159
Engels an Karl Kautsky
in Stuttgart

London, 23.Sept. 94
122, Regent's Park Road, N.W.

Lieber Baron,

Dein Appell wegen internationaler Dokumente traf mich noch in Eastbourne.1 Leider konnte ich Ede nicht beauftragen, Dir etwas herauszusuchen, da ich die Schlüssel meiner Schränke bei mir hatte und mehrere hätten durchsucht werden müssen – ich selbst finde mich kaum zurecht unter der Unordnung der alten Papiere. Zudem kamen wir den folgenden Tag (Dienstag) zurück, ich suchte etwas für Ede heraus, und wir baten ihn, den Abend zu kommen, aber da mußte er den Artikel für die „N[eue] Z[eit]“ fertigmachen; den Mittwoch morgen holte Ernst2 die Sachen, aber abends brachte Ede sie als zu spät zurück und sagte, Ihr hättet ohnehin schon etwas. Das, was ich gefunden, war ohnehin nichts Besondres, es ist schwer, ein nicht bekanntes Dokument der Internationale zu finden, das durch sich selbst heute noch durchschlagenden Effekt macht.

Für die armenische „Entwicklung“ vielen Dank. Glücklicherweise kann ich das nicht lesen.

Das Honorar für die Marx-Kapitel bitte ich von dem für meinen Artikel abzuziehen resp. dagegen zu verrechnen und mir für die Erben herzuschicken. Sollte das meinige nicht reichen, bitte ich, mich für die Differenz gegen künftige Arbeiten zu belasten.

Selbstverständlich tun mir Ex. der ganzen Nummer denselben Dienst wie Separatabzüge des Artikels. Ich brauche sie nur für ein paar ganz bestimmte Nebenzwecke.

Die Honorarzahlung an die Österreicher bleibt bis auf weitere Nachricht fortwährend in Kraft.

Die Italiener fangen an, mir fürchterlich zu werden. Gestern schickt mir der Quasselkopf Enrico Ferri seine sämtlichen Schriften der letzten Zeit und einen überschwenglichen Brief, der meine Gefühle für ihn nur noch unterschwenglicher gemacht hat. Und doch soll man dem Mann höflich antworten! Sein Buch Darwin-Spencer-Marx ist entsetzlich konfus, flacher Kohl. Die Italiener werden noch lange laborieren an dieser ihrer jebildeten Bourgeoisjugend. Ich werde wohl einmal etwas tun müssen, was meiner gefahrdrohend anwachsenden Popularität (die nicht poussiert wird von den Leuten, without a considerable eye to business3) ein Ende zu machen. Einstweilen werde ich in der Vorrede zum 3.Band an Achille Loria ein kleines Exempelchen statuieren.4

Der Krieg zwischen China und Japan bedeutet das Ende vom alten China, die vollständige, wenn auch allmähliche Revolution der gesamten ökonomischen Grundlage, bis Auflösung der alten Verbindung von Ackerbau und Industrie auf dem Lande durch große Industrie, Eisenbahnen etc., und damit die Massenauswanderung der chinesischen Coolies5 auch nach Europa, also für uns eine Beschleunigung des débacle6 und Steigerung der Kollision zur Krisis. Es ist wieder die prachtvolle Ironie der Geschichte: nur China bleibt der kapitalistischen Produktion noch zu erobern, und indem sie es endlich erobert, macht sie sich selbst in ihrer Heimat unmöglich.

Viele Grüße von Haus zu Haus.

Dein
F. E.

Bald ziehen wir aus nach 41, Regent's Park Road, näher an St.Mark's Church; nähere Angabe folgt.