London, 28. Juli 94
122, Regent's Park Road, N.W.
Lieber Baron,
Mit dem Abdruck des Artikels1 eilt es nicht. Wenn ich die Korrektur besorgt habe, kannst Du ihn drucken, wann Du willst, im September oder selbst Oktober. Ich habe mich mit dem Gegenstand getragen seit 1841, wo ich bei F. Benary eine Vorlesung über die „Offenbarung" las. Seitdem war mir klar, daß hier das älteste und wichtigste Buch des „Neuen Testaments" vorlag. Nach dieser 53jährigen Schwangerschaft eilt der Austritt an die Außenwelt gar so arg.
Was Deine Fragen angeht.
1. Ich bezeichne, wenn ich mich anders richtig ausgedrückt, Kleinbauern2 und Landsklaven keineswegs als unter den ersten Anhängern des Christentums, sondern zähle sie nur auf unter den Klassen, unter denen es auf mögliche Anhänger rechnen konnte. Und dazu gehörten sie ganz gewiß – besonders im 2. und 3. Jahrhundert. Daß das Christentum, seit seiner ersten Auswanderung aus Judäa nach Nordsyrien und Kleinasien, resp. Griechenland, Ägypten und Italien, seine Entwicklung und erste Anhängerschaft in den Städten fand, darüber ist kein Zweifel.
2. Ob das 1000jährige Reich ins Diesseits oder Jenseits gehört? das kommt drauf an, wie man's versteht. Ich nenne Jenseits, was nach dem Tode ist. Und darüber läßt die Offenbarung absolut keinen Zweifel. Das 1000jährige Reich ist nur für die Märtyrer, und allenfalls die dann bei seiner Errichtung grade noch lebenden Christen, und sofern für diese letzteren diesseitig, während es für die Märtyrer, die erst auferstehn, jenseitig ist. Es ist also die alte Geschichte: you pays your money and you takes your choice3. Das Entscheidende ist für mich, daß es ohne Unsterblichkeitsvorstellung und Glauben an jenseitige Belohnung und Bestrafung nicht möglich ist. Und noch viel weniger diesseitig ist erst das neue Jerusalem, das nach dem 1000jährigen Reich und dem Jüngsten Gericht kommen soll.
Aber auch nach den sog. Paulinischen Briefen sollen die noch lebenden Gläubigen bei der Wiederkunft Christi „verwandelt", aus Sterblichen in Unsterbliche umtransmagnifiziert werden.
Daß dabei dies 1000jährige Reich in irdischen Farben geschildert wurde, versteht sich. Selbst die Offenbarung kann sich nicht mit der himmlischen Freude begnügen, wonach man mit nackten 4 Buchstaben auf einer feuchten Wolke sitzt und mit mehr oder weniger blut'ger Hand die Harfe schlägt und Choräle singt in Ewigkeit.
Die Vorrede zum 3. Band4 ist 1. noch nicht geschrieben und 2. kann ich sie Dir nicht geben. Diese Lösung der Profitratenpreisfrage und Preisverteilung kann mit der ihr gebührenden Würde nur im Buch selbst gegeben werden.
In ganz Amerika ist nicht ein einziger intelligenter Korrespondent außer Sorge und Schlüter aufzutreiben, weil die Deutschen dort dieselbe Sektiererstellung gegenüber der Arbeitermasse hartnäckig festhalten, auf die sich hier die Social Democratic Federation gesteift hat. Statt in den Bewegungen der Amerikaner das forttreibende Element zu sehn, das sie, wenn auch auf Irrwegen und Umwegen, endlich zu demselben Resultat führen muß wie das, was sie aus Europa mitgebracht, sehn sie darin nur die Irrwege, sehn hochtrabend herab auf die dummen blinden Amerikaner, pochen auf ihre orthodoxe Überlegenheit, stoßen die Amerikaner ab, statt sie anzuziehn, und bleiben deshalb selbst eine machtlose kleine Sekte. Daher kommt's, daß auch ihre Schriftsteller in reine Ideologie verfallen und alle Verhältnisse falsch und eng auffassen. Hepner war nun stets ein Männchen, das in einer Phantasiewelt lebte, und wenn er sentimental wird, leistet er Unbeschreibliches. Ich habe mal eine Komödie von ihm gelesen – die witzigen Sachen recht gut, aber die ernsten, verliebten Szenen überschwenglich, – zum Wälzen vor Lachen.
Beste Grüße von Haus zu Haus.
Dein
F. E.