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Engels an Pablo Iglesias
in Madrid
(Entwurf)

[London, 26. März 1894]

Lieber Freund Iglesias,

Deinen Brief vom 24. Nov. habe ich rechtzeitig erhalten und beginne meine Antwort mit der Erklärung, daß dies mein letzter Brief ist, wenn Du Dich weiter darauf versteifst, mich mit Sie anzureden. Ich hätte wirklich allen Grund, gekränkt zu sein, da Du mir die zwischen alten Internationalen und Kampfgefährten gewohnte Anrede verweigerst, die mir Anselmo Lorenzo 1872 gewährte und die mir so viele Genossen gewähren, alte und junge1. Also zum Du!

Ich schreibe französisch weiter; da ich seit über zwanzig Jahren nicht spanisch geschrieben habe, würde ich einen ganzen Tag brauchen, um einen Brief in Spanisch zu schreiben. Entschuldige bitte!2

Also. Ich habe es sehr bedauert, daß ich in Zürich die Chance, Dich zu sehen, verpaßt habe. Als ich am Samstag früh in die Tonhalle ging, kamen, bevor ich den Sitzungssaal betrat, viele Freunde ins Restaurant, um mich zu sprechen; ich habe fast alle gebeten, die spanische Delegation zu suchen und Dir zu sagen, daß ich Dich erwarte; aber niemand kam. Nach Schluß des Kongresses versicherte man mir, daß ich Dich bestimmt nachmittags auf dem Dampfer sehen würde. Aber ich habe Dich vergebens gesucht und weiß jetzt auch warum: Am Sonntag konnte mir niemand sagen, wo Du logierst, man sagte mir wiederholt, Du wärest abgereist, und dann habe ich es aufgegeben, Dich zu finden. Ich habe das sehr bedauert, denn einer der Gründe, und keineswegs der geringste, warum ich nach Zürich fuhr, war die Hoffnung, dort meinen alten Freund Iglesias persönlich zu sehen und ihm die Hand zu drücken.

Dank für die regelmäßige Zusendung von „El Socialista", den ich jeden Samstag abend mit Vergnügen lese und aus dem ich mit Befriedigung ersehe, daß sich Eure Organisation allmählich über ganz Spanien ausdehnt, daß in den baskischen Provinzen der Sozialismus auf den Trümmern des Karlismus entsteht und die entfernten Provinzen Galicien und Asturien zur Bewegung zu stoßen beginnen. Enhorabuena!3

Was die Anarchisten angeht, so sind sie wahrscheinlich im Begriff, sich selbst umzubringen. Diese heftigen Attacken, diese Serie von Attentaten, die unsinnig und im Grunde von der Polizei bezahlt und provoziert sind, müssen schließlich sogar den Bourgeois die Augen über den wahren Charakter dieser Propaganda von Narren und Polizeispitzeln öffnen. Selbst die Bourgeoisie wird mit der Zeit finden, daß es absurd ist, die Polizei und durch die Polizei die Anarchisten zu bezahlen, damit sie dieselben Bourgeois, die sie bezahlen, in die Luft sprengen. Und wenn wir jetzt auch riskieren, unter der bourgeoisen Reaktion zu leiden, so werden auf die Dauer doch wir gewinnen, weil wir diesmal allen vor Augen führen können, daß zwischen uns und den Anarchisten ein Abgrund klafft.

Hier geht die Bewegung ziemlich langsam voran. Es gibt bei den Arbeitermassen bestimmt eine starke Neigung zum Sozialismus. Aber die historischen Bedingungen in England sind derart, daß diese Neigung der Masse bei den Führern eine Menge verschiedener, sich überschneidender und einander bekämpfender Strömungen erzeugt. Hier wie in Frankreich wird man die Einheit nur dann erreichen, wenn eine gewisse Anzahl sozialistischer Abgeordneter im Parlament sitzen wird; heute sind es nur zwei – das ist einer zuviel oder mindestens einer zuwenig.

In Italien reift eine kritische und revolutionäre Situation heran. Ich schicke Dir die „Critica Sociale" mit einem Artikel, den ich auf Bitten der Mailänder Freunde geschrieben habe.

In Deutschland entwickeln sich die Dinge wie üblich. Das ist eine gut organisierte und gut disziplinierte Armee, die von Tag zu Tag größer wird und mit sicherem und unbeirrbarem Schritt ihrem Ziel entgegenschreitet. In Deutschland können wir fast den Tag errechnen, an dem4 die Staatsmacht in unsere Hände fallen wird.

Inzwischen möchte ich Deine Aufmerksamkeit auf Österreich lenken. Dort bereitet sich ein großer Kampf vor. Die herrschenden Klassen, Feudaladel wie Bourgeoisie, haben ihre Ressourcen erschöpft. Eine Wahlrechtsreform ist unvermeidlich geworden. Man versucht die Dinge so zu arrangieren, daß die Arbeiterklasse nicht zu viele Vertreter in das Abgeordnetenhaus bekommt. Aber die Arbeiter sind entschlossen5, sie werden die Bourgeois Schritt für Schritt zum Nachgeben zwingen, bis das allgemeine Wahlrecht bewilligt ist. Nach Zürich habe ich Wien besucht; nach allem, was ich gesehen habe, scheinen mir die österreichischen Sozialisten eine große Zukunft zu haben.

Als ich bis hier geschrieben hatte, traf Dein Brief vom 22. März ein. Es bedrückt mich, daß ich Dir nicht einige Zeilen zum 1. Mai schicken kann, aber ich bin gerade dabei, die Schlußredaktion des 3. Bandes des „Kapitals" von Marx zu beenden, und sehe mich gezwungen, jede Mitarbeit sowohl für den 18. März als auch für den 1. Mai abzulehnen. Und was ich den Franzosen, den Deutschen, den Österreichern usw. abgelehnt habe, kann ich nicht für Euch tun.

Ich umarme Dich herzlich.

Aus dem Französischen
und Spanischen.