebiger Druckort außer Preußen aufzutun.
Was mich
So weit war ich gekommen, als Dein neuer Brief ankam, sowohl der an Ph. Gigot als an mich persönlich gerichtete. Auf den gemeinschaftlichen Teil sitzt Engels soeben neben mir Dir zu antworten. Ich gestehe Dir offen, daß die darin mitgeteilten Nachrichten mich ziemlich unangenehm affiziert haben.
Du weißt, daß ich in einer großen Geldklemme bin. Um mich in den letzten Zeiten hier momentan noch halten zu können, habe ich die letzten Gold- und Silbersachen und einen großen Teil der Leinwand versetzt. Ich habe auch, um zu ökonomisieren, einstweilen die eigne Wirtschaft aufgegeben und bin hier in den Bois Sauvage gezogen. Ich hätte sonst auch noch eine neue Magd mieten müssen, da das kleinste Kind3 jetzt entwöhnt wird.
Ich habe mich vergebens in Trier (bei meiner Mutter) und in Köln bei einem ihrer Handelsfreunde umgesehn, um 1200 fr. zu leihen, die ich notwendig haben muß, um wieder in Ordnung zu kommen. Um so unangenehmer sind mir nun die Nachrichten mit dem Buchhandel, da ich dies Geld als Vorschuß auf die Ökonomie zu bekommen hoffte.
Es existieren in Köln wohl noch einige Bourgeois, die mir wahrscheinlich für einen bestimmten Termin das Geld vorschießen würden. Allein, da diese Leute sich seit geraumer Zeit einer prinzipiell direkt entgegengesetzten Richtung zugewandt haben, so möchte ich mich ihnen in keiner Weise verpflichten.
Was das Honorar für die Publikation betrifft, so fällt mir, wie Du weißt, nur die Hälfte für den 1. Band zu.
Nicht genug mit dem eigenen Pech, strömen auch noch von allen Ecken an mich, als den Herausgeber der Publikation, dringende Briefe etc. ein. Namentlich liegt da eine unangenehme Sache mit Bernays vor. Du weißt, daß er durch Dich schon 104 fr. auf Abschlag erhalten hatte. Bernays hatte einen Wechsel auf den 12. Mai ausgestellt (an seinen Bäcker), konnte nicht zahlen, er mußte protestiert werden, das verursachte neue Unkosten etc. etc. Der Bäcker will ihn jetzt einsperren lassen. Er schrieb an mich, ich konnte ihm natürlich nicht helfen, tat aber, um momentan die Sache aufzuschieben, was allein möglich war:
1. schrieb einen fruchtlosen Brief an Herweg[h] in Paris, worin ich ihn bat, dem B[ernays] die Summe vorzustrecken, bis sein Aufsatz erschienen sei;
2. schrieb einen französischen Brief an B[ernays], um im Notfall seinen Gläubiger aufzuhalten, worin ich ihm mitteile, daß er nach der Publikation das soundso viel noch betragende Honorar erhalten werde. Darauf hat ihm der Bürger Ausstand bis zum 2. Juni gegeben. Bernays schuldet mit den Protestkosten etc. 120 fr. (ich weiß die Summe nicht mehr genau).
Du siehst, allseitige Misère! Ich weiß mir im Augenblick nicht zu helfen.
Ein andermal schreib' ich Dir einen inhaltlichen Brief. Mein Schweigen mußt Du daraus entschuldigen, daß zu der vielen Arbeit, den Hauspflichten etc. noch aller dieser Gelddruck hinzugekommen ist.
Leb wohl.
Dein
M.
Meine Frau und ich lassen Deine Braut4 herzlich grüßen.
Nebenbei bemerkt und um allen Mißverständnissen zuvorzukommen – Heß hat von den beiden Bänden, die ich jetzt herausgebe, nichts mehr zu bekommen, im Gegenteil noch uns zurückzugeben.