London, den 2. Juni 94
Mein lieber Lafargue,
Inliegend der Scheck über zwanzig Pfund. Bitte bestätigen Sie mir den Eingang.
Das letzte Stück des Manuskripts des 3. Bd.1 ist in der Druckerei. Uff! Aber die Korrekturbogen machen mir sehr viel Arbeit; sie verlangen ständige, ununterbrochene Aufmerksamkeit, das ist ermüdend! Zudem bedient sich Meißner einer ziemlich nachlässigen Druckerei, was meine Arbeit erschwert. Hinzu kommt, daß man bei Dietz die 3. Auflage meines „Anti-Dühring" druckt, und Sie werden mir sicher glauben, wenn ich Ihnen sage, daß ich buchstäblich mit Korrekturbogen überhäuft bin.
Über Ihre Schilderung des modernen Sozialismus in Frankreich habe ich gelacht. Aber das kann eine ernste Wendung nehmen. Wenn Ihr eine solide und starke Armee hättet, wie es die 2 Millionen Wähler in Deutschland sind, so würde das freilich die konfuse Masse der neu Hinzugekommenen entscheidend beeinflussen. Aber mit einer in Marxisten, Blanquisten, Allemanisten, Broussisten und mehrere andere -isten gespaltenen Partei, ganz zu schweigen von den Ex-Radikalen à la Millerand, die alle anderen in der Kammer beherrschen, ist es sehr schwer zu sagen, wohin diese neue Mode Euch führen wird. Sie vergleichen das mit dem Boulangismus – der Boulangismus hat, nachdem er einige Monate hindurch schwelgte, ein Ende in Schmutz und Schande genommen. In einer Bewegung dieser Art ist es fast gewiß, daß Phraseure à la Jaurès vorherrschen werden, die sich schon das Alleinrecht anmaßen, in der Kammer in Ihrer aller Namen zu sprechen. Heute hört die Kammer auf sie, wo sie die Unsrigen zum Schweigen bringen, morgen wird das Land auf sie hören. Es ist immerhin möglich, daß dies alles nicht so schlecht und sogar gut ausgeht; inzwischen aber werdet Ihr kuriose Abenteuer durchzustehen haben, und ich beglückwünsche uns alle dazu, daß es in Deutschland ein solides Kampfkorps gibt, dessen Handeln den Kampf entscheiden wird. Diese sozialistische Manie, die sich bei Euch zeigt, kann zu einem entscheidenden Konflikt führen, in dem Ihr die ersten Siege davontragen werdet; die revolutionäre Tradition des Landes und der Hauptstadt, der Charakter Eurer Armee, die seit 1870 bedeutend stärker auf Volksbasis reorganisiert worden ist, all dies läßt eine derartige Möglichkeit zu. Um aber den Sieg zu sichern, um die Grundlage der kapitalistischen Gesellschaft zu zerstören, braucht Ihr die aktive Unterstützung einer sozialistischen Partei, die stärker, zahlreicher, erprobter, bewußter ist als die, über die Ihr verfügt. Das wäre die Erfüllung dessen, was wir seit vielen Jahren vorausgesehen und vorausgesagt haben: die Franzosen geben das Signal, eröffnen das Feuer, und die Deutschen entscheiden die Schlacht.
Vorläufig aber sind wir noch weit davon entfernt, und ich bin sehr neugierig, wie sich die konfuse Begeisterung, die Euch umgibt, entwirren wird.
Sogar Carl Hirsch hat in der „Rheinischen Zeitung" festgestellt, daß hinter diesem ganzen Turpin-Spektakel nur Börsenspekulanten stecken. Nur der englischen Presse ist es verboten, das zu sagen und infolgedessen gibt sie vor, daß es sich dabei um eine Affäre der hohen und niederen Politik handelt. Hier ist man davon überzeugt, daß hinter jeder großen politischen Affäre die Börse und die Geschäftemacher stehen – und eben deshalb ist es streng verboten, das zu sagen. Protestantische bürgerliche Heuchelei. Denken Sie an Jabez Balfour, an Mundella, der eben seinen Ministerposten aufgegeben hat, und das aus gutem Grunde, sowie an Sir J. Fergusson und Sir J. Gorst, die in die Sache hineingezogen worden sind und sich wahrscheinlich für jedes künftige Tory-Ministerium unmöglich gemacht haben.
Neulich ist Kautsky hier eingetroffen; er ist viermal bei uns gewesen. Louise und ihr Mann haben ihn auf die charmanteste Weise empfangen; wenn jemand verlegen war, so nicht sie.
Was Ihr Medaillon (ich meine meins) angeht, so wird das Schwierigkeiten machen. Einmal in meinem Leben habe ich die Dummheit gemacht und mich im Profil aufnehmen lassen, aber das soll nicht wiedervorkommen. Ich sehe so dumm aus, daß ich mich hüten werde, der Nachwelt mein Porträt im Profil zu hinterlassen. Das Medaillon von Marx würde ich jedoch sehr gern sehen (schicken Sie bitte auch eins für Tussy!), und ich bin sehr neugierig, ob Ihrem Künstler die Wiedergabe der Nase geglückt ist, die im Profil wirklich unmögliche Linien hat.
Umarmen Sie Laura für mich!
Grüße von Louise und Ludwig. Letzterer zeigt den englischen Ärzten auch weiterhin, wie sehr ihnen die Kollegen vom Kontinent in der wahren Wissenschaft, Anatomie, Physiologie, Pathologie usw. überlegen sind.
Herzlichst
F. Engels
Aus dem Französischen.