London, 4.Dez. 1894
Lieber Sorge,
Dank für Deine und Deiner Frau Glückwünsche! Das 75ste läßt sich, unter uns, nicht ganz so stramm mehr an wie die früheren. Ich bin zwar noch frisch und flott auf den Beinen, auch arbeitslustig und relativ arbeitsfähig, aber ich finde doch, daß Magenbeschwerden und Erkältungen, die ich früher mit souveräner Verachtung behandeln durfte, jetzt sehr respektvolle Behandlung beanspruchen. Doch das ist nichts, wenn’s weiter nichts ist.
Ich schickte Dir gestern 3 Abdrücke „Vorrede“ zum 3.Band1. Eins für den unglücklichen Stiebeling, der mir seine Schreibereien in mehreren Ex. zugesandt hat. Eins für Dr. Phil. Fireman, wenn Du seine Adresse weißt oder erfahren kannst. Das dritte bitte nach Benutzung an Schlüter zu geben, der es vielleicht verwerten kann. In ca. 8 Tagen längstens hoffe ich Dir ein Ex. des Buchs selbst zuschicken zu können, sie sind als unterwegs angezeigt. Ferner heute in 1 bookpost-Rolle.
1. „Sozialdemokrat“
2. „Justice“, die ich Dir wieder regelmäßig schicken werde wegen der Anrempelei mit den Deutschen, die sie nicht lassen können. Was das Blatt über Triumphe der Social Democratic Federation sagt, ist fast alles gelogen, die Social Democratic Federation nimmt relativ gegen andre Organisationen ab, besonders gegen die Independent Labour Party; wenn’s so fortgeht, wird sie bald auch absolut abnehmen. Leider hat die Independent Labour Party kein ordentliches Blatt mehr.
3. „Glühlichter“ aus Wien und „Wahren Jakob“ aus Stuttgart, damit Du auch den „Witz“ kennenlernst, über den die Partei verfügt.
4. Bebels Rede in Berlin und seine 4 Artikel gegen Grillenberger und Vollmar.
Dieser letztere Kasus ist das Interessanteste. Die Bayern, die sehr, sehr opportunistisch geworden und fast schon eine ordinäre Volkspartei (d. h. die meisten Führer und viel neuer Parteizulauf) sind, hatten für das Gesamtbudget im bayrischen Landtag gestimmt, und namentlich Vollmar hatte eine Bauernagitation eingerichtet, um die oberbayrischen Großbauern-Leute mit 25–30 Acres Land (10–30 Hektaren), die also ohne Lohnarbeiter gar nicht fertig werden können – einzufangen, nicht aber ihre Knechte. Sie erwarten nichts Gutes vom Frankfurter Parteitag. Organisieren also, 8 Tage vor diesem, einen bayrischen Spezialparteitag, und dort konstituieren sie einen förmlichen Sonderbund, indem sie abmachen, daß die bayrischen Delegierten in Frankfurt geschlossen nach den bayrischen, vorweg festgestellten Beschlüssen stimmen sollen in allen bayrischen Fragen. So kommen sie hin, erklären, sie müßten in Bayern das Gesamtbudget bewilligen, das ginge nun einmal nicht anders; das sei zudem eine rein bayrische Frage, worin ein andrer sich nicht zu mischen habe. Mit andern Worten: beschließt ihr etwas was Bayern Unangenehmes, verwirft ihr unser Ultimatum, dann, wenn’s Spaltung geben sollte, ist’s eure Schuld!
Mit dieser in der Partei bisher unerhörten Prätensionen traten sie vor die übrigen, hierauf unvorbereiteten Delegierten. Und da das Einigkeitsgeschrei in den letzten Jahren bis aufs äußerste poussiert worden ist, war es kein Wunder, daß bei den vielen in den letzten Jahren zugelaufnen, noch nicht voll durchgebildeten Elementen diese Haltung, bei der die Partei nicht bestehn kann, ohne die verdiente entschiedne Zurückweisung durchschlüpfe und über die Budgetfrage kein Beschluß zustande kam.
Nun denke Dir, die Preußen, die die Majorität im Parteitag haben, wollten auch einen Vorkongreß halten, dort über die Haltung der Bayern oder etwas andres Beschlüsse fassen, die für alle preußische Delegierten bindend wären, so daß diese alle, Majorität wie Minorität, für diese Resolutionen auf dem allgemeinen Parteitag geschlossen stimmten, wozu wären dann allgemeine Parteitage überhaupt nötig? Und was würden die Bayern sagen, wenn die Preußen so genau dasselbe täten, was sie eben getan?
Kurz, so konnte die Sache nicht bleiben, und da ist Bebel in den Riß gesprungen. Er hat die Frage eben wieder auf die Tagesordnung gesetzt, und jetzt wird sie debattiert. Bebel ist weitaus der klarste und weitsichtigste Kopf unter ihnen allen; ich korrespondiere seit ca. 15 Jahren regelmäßig mit ihm, und wir stimmen fast immer überein. Liebknecht dagegen ist sehr eingetrocknet in seinen Ideen, der alte süddeutsch-föderalistische, partikularistische Demokrat bricht immer noch durch bei ihm, und was das Schlimmste, er kann es nicht ertragen, daß Bebel, der ihm längst über den Kopf gewachsen, ihn zwar gern neben sich duldet, sich aber nicht mehr von ihm will leiten lassen. Dazu hat er das Zentralorgan „Vorwärts“ so schlecht organisiert – wesentlich aus Eifersucht um seine leadership2, wo er alles dirigieren will und nichts wirklich dirigiert, also alles hindert –, daß das Blatt, das das erste in Berlin sein könnte, nur dazu gut ist, der Partei 50 000 Mark Überschüsse, aber keinen politischen Einfluß abzuwerfen. Liebknecht will natürlich mit Gewalt jetzt vermitteln und schimpft auf Bebel, aber dieser bekommt meiner Ansicht nach recht. In Berlin ist der Vorstand und die besten Leute schon jetzt auf seiner Seite, und ich bin überzeugt, appelliert er ans Parteipublikum, so bekommt er die große Majorität. Einstweilen heißt’s abwarten. Ich würde Dir auch die Vollmariaden etc. schicken, aber ich habe nur ein Ex. davon zum eignen Gebrauch.
Louise und das Kleine sind wohl.
Herzliche Grüße Dir und Deiner Frau und gute Besserung Deinen Augen und sonstigen Schädlichkeiten!
Dein alter
F. E.