London, 17. Juli 1894
Lieber Victor,
Es freut mich, daß die paar Mark Dir so gelegen kommen, ich hoffe, Du benützest sie, um Dir die so absolut nötige Ruhe und Erholung auf dem Lande zu verschaffen. Du mußt absolut fort, die Nachkur nach den Gefängnisstrapazen ist Dir nötiger als irgend etwas. Du sagst selbst, Du fühlst Dich abgespannt, und das ist wahrhaftig kein Wunder, also sobald Du herauskommst, fort aufs Land! Für die vollständige Wiederherstellung Deiner Frau ist das auch das beste.
Das zusätzliche Kapitel (es ist nur eine Erweiterung eines schon bestehenden) im „Anti-Dühring“ ist von Marx, hat mir also bloß Kopier- und Redigierarbeit gemacht.
Vom dritten Band1 sind zirka 36 Bogen gesetzt, es werden wohl über 50 werden. Da Meißner alles Interesse daran hat, im September damit herauszurücken, wird’s wohl bis dahin fertig.
Zu Eurem Tagblatt gratuliere ich und freue mich schon darauf. Es ist wirklich nötig, daß dem unerträglichen „Vorwärts“ ein Beispiel gegeben werde, „wie man’s macht“. Die Leute werden dann schon folgen müssen. Allerdings merkt man, wenn Du sitzest, der „Arb[eiter]-Ztg.“ auch von Zeit zu Zeit an, daß Ihr ebenfalls unbrauchbare Leute habt, die sich dahin vordrängen, wohin sie nicht gehören. Aber wenn das Tagblatt da ist, wirst Du Deine rednerische Tätigkeit schon von selbst auf wenige entscheidend wichtige Momente beschränken müssen und daher weniger sitzen, und beim Blatt selbst ist ja der Sitzredakteur ohnehin unumgänglich, das Lamm, das der Redaktion Sünden trägt.
Und dann habt Ihr in Wien augenblicklich einen besseren Boden für ein Tagblatt, als Berlin ihn bietet. Ihr steht in einer aufsteigenden politischen Bewegung; Wahlreform ist Euch sicher, und schon der Kampf um ein solches Ziel, um einen unmittelbaren politischen Fortschritt, ist ein enormer Vorteil für Euer Blatt; die Wahlreform aber ist nur der Anstoß, der den Stein ins Rollen bringt und andere Konzessionen wegen Presse, Vereinen, Versammlungen, Gerichtspraxis etc. zur Folge haben muß. Kurz, Ihr seid in der Offensive, und zwar in einer, die zunächst noch des Sieges gewiß ist. Dagegen in Frankreich, Deutschland, Italien stehen unsere Leute in einer nicht einmal immer hoffnungsvollen Defensive, haben den Ansturm einer sich immer stärker aus den verschiedensten Parteien zusammenballenden Reaktion auszuhalten. Es ist das Beweis – wenigstens in Deutschland –, daß die Unseren eine wirkliche Großmacht im Lande geworden, und in Frankreich ist’s Beweis, daß man auf diesem revolutionär unterwühlten Boden die Unseren wenigstens für eine Großmacht hält. Aber bei alledem ist Eure Lage für den Kampf momentan günstiger – Ihr greift an, erobert Schritt vor Schritt Terrain, jeder errungene und besetzte neue Bodenabschnitt stärkt nicht nur Eure Stellung, sondern führt Euch Massen neuer Verstärkungen zu: bei Eurem primitiven Konstitutionalismus können die Arbeiter wenigstens noch einige der Positionen erobern, und das auf gesetzlichem Weg, also auf dem Weg, der sie selbst politisch schult – der Positionen, die die Bourgeoisie hätte erobern sollen. Auch bei uns gibt’s noch solche Positionen zu nehmen, aber die kriegen wir erst, wenn ein Anstoß von außen kommt, von einem Land, wo die Verquickung der alten feudalen, bürokratischen, polizeilichen Formen mit annähernd modernen bürgerlichen Institutionen den ersteren ein so starkes Übergewicht gelassen, daß die Situation zu unmöglichen Verwicklungen führt. Und in dieser glücklichen Lage seid Ihr, und in der noch glücklicheren, daß Eure Arbeiterbewegung groß und stark genug ist, hier die Entscheidung zu geben, und damit, wie ich hoffe, für Deutschland, Frankreich und Italien den Anstoß, der dort nötig ist, um die viel zu früh sich bildende „eine reaktionäre Masse“ momentan wiederum zu sprengen, und statt des chronischen reaktionären Drucks einige bürgerliche Reformen im Sinne der Bewegungsfreiheit der Massen ins Leben zu rufen. Erst von dem Tage an, wo Ihr die – einerlei welche – Wahlreform erkämpft, erst von da an hat eine Agitation gegen die Dreiklassenwahl in Preußen einen Sinn. Und schon jetzt hat die Tatsache, daß es in Österreich eine Wahlreform irgendeiner Art geben wird, das bedrohte allgemeine Stimmrecht in Deutschland sichergestellt. Ihr habt also in diesem Moment eine sehr bedeutende historische Mission. Ihr sollt die Avantgarde des europäischen Proletariats bilden, die allgemeine Offensive einleiten, die hoffentlich nicht wieder ins Stocken kommt, bis wir den Sieg auf der ganzen Linie errungen – und Du sollst diese Avantgarde führen – wenn Du da nicht baldigst aufs Land gehst und Dich ausgiebig mit neuen Kräften versorgst, dann versäumst Du Deine erste Pflicht.
Und diese Pflicht wird um so ernsthafter, je mehr Du an die einzigen Rivalen denkst, die Ihr als Avantgarde haben könntet – die Franzosen. Du schriebst an Louise, ich möchte Dir darüber berichten. Ich habe es bis heute aufgeschoben, weil 1. Tussy vorige Woche von Paris vom Glasarbeiterkongreß zurückkam, und 2. vorgestern Bonnier bei uns war, und ich erst hören wollte, was die erzählten. Well, soweit ich sehen kann, liegen die Sachen wie folgt.
Die letzten Wahlen brachten etwa 25 „Sozialisten“ – Marxisten, Broussisten, Allemanisten, Blanquisten, Unabhängige – in die Kammer. Gleichzeitig vernichteten sie die bisherige „radikale Fraktion“, die sich auch républicains socialistes2 nennende Gruppe, namentlich durch Ausschluß aller früheren Führer. Da taten sich etwa 30 der zu dieser Gruppe gehörigen und wieder gewählten zusammen unter Millerand und Jaurès und boten den „Sozialisten“ die Fusion an. Es war dies ein sehr sicheres Manöver ihrerseits; denn nicht nur waren sie zahlreicher als die Altsozialisten, sondern auch einig, während diese in x Gruppen gespalten. Sie wurden also wieder eine respektable Gruppe von 50 bis 60 Mann in der Kammer, ohne daß sie den Altsozialisten mehr zu bieten brauchten als ein sehr platonisches sozialistisches Programm, dessen politisch radikale Artikel wie die allgemeine Arbeiterfreundlichkeit sie schon früher im Programm gehabt, während die socialisation des moyens de production3 einstweilen noch unschuldige Zukunftsmusik war, die vielleicht für die dritte oder vierte Generation praktische Bedeutung bekommen könnte, früher sicher nicht.
Unsere 25 Altsozialisten griffen mit beiden Händen zu. Sie waren nicht imstande, Bedingungen zu stellen, dazu waren sie viel zu uneinig. Zwar wollte man, wie schon bei den Wahlen, in der Kammer zusammengehen, aber im übrigen sollten die besonderen Organisationen alle nebeneinander bestehenbleiben; welche Gruppe da hätte den Neusozialisten spezifische Bedingungen stellen wollen, die wäre mit den anderen in Konflikt gekommen. Und zudem hätten es keine Franzosen sein müssen, um bei der plötzlichen Aussicht, von 25 auf 55 oder 60 Mann in der Kammer anzuwachsen, nicht in Begeisterung zu geraten und über dem augenblicklichen Schein oder wirklichen Erfolg die Gefahren der Zukunft außer Augen zu lassen. Was Kuckuck, die Deutschen renommieren so mit ihren 44, und wir haben über Nacht 55, wo nicht 60! La France reprend sa place à la tête du mouvement!4
Die 30 oder 35 Neusozialisten sind mit dem Sozialismus eine Verstandsehe eingegangen. Sie hätten’s ebenso gern auch nicht getan, aber es war für sie das gescheiteste, den Sprung zu machen. Sie merken, daß sie nun einmal ohne die Arbeiter sich nicht halten können, und wohl oder übel sich an diese anschließen müssen. Aber ganz freiwillig ist der Anschluß bei allen anfangs nicht gewesen, und bei manchen gewiß auch jetzt noch nicht.
Von den Hauptvertretern ist Millerand einer der gescheitesten, und ich glaube auch aufrichtigsten, aber ich fürchte, bei ihm sitzt noch manches bürgerlich-juristische Vorurteil fester, als er selbst weiß. Politisch ist er der tüchtigste Mann der ganzen Gruppe. Jaurès ist ein Professor, Doktrinär, der sich gern reden hört, und den die Kammer lieber reden hört als Guesde oder Vaillant, weil er den Herren der Majorität doch verwandter ist. Ich glaube, er hat die ehrliche Absicht, sich zu einem ordentlichen Sozialisten zu entwickeln, aber Du weißt, der Tatendrang dieser Neophyten steht im direkten Verhältnis zu ihrer Sachunkenntnis, und letztere ist bei Jaurès sehr groß. So konnte es kommen, daß Jaurès in Paris denselben Vorschlag als sozialistisch einbrachte, den Graf Kanitz in Berlin im Interesse der Junker deponierte: Verstaatlichung der Getreideeinfuhr zum Zweck der Hochstellung der Kornpreise. Und da bei den Altsozialisten der Kammer die Sachunkenntnis in oeconomicis – seit Lafargues Durchfall in Lille ist keiner drin, der etwas davon weiß – ebenfalls ziemlich hochgradig ist, so konnte Guesde sich nicht versagen, wenigstens einen Teil dieses Antrages als „sozialistisch“ und gegen die „Spekulation“ gerichtet zu verteidigen. Die „Spekulation“ dadurch zu stürzen, daß man den Getreidehandel einer aus Panamaschwindlern bestehenden Regierung und Regierungspartei überträgt, ist allerdings eine famos sozialistische Idee. Ich habe den Herren auch durch Bonnier und Lafargue meine Meinung über diesen Riesenbock unverhohlen gesagt.
Ich habe ihnen ferner gesagt: die Fusion, statt der bloßen Allianz, mit den Neusozialisten war ein vielleicht unvermeidliches Schicksal. Aber dann haltet die Möglichkeit im Auge, daß hier bürgerliche Elemente vorliegen, mit denen ihr in prinzipiellen Konflikt kommen könnt; daß also eine Trennung unvermeidlich werden kann. Bereitet euch darauf vor, dann kann gegebenenfalls die Überführung in eine einfache Allianz leicht erfolgen, und ihr braucht in der Überraschung keine Dummheit zu machen. Vor allem, wenn die Leute in der gemeinsamen Fraktion Dinge vorbringen, die ihr nicht billigen könnt, und ihr werdet überstimmt, so behaltet euch vor, diese Maßregeln in der Kammer nicht durch Reden verteidigen zu müssen, sondern im Gegenteil in eurer Presse eure abweisende Meinung zu begründen, selbst wenn ihr der Einigkeit zulieb für diese Dinge stimmen müßt. – Nun, wir wollen sehen, ob’s was hilft.
Also: einerseits sind es die Neusozialisten, die den verschiedenen Gruppen der Altsozialisten eine gewisse Einigkeit aufnötigen. Anderseits wollen die Leute im Ausland es sich nicht einleuchten lassen, daß nun plötzlich eine Gruppe von 60 Mann „aus nichts“ entstanden ist, und daß die Hauptredner Millerand und Jaurès bisher nicht als Sozialisten bekannt waren; daher der ganz natürliche Zweifel an der Waschechtheit dieser 60, namentlich nach dem brillanten Eindruck, den die französischen Delegierten in Zürich hinterlassen.
Unterderhand gehen die Klüngeleien und Befehdungen der verschiedenen Sekten ruhig voran. Namentlich klagen die Marxisten über Vaillant, der viel Propagandareisen in der Provinz macht und dort über die Marxisten allerhand falsche Verlästerungen ausstreuen soll. Vaillant ging früher mit den Marxisten fast immer zusammen, aber 1. ist er ein strikter blanquistischer Parteimann, der Parteibeschlüsse unter allen Umständen durchführt, und seit zwei Jahren existiert Krakeel zwischen Blanquisten und Marxisten; und 2. gibt’s in seinem Wahlkreis viel Possibilisten, er braucht sie, und daher zum Teil seine Schwenkung zu diesen.
Sehr möglich ist es, daß die neuen Reaktionsmaßregeln in Frankreich die Neusozialisten weitertreiben, und allmählich eine wirklich sozialistische Fraktion aus den 60 wird. Aber das ist eben noch nicht wirklich, und es kann auch anders kommen.
Hier geht’s den alten englischen Schlendrian. Die ökonomische wie politische Entwicklung treibt die Massen der englischen Arbeiter mehr und mehr in unsrer Richtung voran, aber bis diese aller theoretischen Anschauungsweise entwöhnten, nie über ihre Nasenlänge hinaussehenden „Praktiker“ sich über ihre eigenen Gefühle und Bedürfnisse ein Bewußtsein bilden, können Jahre vergehen, es sei denn, sie werden direkt mit der Nase darauf gestoßen. In der Zwischenzeit blüht unter den „Führern“ die politische Mogelei nach bürgerlich-parlamentarischer Art lustig fort, und man erlebt da täglich neue Wunder.
Ludwig ist heute im Examen zum Member5 (nicht mehr bloß licenciate) of the Royal College of Physicians. Das Ding dauert 14 Tage. Nachher werden wir hoffentlich bald an die See gehen können – wegen Hausangelegenheiten kann ich dies Jahr nicht von England weg.
Louise grüßt herzlich, sagt, von Bösessein sei keine Rede, nächstens würdest Du die Ursache erfahren, warum Du noch keine Antwort hast.
Herzliche Grüße an Deine Frau, Adelheid, Popp und alle Freunde.
Dein
F.E.
Nach: Victor Adler,
„Aufsätze, Reden und Briefe“,
Heft 1, Wien 1922.