Engels an Karl Kautsky
in Stuttgart

London, 21. Mai 95
41, Regent's Park Road, N. W.

Lieber Baron,

Ich hätte Dir auf Deinen Brief vom 6. gleich geantwortet. Aber eine eklige Halsdrüsenanschwellung mit viel Schmerzen und obligater Schlaflosigkeit hat mich für 14 Tage fast total arbeitsunfähig gemacht. Jetzt sollst Du aber nicht länger warten.

Ihr habt damals eine „Geschichte des Sozialismus“ unternommen. Von allen lebenden Menschen gab es damals – das darf ich wohl sagen – nur einen, dessen Mitwirkung dabei unbedingt notwendig schien, und der eine war ich. Ich darf sogar sagen, daß ohne meine Hülfe eine derartige Arbeit heute nicht anders als lückenhaft und mangelhaft sein kann. Und das wußtet Ihr so gut wie ich. Von allen möglicherweise brauchbaren Leuten bin ich aber grade der einzige, der nicht zur Mitarbeit aufgefordert wurde. Ihr mußtet also sehr triftige Gründe haben, wenn Ihr grade mich ausschloßt. Ich beklage mich nicht darüber, weit entfernt. Ihr hattet ein vollkommenes Recht, so zu handeln. Ich konstatiere nur die Tatsache.

Was mich allerdings, doch nur für einen Augenblick, pikiert hat, das war die sonderbare Geheimniskrämerei, womit Ihr, während alle Welt davon sprach, mir gegenüber die Sache umhülltet. Erst durch Dritte erfuhr ich von dem ganzen Vorhaben, erst durch den gedruckten Prospekt von der Anlage des Plans. Weder von Dir noch von Ede ein Wort, es war, als hättet Ihr ein böses Gewissen. Daneben dann von allerlei Leuten leise Anfragen unter der Hand, die ich zu deren Besten, ob ich die Mitwirkung abgelehnt etc. Und dann endlich, als das Schweigen nicht mehr möglich, kam der gute Ede auf die Sache zu sprechen, mit einer Verschämtheit und Verlegenheit, die einer schlechteren Sache würdig gewesen wäre – wo doch nichts Unrechtes vorlag als diese lächerliche Komödienspielerei, die mir inzwischen, wie Louise bezeugen kann, manche recht heitre Stunde gemacht hatte.

Nun gut. Ihr habt mir gegenüber eine vollendete Tatsache hingestellt: eine „Geschichte des Sozialismus“ ohne meine Mitwirkung. Diese Tatsache habe ich von Anfang an akzeptiert, ohne mich zu beklagen. Aber diese von Euch selbst geschaffne Tatsache könnt Ihr auch nicht wieder aus der Welt schaffen, könnt sie nicht ignorieren, falls Euch dies gelegentlich einmal paßt. Und ebensowenig kann ich sie aus der Welt schaffen. Habt Ihr mir nach reiflicher Überlegung die große Vordertpforte verschlossen, zu einer Zeit, wo mein Rat und meine Hülfe Euch wesentlich nützen konnte, so bitte, verlangt jetzt nicht von mir, daß ich durch irgendein kleines Hintertürchen hineinschlüpfe, um Euch aus einer Verlegenheit zu helfen. Ich gestehe, wären die Rollen umgekehrt verteilt, ich hätte mich sehr, sehr lange besonnen, ehe ich Dir einen Antrag gestellt wie den vorliegenden. Ist es denn so äußerst schwer einzusehn, daß jeder die Folgen seiner eigenen Handlungen auf sich nehmen muß? As you made your bed, so you must lie in it.1 Ist für mich kein Platz darin, so nur, weil Ihr's so gewollt habt.

So, das wäre abgemacht. Und nun tu mir den Gefallen und sieh diese meine Antwort als unwiderruflich an. Laß diesen ganzen Zwischenfall für uns beide tot und begraben sein. Ich werde auch mit Ede nicht darüber sprechen, wenn er nicht davon anfängt.

Inzwischen bin ich dran, Dir für die „N[eue] Z[eit]" eine Arbeit zu liefern, die Dir Freude machen wird: „Ergänzungen und Nachträge zum ‚Kapital‘, Buch III“, Nr. 1: Wertgesetz und Profitrate, Antwort auf Sombarts und C. Schmidts Bedenken. Später folgt Nr. 2: die sehr bedeutend veränderte Rolle der Börse, seit Marx 1865 darüber schrieb. Je nach Bedarf und Zeit folgt Fortsetzung. Der erste Artikel wäre fertig, wenn mein Kopf frei gewesen.

Von Deinem Buch kann ich sagen, daß es sich bessert, je weiter man darin kommt. Plato und das Urchristentum sind noch zu ungenügend nach dem ursprünglichen Plan behandelt. Die mittelalterlichen Sekten schon viel besser, und zwar crescendo: am besten die Taboriten, Münzer, die Wiedertäufer. Sehr viel wichtige ökonomische Reduktionen der politischen Ereignisse, daneben aber auch Gemeinplätzliches, wo eine Lücke im Studium vorlag. Ich habe aus dem Buch sehr viel gelernt; für meine Neubearbeitung des „Bauernkriegs" ist es eine unentbehrliche Vorarbeit. Die Hauptfehler scheinen mir zwei: 1. Sehr mangelhafte Untersuchung der Entwicklung und Rolle der ganz außerhalb der feudalen Gliederung stehenden, deklassierten, fast pariamäßig gestellten Elemente, die unvermeidlich mit jeder Stadtbildung aufkommen mußten und die unterste, rechtlose Schicht jeder Stadtbevölkerung im Mittelalter bilden, los von Markgenossenschaft, feudaler Abhängigkeit und Zunftverband. Das ist schwer, aber es ist die Hauptbasis, denn allmählich, mit Auflösung der Feudalbande, wird dies das Vorproletariat, das 1789 in den Pariser Faubourgs2 die Revolution machte, absorbiert alle Auswürfinge der feudalen und zünftigen Gesellschaft. Du sprichst von Proletariern, der Ausdruck schielt, und ziehst die Weber hinein, deren Wichtigkeit Du ganz richtig schilderst – aber erst seitdem es deklassierte, nichtzünftige Weberknechte gab, und nur soweit es deren gab, kannst Du diese zu Deinem „Proletariat" rechnen. Hier ist noch viel nachzuholen.

2. Hast Du die Weltmarktstellung – soweit davon die Rede sein kann, die internationale ökonomische Stellung Deutschlands Ende des XV. Jahrhunderts nicht voll erfaßt. Diese Stellung erklärt allein, weshalb die bürgerlich-plebejische Bewegung in religiöser Form, die in England, den Niederlanden, Böhmen erlag, im 16. Jahrhundert in Deutschland einen gewissen Erfolg haben konnte: den Erfolg ihrer religiösen Verkleidung, während der Erfolg des bürgerlichen Inhalts dem folgenden Jahrhundert und den Ländern der inzwischen entstandenen neuen Weltmarktsrichtung vorbehalten blieb: Holland und England. Das ist ein langes Thema, das ich beim „Bauernkrieg" in extenso darzustellen hoffe – wär' ich erst dabei!

Im Stil fällst Du – um populär zu bleiben – bald in den Leitartikel, bald in den Schulmeister. Das ließe sich vermeiden. Und dann: Willst Du dem Janssen zulieb noch immer nicht das Wortspiel verstehn, das U. v. Hutten mit den obscuri viri trieb? Der Witz ist ja, daß es beides heißt: obskur und obskurant, und das wollte Hutten sagen.

Doch das alles läuft nur so mit. Du und Ede, Ihr habt beide ein ganz neues Thema bearbeitet, und das wird nie auf den ersten Schlag vollkommen. Ihr könnt Euch freuen, ein Buch fertiggebracht zu haben, das sich sehn lassen kann, schon jetzt, wo doch nur sozusagen ein erster Entwurf vorliegt. Jetzt seid Ihr aber beide verpflichtet, das in Arbeit genommene Gebiet nicht wieder brachzulegen, sondern weiterzuforschen, damit Ihr in ein paar Jahren eine Neubearbeitung fertigbringt, die allen Ansprüchen genügt.

Von Petersburg schickt man mir russische Übersetzung Deiner alten Arbeit über Ehe und Familie („Kosmos“). Ich weiß nicht, von wem gemacht. Ich schicke sie Dir.

Viele Grüße von Haus zu Haus.

Dein
F. Engels

Noch eins. Ich habe Sorge vorgeschlagen, seine Artikel über die amerikanische Bewegung, wenn vollendet, separat herauszugeben. Er ist darauf eingegangen, sagt aber, es werde da viel nachzuarbeiten, zu bessern und zu ergänzen sein, wozu er vor nächster Sommerfrische wohl keine Zeit finden werde. Meinen Vorschlag, die Sache bei Dietz in Anregung zu bringen, nahm er an. Willst Du so gut sein, bei D[ietz] anzufragen, ob er Lust hat, die Sache zu übernehmen, und wenn ja, zu welchen Bedingungen. Die Artikel sind das Beste und einzig Authentische, das wir über die amerikanische Bewegung haben, und ich halte es für sehr wünschenswert, daß sie im Zusammenhang und separat dem Publikum erhalten werden.