London, den 8. Februar 95
Mein lieber Plechanow,
F[reyberger] übernimmt es gern, V[era]1 zu untersuchen, aber wie können wir ihr das plausibel machen? F[reyberger] kann doch nicht einfach zu ihr gehen und sagen: G. P[lechanow] hat mich beauftragt, Sie abzuhorchen. Sie müssen selbst mit ihr darüber reden und erreichen, daß sie einwilligt, und dann wird es am besten sein, daß sie es mir sagt und ich mich um das übrige kümmere. Oder aber, wenn sie will, kann sie auch mit Louise F[reyberger] darüber sprechen, und Louise wird dann alles regeln. So würde ich Ihnen das vorschlagen, wenn Sie aber einen anderen Weg sehen, das gewünschte Ziel zu erreichen, so sagen Sie ihn mir, und dann werden wir weiter sehen.
V[era] hat mir Ihr Buch gegeben, für das ich Ihnen danke; ich habe es angefangen, aber es wird Zeit in Anspruch nehmen. Auf jeden Fall ist es ein großer Erfolg, daß es gelungen ist, es im Land selbst herauszubringen. Das ist eine Etappe mehr, und selbst wenn wir die neue soeben eroberte Position nicht halten können, so ist es immerhin ein Präzedenzfall, das Eis ist gebrochen. Das Verbot der „Русская Жизнь“ scheint schon der Anfang der Reaktion zu sein. Nikolai scheint seine Muschiks durch Zwangserziehung auf die Freiheit vorbereiten zu wollen, so daß für die Verfassung erst die nächste Generation reif sein wird; immerhin eine neue Variante des alten Rezepts: nach uns die Sintflut! Aber die Sintflut ist wie der Teufel aus dem „Faust“:
Den Teufel spürt das Völkchen nie,
und wenn er sie beim Kragen hätte.
Und wenn der Teufel der Revolution einen beim Kragen hätte, so hat er Nikolai II.2
Mir geht es jetzt viel besser als früher. Meine Verdauung ist gut, mein Atmungsapparat völlig in Ordnung, ich schlafe nachts meine 7 Stunden und arbeite mit Vergnügen – bin glücklich, daß ich endlich meine Arbeit wieder aufnehmen kann, nach fast einjähriger Unterbrechung: Korrekturbogen zum 3. Bd.3, Korrespondenz, Umzug, Darmbeschwerden usw. usw.
Grüßen Sie Frau Plechanowa und Axelrod von mir sowie von Ludwig und Louise Freyberger.
Freundschaftlichst Ihr
F. Engels
Da Sie keine besondere Adresse angeben, schreibe ich an die alte.
Aus dem Französischen.