London, 12./12./94
Lieber Sorge,
Heute ist an Dich abgegangen 1 Ex. Marx, „Kapital“, III.Band, registriert per Book Post1, was Du hoffentlich erhalten wirst.
Womit wir das unverdiente Glück verdient haben, daß Wilhelmchen2 unsre Leute wegen Sitzenbleibens „Majestätsbeleidigung“ im Reichstag verfolgen läßt, ist mehr, als ich ausfinden kann. Einen größeren Dienst hätte man uns nicht tun können. Wilhelmchen und „Herr von Köller, Sie machen’s immer döller“, scheinen das richtige Pärchen zu sein, alles in den Dreck zu reiten und uns – heraus.
Bebel hat gesiegt. Vollmar hat erstens die Debatte nach Bebels Artikeln abgebrochen, zweitens ist sein Appell an den Vorstand sehr resolut abgewiesen worden und drittens hat er an die Fraktion appelliert, diese aber, von Bebel für inkompetent erklärt, hat diese Inkompetenz anerkannt, und so geht die Sache an den nächsten Parteitag, wo B[ebel] ²/₃–³/₄ Majorität sicher hat.
Es ist die dritte Kampagne Vollmars um eine führende Stelle in der Partei auch außerhalb Bayerns. Das erstemal verlangte er, wir sollten Caprivi aktiv unterstützen, Regierungssozialisten werden. Das zweitemal, wir sollten Staatssozialismus treiben, dem jetzigen Deutschen Reich in sozialistischen Experimenten sekundieren. Beidemal abgeblitzt. Jetzt wieder.
Die Sitzenbleibungsszene im Reichstag hat den Franzosen mehr imponiert als die ganze 30jährige Arbeit der Partei. Unter uns gesagt, die Pariser – ich will nicht sagen die Franzosen, aber die Pariser – sind sehr heruntergekommen. Diese Phrasendrechslerci und dieser Respekt vor dem Melodramatischen werden mit der Zeit unerträglich.
Hoffentlich geht’s Dir und Deiner Frau gut.
Herzliche Grüße Euch beiden.
Dein
F. E.
Als Dank für die mir gesandten Census Reports etc. habe ich an Schlüter auch ein Ex. des III.Bandes geschickt, registriert, Book Post. Da ich aber nicht weiß, ob seine Adresse 935 Washington noch gilt, so hab’ ich’s an ihn, Adr. „Volkszeitung“, P.O. Box 1512, N.Y. City, geschickt. Wärst Du wohl so gut, ihm dies mitzuteilen?